Viagra-Patent läuft aus Konkurrenz um die Potenz

Der Patentschutz der Pharmafirma Pfizer auf Viagra ist abgelaufen. Foto: Pfizer
Der Patentschutz der Pharmafirma Pfizer auf Viagra ist abgelaufen. Foto: Pfizer

Nach 15 Jahren läuft am Samstag der Patentschutz für das Potenzmittel Viagra aus. Viele Firmen drängen nun mit Nachahmer-Präparaten auf den Markt, darunter auch der Erfinder Pfizer selbst. Die neuen Mittel werden deutlich weniger kosten.

Wissenschaft: Tanja Volz (vz)
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Stuttgart - Er gilt als einer der berühmtesten Anrufe in der Geschichte der Arzneimittel. Ein britischer Mediziner telefonierte Anfang der 90er Jahre mit einem der leitenden Entwicklungswissenschaftler des US-Pharmakonzerns Pfizer. Enttäuscht informierte er ihn über die fehlende Wirkung eines neuen Medikaments und berichtete nebenbei über eine interessante Nebenwirkung: Es stärke das Erektionsvermögen der Probanden. Dies war die Geburtsstunde des Potenzmittels Viagra, das vor 15 Jahren auf den Markt kam und dem Unternehmen Pfizer zu einem gewaltigen Aktiensprung verhalf.

Einige Jahre zuvor hatten Wissenschaftler in den Pfizer-Labors mit einer Substanz der Bezeichnung UK-92480 experimentiert. Dieses Mittel wurde auf seine Wirkung am Herzen untersucht, im Tierversuch konnten damit erfolgreich die Herzkranzgefäße erweitert werden. Das inzwischen mit dem Wirkstoffnamen Sildenafil versehene Mittel wurde in klinischen Phasen am Menschen als Blutdruckmittel erfolglos getestet – mit den bekannten Nebenwirkungen.

Wirbel wie bei der Anti-Baby-Pille

Die rautenförmige blaue Pille machte Wirbel wie zuvor nur die Antibabypille. Eine zweite sexuelle Revolution sei zu erwarten, prophezeiten Sexualforscher. Gerüchte über wilde Orgien alternder Männer machten die Runde. Ihnen wurde suggeriert, nicht zuletzt durch die Medien, sie könnten mit 65 Jahren noch als toller Hengst agieren und sich jugendliche Liebhaberinnen leisten. Kritiker befürchteten eine völlige Fixierung auf das männliche Geschlechtsorgan, Feministinnen die sexuelle Übermacht der Männer und Psychologen einen anhaltenden Jugendwahn.

Nun 15 Jahre später gehört das Medikament zwar zu den am meisten verkauften Medikamenten, eine sexuelle Revolution ist jedoch ausgeblieben. Denn die Tabletten gibt es offiziell nur auf Rezept, und ohne eigenes Lustempfinden blieb die Wirkung ohnehin aus. Außerdem gerieten die Nebenwirkungen des Medikaments recht schnell in den Fokus – es gab einige Todesfälle, die in Zusammenhang mit Viagra stehen könnten. Sildenafil wirkt, indem es in das komplexe Geschehen der Durchblutung der Schwellkörper beim Mann eingreift. Die Substanz blockiert das Enzym Phosphodiesterase 5 (PDE 5). Dieses Enzym baut im Körper das gasförmige Stickstoffmonoxid ab – wird PDE 5 gehemmt, gibt es mehr Stickstoffmonoxid. Damit werden die glatten Muskeln im Schwellkörper sozusagen weich gespült, sie erschlaffen. Im Normalfall sind diese Muskelzellen aber angespannt und verhindern so, dass übermäßig Blut über die Arterien in den Schwellkörper einströmt. Sind diese Muskeln entspannt, vergrößert sich der Gefäßquerschnitt der Blutgefäße und das in den Schwellkörper strömende Blut löst eine Erektion aus. Dieser Prozess dauert allerdings eine Weile: Die blaue Pille soll mindestens eine halbe Stunde vor der erwünschten Erektion eingenommen werden.

Die Nebenwirkungen dürfen nicht ignoriert werden

Doch nicht jeder potenzschwache Mann profitiert von Viagra. Studien haben mittlerweile gezeigt, dass bei gefäßbedingten Potenzstörungen, etwa bei Diabetikern oder bei Patienten mit Arteriosklerose, keine zuverlässige Aussage über die Wirkung gemacht werden kann. Auch darf man die Nebenwirkungen nicht unter den Tisch fallen lassen. So wies Pfizer schon im Jahr der Einführung Rettungspersonal auf mögliche Wechselwirkungen hin: Notärzte, so teilte der Hersteller mit, sollten Herzpatienten vor einer Behandlung immer fragen, ob sie das Potenzmittel eingenommen hätten. Denn in Kombination mit Nitrat-Medikamenten, die bei Herzattacken häufig routinemäßig gegeben würden, könne es zu einem plötzlichen, bedrohlichen Blutdruckabfall kommen. Auch bei gleichzeitiger Einnahme diverser Herzmittel sollte auf Viagra verzichtet werden.

Seit einigen Jahren ist Viagra zudem nicht mehr das einzige Potenzmittel auf dem Markt. Gut vermarktet wird etwa Apomorphin. Ursprünglich wurde dieser Stoff eingesetzt, um bei Vergiftungen akuten Brechreiz auszulösen. In viel geringerer Dosis soll er lustfördernd wirken. Apomorphin setzt im Gegensatz zu Viagra im Gehirn an: Ein veränderter Fluss der Botenstoffe lässt das Erektionszentrum Signale in Richtung Schwellkörper senden, allerdings nicht grundsätzlich mit dem gewünschten Erfolg.

Für die weibliche Kundschaft hat man noch kein Äquivalent gefunden. An Viagra für die Frau wird schon lange gebastelt. Wiederholt gab es Meldungen, wonach man fündig geworden sei. Erst jüngst erklärte ein holländischer Biochemiker, er stehe kurz vor der Markteinführung einer Substanz namens Lybrido. Aber bis jetzt fehlt ein zahlungskräftiger Pharmakonzern. Derzeit testen Amerikanerinnen das Produkt, das Frauen gegen die Unlust helfen soll. Die Schwierigkeiten, eine Sexpille für Frauen zu entwickeln, sehen Forscher vor allem darin, dass sich die weibliche Sexualität immens von der männlichen unterscheidet – sie ist wesentlich komplexer. Weil Frauen viel emotionaler mit dem Thema Sex umgehen, ist man daher auf der Suche nach Substanzen, die im Stoffwechsel des Gehirns ansetzen.




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