Villa am Dachswald Uropas Geisterhaus

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Die 78-jährige Elfriede Kaiser aus den USA kann ein wenig Licht ins Dunkel um die alte Villa am Dachwald bringen.

Das Areal am Dachwaldweg 142 sei Anfang der 90er Jahre an einen Foto: Archiv  A. Kratz
Das Areal am Dachwaldweg 142 sei Anfang der 90er Jahre an einen Foto: Archiv A. Kratz

Stuttgart-Vaihingen - Elfriede Kaiser staunte nicht schlecht, als sie jüngst einen Umschlag aus ihrem Briefkasten in Kalifornien zog. In dem Kuvert befand sich ein Zeitungsartikel, in dem es um das Haus ihres Urgroßvaters ging. Eine ehemalige Schulfreundin hatte ihr den Artikel in die USA geschickt.

Elfriede Kaisers Urgroßvater war berühmt – zumindest im beschaulichen Dachswald. „Er hat sich um den Ort verdient gemacht“, sagt die Urenkelin. Wilhelm Kaiser war der Kaiser vom Dachswald. Und das nicht nur seines Namens wegen, sondern weil ihm zeitweilig, genauer gesagt Anfang des 19. Jahrhunderts, das gesamte untere Dorf vom Hotel bis zum Waldheim gehörte. Das Prunkstück war sein Landhaus am Dachswaldweg 142. Heute ist es eine Ruine, um die sich zahlreiche Mythen ranken.

Wem das Grundstück heute gehört, ist ein Rätsel im Dachswald

Elfriede Kaiser möchte ein wenig Licht ins Dunkel bringen. So sei das Gerücht, dass die Villa heute einer zerstrittenen Erbengemeinschaft gehöre, schlichtweg falsch. Nach Wilhelm Kaisers Tod erbte Anna Kaiser das Haus. Diese heiratete einen Wilhelm Maier. Die beiden bekamen zwei Kinder: Robert und Erwin, die im Dachswald einfach nur „die Buben“ genannt wurden. „Wilhelm Maier geriet in geschäftliche Nöte und verlor das Haus“, erinnert sich Elfriede Kaiser. Fortan gehörte es einer Familie Sugg. „Als Erwin Maier Magdalene Sugg zur Frau nahm, kam das Haus sozusagen wieder zurück in den Schoß der Familie“, sagt Elfriede Kaiser. Doch schon damals sei die Villa nicht mehr in Schuss gewesen. Nach Magdalenes Tod Anfang der 90er-Jahre blieb Erwin Maier nichts anderes übrig, als das Haus zu verkaufen.

Wem das Grundstück heute gehört, ist ein Rätsel im Dachswald. Elfriede Kaiser weiß die Antwort, aber sie will sie nicht preisgeben. „Es geht mich eigentlich gar nichts an“, sagt die alte Dame aus Kalifornien. Nur so viel verrät sie doch: „Die Villa wurde an einen Investor verkauft, der dort ein großes Appartementhaus geplant hat.“ Die Stadt Stuttgart gibt an, dass das Gebäude in Privathänden sei, wie es Kirsten Rickes, die Leiterin des Baurechtsamts, kürzlich auf Anfrage unserer Redaktion formulierte. Rechtlich weise das Grundstück keine Besonderheiten auf. „Es kann ganz normal bebaut werden“, sagte Kirsten Rickes damals.

So oder so, ein Appartementhaus gibt es auf dem Grundstück am Dachswaldweg 142 bis heute nicht. Einen Reim darauf kann sich Elfriede Kaiser nicht machen. „Da steckt vermutlich viel Politik dahinter. Ich habe da so meine Gedanken. Aber ich werde mich hüten, etwas zu sagen“, sagt die 78-Jährige. Fakt ist, dass die Villa kurz nachdem Erwin Maier sie verkauft hatte, lichterloh brannte. „Angeblich haben in dem Haus meines Urgroßvaters zeitweilig Obdachlose gelebt, die das Feuer aus Versehen ausgelöst haben“, sagt Kaiser. Danach schritt der Verfall des Gebäudes immer schneller voran.

Kaiser: „Ich habe keinen so engen Bezug zu dem Haus“

Heute ist die einst stattliche Villa ein Geisterhaus. In dem verwilderten Garten steht ein verwahrlostes Haus. Das ärgert viele Menschen im Dachswald. Jedenfalls klingelt bei Sigrid Beckmann, der Vorsitzenden des Bürgervereins Dachswald, regelmäßig das Telefon. Beispielsweise dann, wenn wieder einmal Äste in den Weg hin-einragen oder der Bürgersteig im Winter wieder einmal nicht von Schnee und Eis geräumt ist.

Wenn Elfriede Kaiser zu Besuch in Stuttgart ist, führt sie ihr Weg immer auch in den Dachswald. Aber einen Stich versetze es ihr nicht, wenn sie an der Villa ihres Urgroßvaters vorbeikomme. „Ich habe keinen so engen Bezug zu dem Haus“, sagt Elfriede Kaiser. Denn nicht ihre Familie, sondern die ihres Onkels habe seinerzeit in der Villa gewohnt. Und bereits 1955 wanderte Elfriede Kaiser mit ihrer Familie nach Kanada aus. Heute wohnt sie in unmittelbarer der Nähe des Yosemite-Nationalparks. In ihre alte Heimat kommt sie nur noch selten. Aber zum Glück gibt es ja die Schulfreundin, die sie über die Geschehnisse im Dachswald auf dem Laufenden hält.




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