VfB Stuttgart gegen Manchester United Vier Zeitzeugen erinnern sich an die magische Nacht vor 20 Jahren

1. Oktober 2003: Kollektiver Jubel nach dem Treffer zum 2:0 gegen Manchester United. Foto: baumann/Baumann

Wie war das damals 2003, als der kleine VfB das große Manchester United in der Champions League in die Knie zwang? Felix Magath, Horst Heldt, Werner Hansch und Joachim Schmid vom Fanclub RWS Berkheim erinnern sich.

An diesem Sonntag jährt sich eines der größten Spiele der VfB-Vereinsgeschichte zum 20. Mal: Der Sieg des Außenseiters aus Stuttgart gegen das Starensemble von Manchester United mit Alex Ferguson, Roy Keane und Cristiano Ronaldo. Die Helden des Abends aber hießen Imre Szabics und Kevin Kuranyi, die mit ihren beiden Toren dem VfB den Weg für das spätere Weiterkommen in die K.o.-Runde der Champions League ebneten. Vier Beteiligte des glorreichen Abends im damaligen Daimler-Stadion erinnern sich.

 

Felix Magath (70/Trainer): „Sobald ich an dieses Spiel denke, dann sehe ich englische Verhältnisse. Leichter Regen, Flutlicht, gigantische Atmosphäre. Wichtig war, dass wir diese Euphorie im Umfeld für uns genutzt haben. Diese Stimmung haben wir gebraucht. Gerade auch nach dem Ergebnis in Glasgow (0:1-Niederlage im ersten Gruppenspiel). Daher habe ich bewusst kommuniziert, nicht auf die Euphoriebremse treten zu wollen. Schließlich war es das Ziel, dass wir nicht vor Ehrfurcht erstarren. Vor dem großen Manchester United, damals die größte Mannschaft Europas, vielleicht sogar in der Welt. Um vor dem Spiel noch einen Reiz zu setzen, hatte ich mir etwas Besonderes einfallen lassen. Ich lud die ganze Mannschaft in die Staatsgalerie ein. Da war eine tolle Ausstellung von Expressionisten. Organisiert war eine Führung, danach gab es ein Essen und eine Band spielte auf. Doch der Plan ging schief. Das alles dauerte dem Kapitän Zvonimir Soldo zu lange, er ging einfach ins Hotel. Und weigerte sich am nächsten Tag, die Band aus der Mannschaftskasse zu bezahlen, was eigentlich ausgemacht war. Schlussendlich habe ich alles aus eigener Tasche bezahlt. Nun, wie dem auch sei – es hat zwar nicht den gewünschten Effekt gehabt. Aber das Spiel wurde immerhin gewonnen.“

Mittelfeldmotor und Fernsehkommentator erinnern sich

Horst Heldt (53/Spieler): „Ist das schon 20 Jahre her? Da merkt man wieder, wie alt man ist (schmunzelt). Meine Erinnerungen sind aber noch ganz frisch: Hildebrand – Hinkel, Meira, Bordon, Lahm – Soldo – Vranjes, Hleb – Kuranyi, Szabics. Ich als Zehner. Stimmt’s? Langsam kommt es mir wieder vor, als wäre es gestern gewesen. Also: Wir waren zu Beginn schon ein bisschen nervös, sind dann aber gleich gut ins Spiel gekommen. Die unglaubliche Atmosphäre hat uns vom Anpfiff weg getragen. Es war eine ausgeglichene erste Halbzeit. Nach der Pause haben wir dann gleich die Tore gemacht – das Stadion ist explodiert. Nach dem Anschlusstor und dem verschossenen Elfmeter von Fernando mussten wir noch ein wenig zittern, haben das Ergebnis aber verdient über die Zeit gebracht. Es war ein berauschender Abend mit einer tollen Mannschaft gegen den damals noch jungen Cristiano Ronaldo. Der aber damals schon ein Star war. Zweikämpfe gegen ihn zu gewinnen, hat mich schon ein bisschen getriggert. Ich war damals schon 33 und konnte die Champions League umso mehr genießen. Es war einer der Höhepunkte meiner Karriere.“

Werner Hansch (85/Fernsehkommentator): „Das war damals schon eine besondere Atmosphäre in Stuttgart, sehr stimmungsvoll. Ich musste da an den Leitsatz der Kommentatoren-Größe Ernst Huberty denken, der uns damals bei Sat 1 im Hintergrund beraten hat: Bei einem Livespiel darf der Sprechanteil eines Reporters nicht über 50 Prozent hinausgehen. Das hat sich bei mir eingebrannt, darauf habe ich sehr geachtet. An diesem Abend was es nicht schwer, weil das alles sehr für sich gesprochen hat. Das war schon toll. Zwei Spieler sind mir in Erinnerung geblieben. Beim VfB Horst Heldt, der im fortgeschrittenen Fußballeralter eine beachtliche Partie im Mittelfeld abgeliefert hat. Und bei Manchester United Ruud van Nistelrooy. Ein toller Stürmer, nur in der Luft nicht. Über ihn habe ich damals einen Satz gesagt, den ich heute noch gut gelungen finde: Seine einzige Schwäche ist seine Kopfballstärke. Da ist Dialektik auf Fußballreportage getroffen.“

Exklusiv: PodCannstatt mit Felix Magath zu 20 Jahre #VfBMUFC

Joachim Schmid (65/Fan): „Damals gab es noch den legendären A-Block, wo ich mit meinen Jungs von den Rot-Weißen Schwaben Berkheim meinen festen Platz hatte. Wir waren damals ein vergleichsweise kleines Grüppchen von 300 oder 400 Mitgliedern, heute sind wir über 1500. Doch das nur am Rande. Von dem Abend habe ich vor allem den Heimweg in Erinnerung. Ich bin nach Cannstatt gelaufen. Überall war Gehupe, hell erleuchtete Gebäude und Menschen, die aus den Fenstern ihre VfB-Fahnen schwenkten. Ein unwirkliches schwäbisches Freudenmeer an einem kalten Oktoberabend. So etwas hatte es bis dahin noch nie gegeben. Die ganze Massen-Euphorie bei Fußballspielen entwickelte sich ja erst so richtig bei der WM 2006 und der VfB-Meisterschaft ein Jahr später. 2003 war das ein absolutes Phänomen, an das man sich gerne zurückerinnert. Ich bin stolz, diesen besonderen VfB-Moment miterlebt zu haben.“

Die Aufstellungen der Teams

VfB Stuttgart: Hildebrand – Hinkel, Fernando Meira, Bordon, Lahm (71. Gerber) – Soldo, Vranjes (73. Tiffert), Hleb (87. Meißner), Heldt – Kuranyi, Szabics.

Manchester United: Howard – G. Neville, Ferdinand (82. Forlan), Silvestre, O’Shea (65. Fortune) – Keane – Scholes, P. Neville – Giggs, Cristiano Ronaldo (90. Fletcher) – van Nistelrooy.

Schiedsrichter: Cosimo Bolognino (Italien).

Zuschauer: 50 348 (ausverkauft).

Tore: 1:0 Szabics (50.), 2:0 Kuranyi (52.), 2:1 van Nistelrooy (67./Foulelfmeter).

Besonderes Vorkommnis: Howard hält Foulelfmeter von Fernando Meira (78.).

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