VfB Stuttgart Warum der VfB auf einem gefährlichen Weg ist

  Foto: dpa/Tom Weller

Dass sich der VfB auf dem richtigen Weg befindet, das wird bei den Stuttgartern sehr oft beschworen – auch nach dem enttäuschenden 2:2 gegen Hertha BSC. Doch lautet inzwischen die Frage: Hat die Mannschaft dabei den Ernst der Lage übersehen?

Stuttgart - Nach seinem ersten Treffer in dieser Saison, dem ein rasanter Sololauf übers halbe Spielfeld und ein beherzter Linksschuss von der Strafraumgrenze vorangegangen ist, dauert es nicht lange, bis Philipp Förster einen weiteren Mutmacher folgen lässt. Mit einem Foto seines Torjubels erfreut der Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart seine Gefolgschaft in den sozialen Netzwerken und schreibt darunter: „Unglückliches Ende, aber sind auf dem richtigen Weg.“

 

Der richtige Weg. Dass sich der VfB auf einem solchen befinde, das wird und wurde bei den Stuttgartern gerne und oft beschworen – nicht nur von Philipp Förster und nicht nur nach dem 2:2 (2:1) am Sonntag gegen Hertha BSC. Wenn Spiele nicht gewonnen oder gar verloren wurden, blieb als Trost in dieser Saison stets die Selbstvergewisserung, es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich die Qualität durchsetze und auch in der Tabelle niederschlage. Denn der Weg, kein Zweifel, der stimme ja.

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Nach inzwischen 14 von 34 Bundesliga-Spielen hat dieser Weg allerdings bedrohlich weit nach unten geführt. Die Mannschaft von Trainer Pellegrino Matarazzo steckt als Fünfzehnter im Tabellenkeller fest, nur einen Punkt vom FC Augsburg auf dem Regelationsrang entfernt, vier vom ersten direkten Abstiegsplatz, den derzeit Arminia Bielefeld belegt. Was zur Frage führt: Haben die Stuttgarter in ihrer unerschütterlich scheinenden Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein, den Ernst der Lage überhaupt schon erkannt?

Nein, so lautet die Antwort in zweierlei Hinsicht. Einerseits sind es die Nebenkriegsschauplätze an der Vereinsspitze, die den Eindruck erwecken, dass derzeit (fast) alles wichtiger ist als der sportliche Erfolg auf dem grünen Rasen. Dass die Folgen der Coronapandemie im Vorstand um Thomas Hitzlsperger größte Aufmerksamkeit erfordern, liegt in der Natur der Sache und ist niemandem anzulasten. Hausgemacht hingegen sind die öffentlich ausgetragenen Dissonanzen zwischen Sportdirektor Sven Mislintat und dem Aufsichtsrat um Präsident Claus Vogt, die bei der Suche nach einem neuen Sportvorstand über Kreuz liegen und in Bezug auf die Dringlichkeit eines neuen Investors allem Anschein nach ebenfalls unterschiedliche Auffassungen haben.

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Andererseits ist es das Auftreten der Mannschaft, das trotz aller Verletzungsprobleme zunehmend Irritationen auslöst. Besorgniserregend war es, wie leichtfertig die VfB-Elf gegen Hertha die Gelegenheit verschenkte, dem 2:1 gegen den 1. FSV Mainz 05 einen weiteren Sieg folgen zu lassen und an den anfangs sichtbar verunsicherten Berlinern vorbeizuziehen. Mit 2:0 hatten die Gastgeber im leeren Stadion frühzeitig geführt – und brachten am Ende nur mit Mühe wenigstens einen Punkt ins Ziel.

Wie ein Team, das den Kampf gegen den Abstieg angenommen hat, wirkte der VfB auch diesmal nicht. Stattdessen wurden die Berliner geradezu eingeladen, Tore zu schießen, indem sich ihnen rund um den gegnerischen Strafraum ungewohnt große Räume eröffneten. „Wir haben nach der Führung wieder aufgehört, Fußball zu spielen“, sagte Torhüter Florian Müller, „das ist extrem nervig und bitter.“ Von „einzelnen Spielern, die unseren Plan nicht mehr verfolgt haben“, sprach Trainer Pellegrino Matarazzo und war, kein Wunder, „sehr unzufrieden“. Im zentralen Mittelfeld liefen Wataru Endo und Orel Mangala hinterher, in der Abwehr blieb diesmal auch Konstantinos Mavropanos weit hinter seinen Möglichkeiten.

Der VfB läuft meistens weniger als der Gegner

Seine Enttäuschung über die Nachlässigkeiten seiner Mannschaft hat der Trainer schon häufiger zum Ausdruck gebracht – zu einem echten Sinneswandel aber hat der regelmäßige Tadel noch immer nicht geführt. Dass die Berliner während des Spiels sieben Kilometer mehr liefen, war nur ein Zeichen der Stuttgarter Passivität. Nicht anders waren die Verhältnisse bei den Niederlagen gegen die Abstiegskandidaten aus Augsburg (1:4) und Bielefeld (0:1), von denen niemand ernsthaft behaupten könnte, dass sie über einen talentierteren Kader verfügen.

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Auch das ein Ausdruck von Sorglosigkeit und fehlendem Willen, Gegentreffer mit aller Macht zu verhindern und Spiele zu gewinnen? Tatsache ist, dass der VfB in dieser Saison – mit Ausnahme des abgeschlagenen Tabellenletzten aus Fürth – noch keine Mannschaft bezwingen konnte, die zur unteren Tabellenhälfte gehört und teilweise seit Saisonbeginn kein anderes Ziel kennt, als dem Abstieg irgendwie zu entgehen.

Drei Spiele bleiben dem VfB bis Weihnachten noch, um das Punktekonto zu erhöhen und den Abstand nach unten zu vergrößern. Ob es ein Vorteil ist, dass es dabei gegen Mannschaften aus der oberen Tabellenhälfte geht? Fraglich. Schwer genug sind die Auswärtsreisen nach Wolfsburg und Köln – noch schwerer ist das Heimduell dazwischen: Gegner ist der FC Bayern München.

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