VfB Stuttgart Wer ist hier der Boss?
Neue Saison, alte Frage: Wer wird VfB-Kapitän? Doch es gibt wichtigere Punkte in der Teamstruktur zu klären.
Neue Saison, alte Frage: Wer wird VfB-Kapitän? Doch es gibt wichtigere Punkte in der Teamstruktur zu klären.
Kitzbühel - Marc Oliver Kempf gibt sich entspannt. Offiziell ist er ja noch der Kapitän dieser Mannschaft und inoffiziell hat noch kein sportlich Verantwortlicher mit dem Abwehrspieler über die K-Frage beim VfB Stuttgart gesprochen. Weder der Trainer Pellegrino Matarazzo, der sich die Entscheidung offen hält, noch der Sportdirektor Sven Mislintat, der die gruppendynamischen Prozesse innerhalb des Kaders während des Trainingslagers in Kitzbühel genau beobachtet.
Zuletzt hat Daniel Didavi (30) die Mannschaft auf das Feld geführt, auch Pascal Stenzel trug beim 0:3 gegen den FC Liverpool das vermeintlich wichtige Stück Stoff am Arm. Nun im Testspiel gegen den Hamburger SV fiel die Wahl des Trainers auf Gonzalo Castro (33). Mit Didavi bildet der Mittelfeldspieler die immer kleiner werdende Fraktion der Älteren im Team. Zwei Routiniers, die wissen, wie die Kugel in der Bundesliga zu rollen hat. Dennoch sind mit ihnen die Diskussionen verbunden, welche Rolle sie auf dem Platz noch einnehmen können – und ob sie als Führungsfiguren geeignet sind.
Auf ihre Weise sicherlich. Auf die altdeutsche Prägung, in der ein Spielführer auf dem Rasen immer herumzuschreien, zu gestikulieren und notfalls auch eine rüde Grätsche auszupacken hat, eher nicht. Das alles geschieht ja immer, um ein vermeintliches Zeichen zu setzen – gerade wenn es kriselt. Moderne Führung innerhalb einer Mannschaft sieht jedoch seit Jahren anders aus. Und noch immer definiert sie sich in erster Linie über Leistung.
„Wir verfügen schon über eine gesunde Mittelachse“, sagt Mislintat mit Blick auf die Team- und Altersstruktur. Marc Oliver Kempf (25) und Waldemar Anton (24) bilden die Ankerspieler im Abwehrzentrum, Wataru Endo (27) ist es neben Didavi und Castro im Mittelfeld. Auch Marcin Kaminski (28) und Pascal Stenzel (24) gehören dazu. Unscheinbare Verteidiger, die jedoch helfen, einer jungen Elf Halt zu geben.
Davor und dahinter gibt es Nicolas Gonzalez und Gregor Kobel. Linksaußen und Torwart sind 22 Jahre alt, tragen aber schon Verantwortung für das Spiel. Kobel sehr selbstbewusst, weil er sich zur Führungsfigur entwickeln will. Gonzalez (sofern er bleibt) sehr unbekümmert, doch seine Energie ist wichtig, um Spiele gewinnen zu können. „Es formt sich hier etwas, in der Struktur und in der Kommunikation“, sagt Matarazzo, der bislang nicht erklären will, ob er den künftigen Kapitän als seinen verlängerten Arm auf dem Spielfeld bestimmt oder ihn als obersten Vertreter der Mannschaft wählen lässt.
Die nächsten drei Wochen werden es zeigen, zumal sich die Mannschaft nicht über ihren Kapitän definiert – und der noch amtierende Kapitän sich nicht über seine Binde. Kempf kämpft sich nach einer schweren Schulterverletzung wieder heran. Er erhebt den Anspruch zu spielen, und wenn er spielt, will er vorangehen. „Ich trage die Binde gerne. Es gibt für mich aber keinen Grund, groß darüber nachzudenken. Es braucht ohnehin mehrere Spieler, die Verantwortung für das Ganze übernehmen“, sagt Kempf.
Auf mehrere Schultern wird die Last dann verteilt, wie es im Fußballjargon so schön heißt. Nicht ein oder zwei große Namen mit stark ausgeprägten Egos bestimmen, wo es langgehen soll, sondern mehrere gereifte Persönlichkeiten, die sich sportlich aus einem flach strukturierten Gebilde herausheben und daraus nicht automatisch die Chefrolle ableiten. So hat zum Beispiel der langjährige VfB-Kapitän Christian Gentner sein Amt ausgefüllt. Nach außen oft umstritten, weil er leise auftrat, nach innen jedoch immer akzeptiert, weil er das Team im Blick hatte.
„Wir brauchen innerhalb der Gruppe und für die Gruppe schon einen gewissen Individualismus“, sagt Mislintat. Vor allem die jungen Kräfte wie Silas Wamangituka sollen ihre Stärken ausspielen können, ohne ständig wegen ihrer Schwächen von einem älteren Profi ausgebremst zu werden – sofern die wilden Kerle ihr Ego nicht über die Mannschaft erheben. „Das Gute ist ja, dass junge Spieler ihr Potenzial noch ausschöpfen können, ältere eher nicht“, sagt Mislintat. Ob der junge VfB dann den Klassenverbleib ohne viele Alte packt, ist letztlich die viel spannendere Frage als wer die Spielführerbinde trägt.