Vierter Sieg im Gesamtweltcup Ramona Hofmeister ist die Beste des Winters
Die Snowboarderin könnte erstmals sogar alle drei möglichen Kristallkugeln gewinnen – ihre Dominanz erhöht die Erwartungen für die Olympischen Spiele 2026.
Die Snowboarderin könnte erstmals sogar alle drei möglichen Kristallkugeln gewinnen – ihre Dominanz erhöht die Erwartungen für die Olympischen Spiele 2026.
Im Wohnzimmer von Ramona Hofmeister (27) in Bad Reichenhall wird es langsam eng. Sieben Kristallkugeln stehen dort bereits auf dem Trophäen-Regal, drei große für die Siege im Gesamtweltcup (2020-2022) sowie vier kleine für die Erfolge im Riesenslalom-Weltcup (2020-2023). Und nun wird die eindrucksvolle Sammlung auch noch erweitert. „Alles fühlt sich ein bisschen surreal an“, sagt die 27-jährige Snowboarderin am Ende ihres bislang besten Winters, „es ist einfach unglaublich.“
Um diese Aussage einzuordnen, empfiehlt sich ein Blick auf andere Schneesportarten, die hierzulande populärer sind. Ski alpin, Skispringen, Biathlon, Langlauf, nordische Kombination – in keiner Disziplin geht 2023 der Sieg im Gesamtweltcup an eine Athletin oder einen Athleten aus Deutschland. Snowboard ist die Ausnahme, Ramona Hofmeister somit die Nummer eins. Folglich wäre es keine große Überraschung, wenn sie nun in Winterberg ihr Glück perfekt macht.
Im Hochsauerland findet nicht nur der Saisonabschluss statt, sondern auch die Ehrung der Besten. Als Gewinnerin des Gesamtweltcups steht Hofmeister schon fest, auch Rang eins in der Riesenslalom-Wertung ist ihr nicht mehr zu nehmen. Erstmals überhaupt könnte sie sich an diesem Samstag (16.35 Uhr/ARD) auch noch den Gesamtsieg im Slalom-Weltcup holen. Vor dem letzten Rennen beträgt ihr Vorsprung auf Sabine Schöffmann (Österreich) 73 Punkte, das müsste eigentlich reichen. Weshalb Ramona Hofmeister sich schon mal Gedanken darüber gemacht hat, was das erste Triple für sie bedeuten würde: „Das wäre richtig krass.“ Und der Aufstieg in den Snowboard-Olymp.
Drei Kristallkugeln in einem Winter haben bisher nur die Schweizerin Patrizia Kummer (2014) und der Slowene Zan Kosir (2015) eingefahren. Doch damals gab es weniger Wettkämpfe, weniger Konkurrenz, weniger Druck. „Unsere Sportart hat sich immer weiter professionalisiert“, sagt Andreas Scheid, der Sportdirektor von Snowboard Germany, das Niveau sei mittlerweile ein ganz anderes: „Auf das, was Ramona Hofmeister geleistet hat, sind wir sehr stolz.“ Allerdings gibt es auch die Kehrseite der Medaille.
Obwohl Ramona Hofmeister die erfolgreichste deutsche Schneesportlerin ist, fristen sie und ihre Disziplin ein Schattendasein. Live-Übertragungen bei ARD, ZDF oder Eurosport sind selten, die Wettbewerbe werden meist nur gestreamt. „Die Fernsehzeiten sind ein großer Minuspunkt“, sagt Ramona Hofmeister, „das ist schon ein bisschen traurig. Ich weiß langsam nicht mehr, was ich noch machen soll.“ Umso wichtiger wären Medaillen bei den zwei anstehenden Großereignissen.
In Peking, bei den Olympischen Spielen 2022, ging das deutsche Snowboard-Team komplett leer aus. Weder bei den Frauen noch bei den Männern gab es Podestplätze, entsprechend groß war die Enttäuschung. Das soll nicht noch einmal passieren. Für die WM 2025 in St. Moritz und die Olympischen Spiele 2026 in Mailand sind die Hoffnungen groß. Auch wegen Ramona Hofmeister.
Die Bayerin („Ich bin eine Wettkampfsau“) hat bei Großereignissen noch keine Goldmedaille gewonnen, bisher gab es einmal Silber (WM 2021) und zweimal Bronze (Olympische Spiele 2018, WM 2019). Das soll sich bald ändern. „Wir haben jetzt genügend Zeit, um uns intensiv vorzubereiten“, sagt Andreas Scheid, „Ramona Hofmeister zeichnet, wenn es drauf ankommt, ihr unglaublicher Siegeswille aus. Die Konkurrenz ist groß, aber sie hat das Potenzial, um alle Gegnerinnen zu schlagen.“ Sogar Ester Ledecka.
Die 28-jährige Tschechin ist ein Phänomen, sie gehört auf Skiern und auf dem Snowboard zur absoluten Weltspitze. 2018 bei den Winterspielen in Pyoengchang schrieb sie Geschichte, holte Olympia-Gold im Super-G (Ski) und im Parallel-Riesenslalom (Snowboard), auf dem Brett siegte sie vier Jahre später in Peking erneut. In diesem Winter startete sie vornehmlich auf Skiern, ihrer zweiten Leidenschaft frönte sie nur an einem Wochenende – und gewann prompt die beiden Rennen im Parallel-Slalom im bulgarischen Pamporowo. Ledecka ist zweifelsohne eine Ausnahmeerscheinung und vermutlich auch die Athletin, die es in zwei Jahren in Livigno, wo die olympischen Snowboard-Wettbewerbe ausgetragen werden, zu schlagen gilt. Zuzutrauen ist das Ramona Hofmeister allemal.
Die dominierende Athletin dieses Winters, die fünf der 13 Rennen gewonnen hat und nur zweimal nicht zu den besten fünf gehörte, hat die Fähigkeit, sich voll auf Ziele fokussieren zu können. Und zugleich den Vorteil, sich nicht über ein einzelnes Olympia- oder WM-Rennen zu definieren. „Kristallkugeln zu holen, ist Ausdruck von konstanten Leistungen über eine ganze Saison hinweg“, sagt Ramona Hofmeister, „das ist für mich sehr viel wert.“ Und irgendwo im Wohnzimmer wird sich für weitere Trophäen schon ein Plätzchen finden lassen.