Virtuelle Kunst aus Stuttgart Warum Tim Bengel jetzt Kunst für Cro macht

Seinen virtuellen Kunstwerken hat Tim Bengel Namen von Freunden und Verwandten gegeben. Dieses Exemplar heißt Feliks. Foto: Bengel/Bengel

Der international renommierte Esslinger Sand- und Goldkünstler Tim Bengel hat sich mit zehn 3-D-Werken an der digitalen Collection des Stuttgarter Rappers Cro beteiligt. Sieht er die Zukunft der Kunst im Internet? Und was hat Paris Hilton damit zu tun?

Entscheider/Institutionen : Kai Holoch (hol)

Ihn treibe in diesem Fall die Neugierde und die Abenteuerlust, sagt er: „Der ganze NFT-Hype erinnert mich ein wenig an den Wilden Westen. Da muss man aufpassen, aber es gibt viel zu entdecken“, sagt Tim Bengel und lacht.

 

NFT – das ist die Abkürzung für Non-Fungible Token, also für nicht teilbare oder austauschbare digitale Wertmarken. Sehr vereinfacht dargestellt bestätigen diese mit hohem technischen Aufwand produzierten Zertifikate dem Käufer einer nur digital existierenden Ware zweifelsfrei, dass er der einzige Besitzer des im weltweiten Netz eingestellten Gegenstands ist.

NFTs können eine wichtige Rolle im Bereich der Kunst spielen

Klingt ein bisschen verrückt – und ist komplex: NFTs könnten aber gerade im Bereich der Bildenden Kunst in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen und noch an Bedeutung gewinnen. