Geduldiges Locken Viel Ballbesitz in der eigenen Hälfte gilt gemeinhin als unproduktiv. Was soll das schon bringen, so weit weg vom gegnerischen Tor? Der VfB aber sucht ganz bewusst diesen „tiefen Spielaufbau“, den auch Bayern-Trainer Thomas Tuchel in nahezu jeder Pressekonferenz thematisiert: Oft halten der Stuttgarter Torhüter Alexander Nübel oder die Innenverteidiger den Ball aufreizend lange am Fuß, scheinbar ohne Zielstrebigkeit. Bis der Gegner die Geduld verliert und angreift – dann geht es schnurstracks durchs Zentrum nach vorne, in die sich dahinter auftuenden Räume. Diese Pressing-Fallen stellt der englische Erstligist Brighton & Hove Albion ganz besonders gerne. Über dessen Coach Roberto De Zerbi sagt Sebastian Hoeneß: „Er gehört zu den Trainern, deren Spiele ich genauer verfolge und die mich auch inspiriert haben.“
Aber: Diese Spielweise funktioniert nur mit ballsicheren zentralen Mittelfeldspielern – könnten diese die plötzlichen Zuspiele aus der Abwehr nicht sicher verarbeiten, würde man in einen Konter nach dem nächsten laufen. Hier ist der VfB gut aufgestellt in Person von Atakan Karazor und Angelo Stiller. Mit einer Passquote von 91 respektive 92 Prozent sind sie hier die stärksten VfB-Profis und selbst in der Bundesliga unter den Top 10. Stillers Verpflichtung von der TSG Hoffenheim vor der Saison war deshalb auch kein Transfer unter vielen, sondern von Beginn an als essenzieller Mosaikstein für das Stuttgarter Spielsystem angelegt. „Er hat eine zentrale Rolle in den Planungen bei uns gehabt. Das war klar, als wir ihn geholt haben“, sagt Hoeneß über den 22-Jährigen, den er noch aus gemeinsamen Zeiten in Hoffenheim und beim FC Bayern II kannte.
Ständige Rotation Welches System spielt der VfB eigentlich? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Auf dem Papier ist es meist ein 4-2-3-1, das sich aber während eines Spiels immer wieder verändert. Vor allem im eigenen Ballbesitz wird aus der Viererkette oft eine Dreierreihe, da sich einer der beiden Außenverteidiger mit nach vorne einschaltet und so Überzahl im Mittelfeld schafft. Die häufigen Positionswechsel lassen den Gegner dabei nie wirklich zur Ruhe kommen.
Auch hier kann Hoeneß auf die passenden Spielertypen bauen, die den dafür nötigen Mix aus offensiven wie defensiven Qualitäten mitbringen. Der rechte Außenverteidiger Josha Vagnoman zum Beispiel oder sein Gegenüber Maximilian Mittelstädt, der am vergangenen Wochenende beim 3:0 bei der TSG Hoffenheim zwischenzeitlich sogar ganz nach hinten in die Dreierkette rückte – in dieser Saison aber auch schon zwei Tore erzielt und drei vorbereitet hat.
Große Abstände Oliver Baumann stöhnte am Wochenende. „Sie machen das Feld extrem groß“, sagte der Hoffenheimer Torwart anerkennend über den VfB, der den Gegner meist weit auseinanderzieht: Die Außenbahnen werden gehalten, auch zwischen Abwehrkette und Mittelstürmer Serhou Guirassy sind oft gut und gerne 50 Meter. Die Folge: Die Lücken dazwischen werden größer, was dem VfB das Kombinieren erleichtert. Dabei überbrückt das Team von Sebastian Hoeneß selbst mit Flachpässen immer wieder große Distanzen und bringt den Gegner so ins Laufen – kein Spieler der Welt kann es schließlich in puncto Geschwindigkeit mit einem scharfen Pass aufnehmen.
Auch der hohe Ball ist bei diesem großräumigen Spiel keineswegs tabu. Im Gegenteil: Immer wieder werden die dribbelstarken Außenspieler wie Chris Führich durch Verlagerungen von einer Seite auf die andere in Eins-gegen-eins-Situationen gebracht, weil der Gegner einfach nicht schnell genug nachschieben kann. „Genau das wollen wir“, sagte Führich nach dem 2:0 gegen Union Berlin vor gut zwei Wochen, als das besonders häufig gelang.
Giftiges Gegenpressing Das Stuttgarter Spiel lässt sich nicht auf den eigenen Ballbesitz reduzieren, auch im Verteidigen hat die Mannschaft in dieser Saison große Fortschritte gemacht. Als Hoeneß nach dem Hoffenheim-Sieg am Samstag nach dem Unterschied zur Hinspiel-Niederlage gegen die Kraichgauer gefragt wurde, musste er nicht lange überlegen: Das Gegenpressing sei deutlich besser gewesen – ein Element, das der VfB-Coach in seiner Zeit als Jugendtrainer bei RB Leipzig (2014 – 2017) verinnerlicht hat und das jetzt in Stuttgart immer besser greift.
Die Maxime nach Ballverlust ist dabei nicht etwa, direkt wieder in die defensive Grundordnung zu kommen – sondern das Spielgerät so schnell wie nur möglich zurückzuholen. Oft umzingeln mehrere aggressive Stuttgarter auf einmal den Gegenspieler und luchsen ihm so den Ball ab. Dann folgt das bewährte Ballbesitzspiel – das in dieser Saison zum Markenzeichen des VfB geworden ist.