Aber die Gemeinde Jettingen müsste sechs bis sieben Hektar ihrer Fläche opfern für eine Anlage, die aus dem Gleichstrom wieder Wechselstrom macht, damit der Strom die Haushalte erreichen kann. Denn die Haushaltsgeräte sind auf Wechselstrom ausgelegt. Ein Konverter, wie er im Sprachgebrauch der Stromtransporteure heißt.
Es drohen zu große Leitungsverluste
Würde man die Watts vom Wattenmeer und der Ostsee durch das herkömmliche Wechselstromnetz jagen, hätte man zu große Leitungsverluste, weswegen zurzeit vier Gleichstrom-Trassen von Nord nach Süd geplant sind, die in der Obhut mehrerer Unternehmen liegen. Südwestlink wird von den Firmen 50Hertz und Transnet BW gemeinschaftlich gebaut.
Notwendig geworden sind diese „Stromautobahnen“ aus zwei Gründen. Die Windkraft, die an Deutschlands stürmischen Küsten in rauen Mengen zur Verfügung steht, und ebenso in rauen Mengen in Strom umgewandelt wird, die muss in den hoch industrialisierten Süden, wo der Strom zur Produktion gebraucht wird.
Die Trasse wird 2037 gebaut
Zum anderen sei ein Strommangel durch die vorzeitige Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke spürbar, heißt es in einer Broschüre der Transnet BW, und der müsste behoben werden. Allerdings wird das noch auf sich warten lassen, denn die Stromtrasse kann erst 2037 gebaut werden, sprich: Die Planungen sind noch nicht sehr konkret, deswegen sind die Leitungen eher noch als Korridor ausgeführt und auch in Jettingen ist noch nicht sicher, wo der Konverter einst stehen kann.
Sicherlich ist Jettingen diejenige Gemeinde im Kreis Böblingen, die von der Stromversorgung am meisten beeinträchtigt ist. Das Umspannwerk in Jettingen steht schon seit den 60er Jahren und zieht natürlich alle Arten von technischen Einrichtungen in puncto Elektrizität geradezu elektromagnetisch an.
20 Prozent der Jettinger Markung sind Vorrangfläche
Drei große Stromtrassen laufen in das Umspannwerk, das nördlich des Ortsteils Oberjettingen liegt. Noch behinderten die Anlagen die bauliche Entwicklung der Gemeinde nicht, berichtet der Bürgermeister Hans Michael Burkhardt, aber sie schmälerten natürlich den Naherholungswert. Die Gemeinde plagen auch die Windkraftpläne der Region, die ebenfalls das Umspannwerk in Jettingen als willkommene Anschlussstelle für den Strom entdeckt hat für die noch zu errichtenden heimischen Windräder.
„20 Prozent unserer Markung sind als Vorrangfläche für Windkraft identifiziert worden“, berichtet Burkhard, wobei sich Jettingen überproportional belastet sieht, denn laut dem Willen von Bundes- und Landesregierung muss jede Kommune nur 1,8 Prozent seiner Flächen für die Windkraft als Vorrangfläche zur Verfügung stellen.
Der Bau eines Konverters würde noch einmal Fläche verbrauchen, und das, nachdem das Umspannwerk jüngst erweitert wurde und zu seinen zehn Hektar Fläche weitere zwei Hektar hinzubekommen hat.
Blick nach Philippsburg
Wer sich eine Vorstellung eines solchen Konverters machen will, dem hilft ein Blick nach Philippsburg, wo ein Konverter demnächst in den Probetrieb geht.
Das Gleichstrom-Umspannwerk in Philippsburg besteht aus zwei Polen, die sich in zwei Umrichtergebäuden befinden, die durch eine Trennerhalle miteinander verbunden sind. In den Umrichterhallen befinden sich Halbleiter-Module, in denen der Strom gewandelt wird.
Unmittelbar daran schließt sich pro Pol ein Betriebsgebäude mit Anlagen zur Überwachung und Steuerung an. Hinzu kommen ein Gebäude für Ersatzteile und ein Relaishaus. Die Gebäudehallen werden etwa 18 Meter hoch und belegen rund 40 Prozent der insgesamt benötigten Konverterfläche. Der Rest des Gleichstrom-Umspannwerks ähnelt äußerlich einem Wechselstrom-Umspannwerk und wird begrünt sein.
Über das Stromnetz der Zukunft berichtet die Transnet BW am Dienstag, 5. März, von 16 bis 20 Uhr in der Stadthalle Herrenberg. Nach einer Mitteilung der Gemeinde Jettingen kommt das Unternehmen dann am 19. März in die Gemeinderatssitzung, um das Projekt dort vorzustellen.
Gleichstrom verbindet die Regionen
Stromtrassen
Bereits jetzt verbinden Gleichstromtrassen die Regionen in Europa. Die Nordlinktrasse verbindet die norwegischen und deutschen Stromnetze und soll dabei Schwankungen der Stromerzeugung durch Windkraft in Norddeutschland abfedern. Überschüssiger Strom aus Windenergie soll nach Norwegen übertragen und dort direkt endverbraucht werden, während gleichzeitig norwegische Wasserkraftwerke temporär abgeschaltet werden. Die bislang längste Verbindung ist ein 254 Kilometer langes Seekabel von Polen nach Schweden.
Gleich- und Wechselstrom
Beim Gleichstrom fließen Elektronen vom Minuspol zum Pluspol eines Stromkreises. Er wird beispielsweise in Batterien oder Photovoltaik-Anlagen erzeugt. Die heutigen Kraftwerke arbeiten mit Wechselstrom. Dieser Strom aus der Steckdose wechselt seine Richtung in der Frequenz von 50 Hertz und ist weltweiter Standard der Energieversorgung.