VfB Stuttgart gegen FC Bayern Wie die Jungen Wilden ihre Reifeprüfung ablegen

Der VfB Stuttgart spielt Fußball mit Köpfchen. Hier behauptet sich Orel Mangala (links) gegen den Bayern-Profi Corentin Tolisso. Foto: Bauman

Trotz der 1:3-Niederlage hat der VfB Stuttgart gezeigt, dass er den FC Bayern durchaus vor Probleme stellen kann. Das Team von Trainer Pellegrino Matarazzo befindet sich in der Fußball-Bundesliga aber noch im Lernprozess – wir erklären warum.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Stuttgart - Der Trainer hat erst einmal genug gehabt. Genug von diesem ganzen Lob, das der VfB Stuttgart gerade immer wieder zu hören bekommt. Siege wären Pellegrino Matarazzo viel lieber als die volle Anerkennung der Gegner. Selbst wenn es wie in diesem Fall von höchster Stelle kommt. „Der VfB hat es gegen uns sehr gut gemacht, und er spielt einen sehr attraktiven Fußball“, sagt Hansi Flick, der Coach des Triplegewinners FC Bayern.

 

Froh waren die müden Münchner, dass sie in Stuttgart mit 3:1 gewonnen hatten. Aufgrund ihrer individuellen Klasse und ihrer Kaltschnäuzigkeit beim Abschluss. „Am Ende hat man zwei Mannschaften gesehen, bei denen die Effizienz vorne den Unterschied ausgemacht hat“, sagt Matarazzo. Hier Flicks FC Bayern, der aufgrund dieser Qualität an der Tabellenspitze der Bundesliga liegt. Dort Matarazzos VfB-Elf, die im Wachsen ist. Eine Standortbestimmung nach neun Spieltagen.

Die Mannschaft

Der VfB befindet sich in einem Lernprozess – und die Stuttgarter lernen offenbar schneller, als es ihnen nach dem mühsamen Aufstieg zunächst zugetraut wurde. Doch nun bewahrheitet sich eine These des Sportdirektors. Er vollzog nach dem Abstieg einen kompletten Umbruch. Mit vielen jungen Spielern ging Sven Mislintat dabei mit Blick auf die Mission Wiederaufstieg ein höheres Risiko ein, als er es mit erfahrenen Kräften getan hätte. Doch der VfB vertraute auf das Potenzial der Talente und setzte auf deren Entwicklung. Das zahlt sich jetzt aus. Bestes Beispiel: Tanguy Coulibaly.

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Während der vergangenen Saison spielte der 19-Jährige so gut wie keine Rolle. Jetzt ist er ein Faktor in der Mannschaft. Gegen das Starensemble von der Isar erzielte Coulibaly mit seinem ersten Bundesligator die Führung (20.). Giftig attackierte er zudem Benjamin Pavard und Co. Er sprintete bis zu seiner Auswechslung so viel wie kein anderer Spieler. Und er dribbelte stets unbekümmert drauflos. Das bereitet Spaß. Wenn auch manche Szenen unreif wirkten. Doch so ein Spiel gegen die Besten hilft weiter – Coulibaly, aber auch einem Team, das beim Anpfiff im Schnitt fast fünf Jahre jünger war als das der Bayern.

Der Trainer

Pellegrino Matarazzo mag nicht verlieren. Dieser Ehrgeiz treibt ihn an. Und gegen den FC Bayern hat er gesehen, dass seine Mannschaft an diesem Samstagnachmittag nah dran war am großen Meister. „Wir haben mithalten können und unsere Art des Fußballs durchgezogen“, sagt der Trainer trotz der Niederlage. Der mutige Auftritt kann auch als ein Erfolg der Trainerarbeit betrachtet werden. Weil Matarazzo dabei ist, eine Mannschaft mit Zukunft zu formen.

„Wir haben durchaus charakterliche Reife gezeigt, da wir Rückschläge weggesteckt haben“, sagt der Trainer. Zunächst die Gegentore durch Kingsley Coman (38.) und Robert Lewandowksi (45.). Dann ebenso ein per Videobeweis zurückgenommener Treffer von Philipp Förster sowie eine Reihe von vergebenen Chancen. Hier trat Förster ebenfalls in Erscheinung. Aber die Stuttgarter haben sich nicht entmutigen lassen – und Matarazzo hat bis zum Schluss (Douglas Costa traf noch in der 88. Minute) auf Angriff gesetzt.

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Der 43-Jährige tut dies jedoch nicht im Harakiri-Stil, sondern durchdacht. So wie er mit den Spielern arbeitet und sie verbessert. Siehe Nicolas Gonzalez oder Silas Wamangituka. Es wäre interessant zu erleben gewesen, wie ein nicht verletzter Gonzalez die Bayern-Defensive beschäftigt hätte – im Zusammenspiel mit einem Wamangituka, der mit seinem Tempo und seiner Körperlichkeit Jérôme Boateng und Lucas Hernandez schon mal beiseite räumte.

Die Taktik

Der Trainer reihte in der Abwehr eine Fünferkette auf. Davor positionierten sich die defensiven Mittelfeldspieler Wataru Endo und Orel Mangala. So weit, so üblich. Und das klingt gegen den FC Bayern zunächst nach Sicherheit, aber Pellegrino Matarazzo ließ diese Formation gegen den Ball offensiv interpretieren.

Die Posten der Außenverteidiger besetzten Silas Wamangituka und Borna Sosa – ein Stürmer und ein Abwehrspieler, der besser angreift als verteidigt. Pellegrino Matarazzos Kniff war jedoch, vorne Tanguy Coulibaly und Philipp Förster aufzubieten, um die Münchner bereits früh zu attackieren. Unterstützt von Wamangituka, über den man nicht mehr sagen konnte, ob er gerade Flügelstürmer oder Außenverteidiger war.

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Erwartet wurde in der Sturmmitte dagegen Sasa Kalajdzic. Auch der Trainer erwog diese Lösung, entschied sich jedoch für den dynamischeren Coulibaly. Und nach dem kurzfristigen Ausfall von Daniel Didavi bot Matarazzo einem Bauchgefühl folgend Förster auf, der bei seinem Startelfdebüt in der Bundesliga „seine Aufgabe erfüllte und gut spielte“, wie Matarazzo erklärt. Insgesamt fügte sich das Ganze zu einer starken mannschaftstaktischen Leistung und zeigt die Variabilität.

Die Perspektive

Der VfB hat bereits gegen Teams aus allen Tabellenkategorien gespielt. Spitze, international ambitioniert, Kellerkinder – und er steht ordentlich da. „Wir sind voll im Soll“, sagt Sven Mislintat. Wohl wissend, dass sich das nächste Spiel bei Werder Bremen nicht mit der Bayern-Partie vergleichen lässt. „Ein Fifty-fifty-Spiel“, so der Sportdirektor, in dem der VfB jedoch erneut hundert Prozent an Intensität benötigt, um zu bestehen.

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