Seine Klinik hält etwa 70 Betten vor, 60 Krebspatienten besuchen täglich die ambulante Tagesklinik. Der 54-jährige Mediziner hat sich der „ganzheitlichen Onkologie“ verschrieben, dem Gesamtbild eines Patienten, „das so in keinem Lehrbuch abgebildet wird“.
Die individuelle Typisierung bezieht sich deshalb nicht nur auf die Art der Krebserkrankung, sondern auch auf den Menschen dahinter. Wie ist er sozial eingebunden, ist er verlässlich bei der Einnahme von Medikamenten, welches Therapieziel erwartet er selbst? Gespräche mit Angehörigen gehören ebenfalls dazu.
Wichtige Kommunikation
„Unser Operationssaal ist das Krankenbett oder das Sprechzimmer“, sagt La Rosée. Er und sein Team legen zur Bestimmung der geeigneten Therapie großen Wert auf die Kommunikation zwischen Arzt und Erkranktem. In sogenannten „Tumorkonferenzen“ berät sich hernach ein interdisziplinäres Team.
Schloss Isareck ist Familiensitz
Paul Graf La Rosée stammt aus Landshut. Der Familiensitz der Adelsfamilie ist das Schloss Isareck bei Freising, in dem heute sein Cousin lebt. Seine drei Geschwister fanden alle den Weg in die Medizin oder Biologie, sein Vater war Chefarzt, seine Mutter Ergotherapeutin.
Dieser Richtung wollte sich der junge Paul zunächst widersetzen. Nach zwei Jahren als Soldat wurde er deshalb zum Jurastudenten, um aber bereits nach einem Semester zu erkennen: Das ist es nicht. 1991 nahm er sein Medizinstudium in Gießen auf, das ihn bis 1998 auch nach Heidelberg und Washington führte.
Damals zu viele Ärzte
Danach stieß er auf ein Problem, über das man heute nur den Kopf schütteln würde: Es gab seinerzeit zu viele Ärzte und er musste suchen, bis er Stationsarzt an der Mannheimer Uniklinik wurde. Dort ereilte ihn der Ruf aus den USA. Man brauchte einen jungen und fähigen Arzt für Verträglichkeitsstudien von neuartigen Medikamenten. Paul Graf La Rosée zögerte nicht und verbrachte zweieinhalb Jahre mit Forschungen. Deren Ergebnisse erwiesen sich als spektakulär, die neuen Arznei-Generationen als hochwirksam. So stiegen unter anderem die Lebenszeitprognosen bei Leukämie und das auch ohne Stammzelltransplantation.
Mittlerweile steht ein „Arsenal von Medikamenten„ zur zielgerichteten Behandlung von Krebs zur Verfügung, sagt der Facharzt. Und die Entwicklungen gehen weiter. 2007 wurde Paul Graf La Rosée Facharzt, gleich darauf folgten die Zusatzqualifikationen zum Hämatologen (Blutarzt), medizinischer Onkologen (Krebsarzt) und Palliativmediziner. 2009 wurde er leitender Oberarzt an der Uniklinik in Jena, wo er bis heute als Professor und Doktorvater tätig ist. Unter anderem bildet er dort Doktoranden im Wissen um die seltene Krankheit HLH (hämophagozytische Lymphohistiozytose) aus und richtete dazu eine klinische Beratungshotline ein.
In den Schwarzwald gezogen
2016 zog er mit seiner Frau Angela, den vier Kindern und Hund Benji aus Weimar in den Schwarzwald und übernahm am Schwarzwald-Baar-Klinikum Verantwortung. 2018 wurde auf seine Initiative hin und mit Unterstützung des Lions-Clubs Villingen das Onkologische Zentrum zertifiziert und 2019 die psychosoziale Krebsberatungsstelle sowie der Verein „Mit Krebs Leben“ gegründet.
Konsequente Vorsorge
Ein scharfes Schwert im Kampf gegen den Krebs ist laut La Rosée eine konsequente Vorsorge. Die Anzahl der Früherkennungen habe in der Pandemiezeit leider abgenommen und derzeit spüre man die negativen Auswirkungen. Auch hier, beim Entdecken von Krebszellen in frühen Stadien, mache die Forschung rasante Fortschritte, sagt La Rosée. Bestimmte Genzusammensetzungen von Tumoren können mittlerweile durch eine bloße Blutabnahme – die „flüssige Biopsie“ – erkannt werden.
So könnte es „in fünf bis zehn Jahren“ sein, dass eine Darmspiegelung gar nicht mehr notwendig ist und „in den nächsten zwei Jahren“ der größte „Killer“ , der Lungenkrebs, mittels CT früherkannt wird. Der deutsche Nobelpreisträger Harald zur Hausen entdeckte gar einen Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs.
Viele Erkrankungen sind vermeidbar
Wichtig zu betonen ist es dem Familienmenschen und Christen Paul Graf La Rosée, dass 40 Prozent aller Krebserkrankungen vermeidbar sind: ohne Rauchen und Übergewicht und mit Bewegung und gesunder Ernährung. Er selbst hält sich mit Radfahren, Bergwandern und Cello-Spielen im Schwenninger Ensemble „Pro Musica“ fit.