VfB Stuttgart Meister 1984 – was Peter Reichert auch 40 Jahre danach noch begeistert

Peter Reichert mit der Meisterschale. In unserer Bildergalerie blicken wir auf die Meistermannschaft des VfB Stuttgart in der Saison 1983/1984. Foto: imago/Baumann

Das Spiel verloren, aber die Meisterschaft gewonnen – das war das Motto am 26. Mai 1984. Nun jährt sich der erste Bundesliga-Titel des VfB Stuttgart zum 40. Mal. Wir haben mit Peter Reichert, damals bester Torschütze, darüber gesprochen.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Es ist ja manchmal ganz gut für die Wissenserweiterung, einen Blick ins Archiv zu werfen. Im Fall von Peter Reichert kann man dann erkennen: Der Mann kann auch ernst schauen. Wer den heutigen Teammanager des VfB Stuttgart nur aus dem aktuellen Alltag kennt, wird einen grimmigen Blick eher nicht zu sehen bekommen. Denn der 62-Jährige ist die gute Laune in Person.

 

Immer ein Lächeln, immer eine freundliche Begrüßung, stets ein nettes Wort – und weil Günther Schäfer, der zweite Teammanager der VfB-Profimannschaft, es ganz genauso hält, sagt Peter Reichert: „Unser Büro ist auf jeden Fall das lustigste.“ Lustig war’s auch am 26. Mai 1984.

Wobei die Freude bei den damaligen Spielern des VfB Stuttgart erst einmal weniger groß war – als der Trainer Helmut Benthaus die Marschroute für das letzte Saisonspiel ausgab. Die Weiß-Roten gingen als Tabellenführer ins Saisonfinale, und weil sie sich gegen den Hamburger SV (Zweiter der Tabelle) alles außer einer hohen Niederlage leisten durften, verordnete Benthaus seinem Team eine Defensivtaktik. Angegriffen wurde erst ab der Mittellinie, das Augenmerk galt der Abwehr, dabei „hätten wir das letzte Heimspiel schon gerne gewonnen“, erinnert sich Peter Reichert.

Der gibt aber auch zu: „Am Ende war’s sicher richtig so.“ Der VfB verlor zwar die Partie – allerdings nur mit 0:1, weshalb am Ende die erste Bundesliga-Meisterschaft des Clubs gefeiert wurde. Zu der Peter Reichert einen erheblichen Teil beigetragen hatte.

Der Trainer wollte in die Oper

13 Treffer erzielte der frühere Angreifer in jener Spielzeit und war damit der treffsicherste VfB-Profi der Meistersaison. Aber lange nicht der einzige Ballermann. Asgeir Sigurvinsson traf ebenso zwölfmal wie Karl Allgöwer und Dan Corneliusson. „Irgendjemand hat immer getroffen“, sagt Peter Reichert, „deshalb waren wir sehr schwer ausrechenbar und schwer zu verteidigen.“ Der Beleg neben der Meisterschale: 79 erzielte Tore. Doch auch die Defensive war ein Garant für den damaligen Erfolg.

Die Förster-Brüder Karlheinz und Bernd, der junge Guido Buchwald, Günther Schäfer, Kurt Niedermayer – „wir waren eine gute und ausgeglichene Mannschaft“, sagt Reichert, „der Wille, gemeinsam erfolgreich zu sein, war riesengroß“. Und der Trainer? „Der musste am Ende gar nicht mehr viel machen“, erinnert sich der Ex-Stürmer. Doch hatte Benthaus im Laufe der Saison auch neue Reize neben dem Trainingsplatz gesetzt.

„Der Trainer wollte uns damals auch andere Dinge näherbringen, zum Beispiel, dass wir auch mal in die Oper gehen“, erzählt Reichert – und fügt lachend hinzu: „Mit diesen Vorschlägen konnte er sich aber nicht immer durchsetzen.“ In der Stadt waren die Benthaus-Schützlinge dennoch unterwegs. Was seinerzeit noch eher möglich war als im heutigen Smartphone-Zeitalter. „Wir hatten es damals schon ein bisschen ruhiger“, ist Peter Reichert sicher, „aber wenn es mal nicht so lief, sind wir natürlich auch angesprochen und kritisiert worden.“ Allerdings: „Immer in einem vernünftigen Rahmen. Heute werden viele ja gleich ausfällig.“

Peter Reichert käme so eine Umgangsform nie in den Sinn. Die gute Laune ist eines seiner Markenzeichen. Und auch die Bodenständigkeit, die er nie verloren hat – und die vermutlich auch viel damit zu tun hat, dass der frühere Stürmer immer ein recht realistisches Bild von sich und der Welt hatte. „Ich war nie ein Topspieler“, sagt er, „aber ich hatte immer Wille und Ehrgeiz.“

Seit 2003 wieder beim VfB Stuttgart

Vom SV Oberderdingen ist er einst in die VfB-Jugend gewechselt, über die zweite Mannschaft schaffte er es zu den Profis in die Bundesliga – ehe er zwischen 1986 und 1990 vier Jahre in Frankreich bei Racing Strasbourg und dem FC Toulouse spielte. Eine Erfahrung, die sich bis heute auszahlt.

Damals, erzählt Peter Reichert, sei er als Mensch im Nachbarland noch einmal gereift. Heute ist er beim VfB durch die damals erworbenen Französischkenntnisse erster Ansprechpartner für Spieler wie Serhou Guirassy, Silas Katompa oder einst Benjamin Pavard.

Mit dem Weltmeister von 2018 begann für Peter Reichert der Job als Teammanager, da der damalige Neuzugang aus Lille kein Englisch und auch kein Deutsch sprach. Reichert war 2003 zum VfB zurückgekehrt, nachdem er zuvor in seiner Heimat eine Tennishalle samt Gastronomie erst aufgebaut und dann verkauft hatte. Er übernahm von Günther Schäfer die Aufgabe als Fanbetreuer, weil dieser Co-Trainer unter Matthias Sammer wurde. Später kümmerte er sich um die sozialen Engagements der Stuttgarter, ehe er seit mittlerweile rund acht Jahren vor allem den französisch sprechenden Profis zur Seite steht. „Der Job macht riesig Spaß“, sagt Peter Reichert, dem die Dankbarkeit der VfB-Franzosen sicher ist. Mit Benjamin Pavard etwa steht er noch heute in Kontakt.

Und die Teamkollegen von 1984? Sind teils heute noch eng mit dem VfB verbunden. Guido Buchwald ist Markenbotschafter, die Förster-Brüder sind Teil der Traditionsmannschaft, Hermann Ohlicher war Aufsichtsrat, Karl Allgöwer und Helmut Roleder leben nach wie vor in der Nähe, auch Asgeir Sigurvinsson schaut regelmäßig in Stuttgart vorbei. Ob es eine Feier zum Jubiläum gibt?

Ist noch offen. Eines ist aber sicher: Für gute Laune wäre gesorgt. Nicht nur wegen Peter Reichert und Günther Schäfer.

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