Buoch – Treffpunkt der Hautevolee Und dann sind da noch die Menschen, die einst insbesondere im Sommerhalbjahr in den Villen lebten oder dort als Besucher ein- und ausgingen. Ein Who is Who von Dichtern, Intellektuellen und Autoren, von Opernstars, reichen Privatiers mit sozialer Ader, von Musikern und schöngeistigen Militärs des 19. und 20. Jahrhunderts. Im Zeitraum nach dem Ende der Märzrevolution 1848 bis in die 1960er-Jahre sei die Promidichte in dem Dorf, das schon im 18. Jahrhundert als Luftkurort bezeichnet wurde, besonders hoch gewesen, sagt Sylvia Veronelli. Der Bau der Remstalbahn 1860 gab dem Tourismus in Buoch noch einen Extraschub.
Der Fußweg vom Eisenbahnhalt Grunbach im Remstal hinauf in das auf knapp 520 Metern gelegene Buoch sei an sich ein Event gewesen, sagt Sylvia Veronelli. Am Zielort hätten sich die oft betuchten Urlauber auch als Helfer der ansässigen Bauern betätigt. „Mittags gingen die Gäste zum Beispiel zum Kirschenpflücken.“ Die Sommerfrischler und die Einheimischen seien sich auf Augenhöhe begegnet – „das war eine Symbiose“.
Die Pianistin und die Villa Reinfelder So manches Kind im Dorf kam beispielsweise dank der Rei’gschmeckten in den Genuss von Musikunterricht oder Englischstunden. „Die Pianistin Dorothea Klotz hat Dorfkinder am Klavier unterrichtet“, erzählt Sylvia Veronelli. Deren Vater, ein General, hatte 1926 ein Haus in der Eduard-Hiller-Straße 16 gekauft. Knapp hundert Jahre zuvor war es als Forsthaus erbaut worden und wechselte 1846 den Besitzer. Ein Jurist, der Sohn des Buocher Pfarrers Reinfelder, erstand das Haus und ließ es vom Stuttgarter Stararchitekten Christian Friedrich von Leins umbauen. Er war auch Erbauer des Königsbaus und der Villa Berg. Im Haus gab es nun einen Festsaal und ein Deckengemälde, das die vier Reinfelder-Töchter als Allegorien zeigte.
Der Schriftsteller Hermann Kurz verfasste hier seinen 1843 veröffentlichten Roman „Schillers Heimatjahre“, auch der psychisch angeschlagene Dichter und Agrarwissenschaftler Eduard Hiller logierte in der Villa. „Das hier waren offene Häuser“, sagt Veronelli – oft hätten die Besitzer die schönsten Zimmer ihren Gästen überlassen. 1909 kaufte ein Oberlehrer in Rente die Villa Reinfelder und richtete ein Kurhaus ein. Das „Luginsland“ punktete laut Annoncen mit „behaglichen Zimmern“, „guter Küche“ sowie mit „vorzüglichen Weinen und ausgezeichnetem Kaffee“ bei den Gästen.
Ruhesitz für einen Dichter Das denkmalgeschützte, 1846 im Biedermeier-Stil erbaute Hillerhaus mit der Nummer 20 diente viele Jahre als Wirtshaus Zur Rose, bevor es ein Stuttgarter Bankier 1870 kaufte und dem Dichter Eduard Hiller als Alterssitz überließ. Auch nach dessen Tod im Jahr 1902 hatte das Haus bekannte Bewohner, berichtet Sylvia Veronelli. Zum Beispiel die Familie des italienischen Opernsängers Mario Del Monaco, der in den Fünfzigern und Sechzigern einer der gefragtesten Tenöre weltweit war. Er mag sich im Garten fast wie in der Heimat gefühlt haben, denn dieser wurde im italienischen Renaissance-Stil angelegt. „Eine echte Seltenheit“, sagt Sylvia Veronelli. Das Grün, wie auch das Hausinnere, habe der Architekt Paul Schmitthenner um das Jahr 1930 umgestaltet.
Kindererholungsheim für Betuchte Weiter geht es zum Haus Mahler in der Eduard-Hiller-Straße 24. Es stammt aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts und wurde vom Maler Karl Fuchs entworfen. Der Lithograf verdiente sein Geld in frühen Jahren vorwiegend mit dem Malen von Postkartenmotiven in Aquarellmanier, später reiste er bis Südafrika. Fuchs, der selbst zeitweise in Buoch lebte, hat die Ortschaft unzählige Male gezeichnet und gemalt – inklusive ihrer menschlichen und tierischen Bewohner. Noch immer hängen seine Skizzen und Bilder in Buocher Wohnstuben. Angeblich soll er gerne im Gasthaus gesessen und Gäste im Tausch gegen ein Viertele porträtiert haben.
