Villa Reitzenstein in Stuttgart-Ost Die Linden waren dem Landesvater zu eckig

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Der Park der Villa Reitzenstein wird in diesem Jahr insgesamt 14 Mal für die Allgemeinheit geöffnet, Saisonbeginn ist am Samstag, 23. April. In dem gut 100 Jahre alten Park gibt es viele Bäume, Büsche und Blumen samt ihren kleinen und großen Geschichten zu entdecken.

Auch der Rosengarten (links) direkt bei der Villa Reitzenstein kann bei den Parköffnungen bewundert werden. Foto: Staatsministerium 10 Bilder
Auch der Rosengarten (links) direkt bei der Villa Reitzenstein kann bei den Parköffnungen bewundert werden. Foto: Staatsministerium

S-Ost - Manchmal sorgen Ministerpräsidenten dafür, dass Linden so wachsen können, wie sie und die Natur es wollen. Dabei kann es allerdings passieren, dass sie sich selbst (und vor allem ihren Nachfolgern) die Perspektive nehmen – und ihre Gärtner verärgern. So geschehen vor vielen Jahren in der Villa Reitzenstein auf der Gänsheide hoch über der Landeshauptstadt. Die Folgen dieser Entscheidung sind noch heute im Park der Villa zu erkennen, zum Beispiel am morgigen Samstag, 23. April, wenn der Park zum ersten Mal in diesem Jahr wieder für alle geöffnet wird.

Stilmix aus Landschaftspark und „Formal Garden“

Um die Geschichte um die Linden zu verstehen, muss man sich zunächst tatsächlich in die Geschichte des heutigen Sitzes der Landesregierung und der Parkanlage drum herum begeben. Die Villa und der Park wurden in den Jahren von 1910 bis 1913 im Auftrag der Baronin Helene von Reitzenstein errichtet und angelegt. Ideengeber für den Park war der bekannte Stuttgarter Architekt Karl Eitel. In der damaligen Zeit war es Mode, in neuen Parks die alten Stile zu vermischen, also vor allem den naturnahen englischen Landschaftsgarten mit den formalen geometrischen Gärten, in denen die Symmetrieachsen der Architektur in den Park hinein fortgesetzt wurden.

Der sogenannte Lindenplatz unterhalb der Villa Reitzenstein ist ein ganz typisches Beispiel für so einen „Formal Garden“. Treppe, Wasserbassin und vor allem auch die gewünschten Sichtachsen nehmen Bezug auf die Mittelachse der Villa und lenken so die Aussichten von der Villa auf die Stadt im Talkessel. Ein wichtiger Teil dieses Platzes sind die jeweils sechs „Kasten“-Linden am linken und rechten Platzrand. Sie wurden ursprünglich in eine ganz strenge Kastenform zurückgeschnitten und gaben dem Platz so seine besondere Anmutung und geometrische Form.

Die Linden wurden größer, die Aussichten schlechter

Irgendeinem der früheren Ministerpräsidenten – die Gärtner wissen nicht, um welchen genau es sich gehandelt hat, Erwin Teufel könnte es gewesen sein – sollen diese Bäume in Kastenform überhaupt nicht gefallen haben, wird erzählt. Deswegen gab er die Anweisung, sie einfach wachsen zu lassen, auch wenn das so gar nicht mit dem ursprünglichen Gestaltungsplan zusammen passte. Die unweigerliche Folge war: Die Linden wurden immer größer, die Aussichten immer schlechter.

Inzwischen dürfen die Wilhelma-Gärtner, die sich um den Park der Villa Reitzenstein kümmern, wieder versuchen, die Linden in die ihnen vor mehr als 100 Jahren zugedachte Kastenform zu bringen. Das freut auch den Leiter des Fachbereichs Parkpflege der Wilhelma, Micha Sonnenfroh, weil der Platz so auch wieder heller wird. Die Aussicht lässt sich aber trotzdem nicht mehr ganz frei schneiden – dafür sind die Bäume zu stark gewachsen. Das gilt übrigens auch für die beiden Mammutbäume, die am Rand des Platzes die Aussicht umrahmen. Die war Helene von Reitzenstein einst sehr wichtig und ihr war überhaupt nicht bewusst, wie groß Mammutbäume werden können.

Der Botenweg wird nicht hergerichtet

Das ist nur eine von vielen kleinen Geschichten, die bei den für dieses Jahr geplanten insgesamt 14 Parköffnungen entdeckt werden können. Andere Entdeckungen sind die Hängebuchen, deren bis zum Boden hängende Äste und Blätter im Sommer den Rest der Welt sozusagen ausschließen und eine ganz besondere Ruheinsel bilden, oder auch der einstige Botenweg, dessen Reste heute noch bei genauerem Hinsehen erkennbar sind. Dieser kleine Weg führte abseits vom Hauptfahrweg vom Eingang hinauf zu einem Seiteneingang der Villa. Er hatte einzig den Zweck, dass das Personal nicht denselben Weg benutzte wie die hochwohlgeborenen Herrschaften. Zum Glück ist bis jetzt noch kein Ministerpräsident auf die Idee gekommen, diesen Weg wieder – für seinen alten Zweck – herrichten zu lassen.

Öffnungszeiten in diesem Jahr

Die Saisoneröffnung im Park der Villa ist am Samstag, 23. April, um 12 Uhr mit einer Führung durch Werner Schempp, der Abteilungsleiter im Staatsministerium ist. Weitere Öffnungstermine (jeweils 10 – 17 Uhr): 7. und 28. Mai; 4. (Nachhaltigkeitstage) und 18. Juni; 2., 16. und 30. Juli; 13. und 27. August; 24. September sowie 15. und 29. Oktober. Für 17. September ist ein „Bergkonzert“ mit Nachwuchsbands geplant (Beginn 17.30 Uhr).

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