„In den 1930er-Jahren war das Haus Mahler quasi ein Highend-Kinderheim, hier hat der Aufenthalt pro Monat 100 Reichsmark gekostet“, berichtet Sylvia Veronelli. In dem Internat, das die von der Reformbewegung inspirierte Lehrerin und Erzieherin Margarete Rustige leitete, lebten bis zu 20 Kinder, die hier nicht nur betreut und unterrichtet wurden, sondern auch von gesunder Ernährung und Meersalz-Solebädern profitierten. „Ende der 1930er-Jahre ging das Heim aber pleite“, erzählt Sylvia Veronelli.
Reineke Fuchs und die Villa Malepartus Sie selbst ist in der Villa Malepartus in der Steinacher Straße 4 aufgewachsen, die ihr Großvater, der Bäckermeister Krauss aus Stuttgart, 1953 kaufte und mit Frau, zwei Töchtern und deren Familien bezog. Ins Auge sticht die riesige Linde im Garten. Das im klassizistischen Stil erbaute Haus mit großer Halle und schönem Garten ließ 1891 Richard Röhn aus Burgstall bauen. Benannt ist die Villa nach der Burg von „Reineke Fuchs“ in Goethes gleichnamigem Gedicht.
Haus Finkenwiese und der kleine Lord Das Gebäude mit der Nummer 12, Haus Finkenwiese, trägt auch den Namen „Fuchs-Haus“ und wurde nach den Plänen des Malers im Jahr 1902 gebaut. Gelebt hat hier erst die Schriftstellerin Emmy Becher, Tochter des Politikers August Becher, der Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung und des späteren Rumpfparlaments in Stuttgart war. Emmy Becher übersetzte unter anderem den Klassiker „Der kleine Lord“ aus dem Englischen ins Deutsche. Auch Karl Fuchs, der Emmy Bechers Nichte heiratete, lebte hier einige Jahre. Malerkollegen wie Adolf Hölzel und Reinhold Nägele sowie die Autorin Isolde Kurz kamen zu Besuch. Sylvia Veronelli deutet auf die Haustür im Jugendstil und das Ornament darauf – einen stilisierten Fuchsbau.
Landhaus mit Wohnturm Auch beim im Stil des Historismus gehaltenen Gebäude Steinacher Straße 18 hatte Karl Fuchs die Finger im Spiel: Für den Generalmajor und Autor Albert von Pfister entwarf er nach dem Motto „my home is my castle“ das nach einer Inselgruppe bei Florida benannte Landhaus Bimini – ein Backsteingebäude mit einem von Zinnen gekrönten Wohnturm, auf dem seit Jahrzehnten Turmfalken nisten. Heidi Deiss, die 1971 mit ihren Eltern hier einzog, weiß dank der erhaltenen Gästebücher, dass zum Beispiel Sally Wiest hier zu Besuch war. Die „Grüne Sally“malte gerne draußen in der Natur. Dafür war das herrlich gelegene Buoch ein idealer Ort.
Ein „echtes Original“ in der Villa Dorsch Das Haus mit der Nummer 28 wurde um 1907 für den Pfarrer und Autor Paul Dorsch erbaut. „Er war der Herausgeber des Evangelischen Sonntagsblatts“, sagt Sylvia Veronelli. Mitte der 1950er-Jahre zog Wilhelm Schick hier ein, „ein echtes Original“. Schick, ein gelernter Kaufmann, arbeitete für seinen Lebensunterhalt an der Kasse eines Waiblinger Kleidergeschäfts. In seiner Freizeit war er als begabter Maler tätig, spielte Flügel und die Orgel in der Buocher Kirche. Und er korrespondierte mit Autoren wie Hermann Hesse und Anna Schieber.
Sylvia Veronelli bietet auf Anfrage Führungen durch Buoch und entlang der Villenzeile an. Diese sind kostenfrei, Spenden für den Heimatverein Buoch sind aber willkommen. Kontakt über E-Mail an veronelli.buoch@t-online.de oder telefonisch unter der Nummer 0 71 51/7 51 45.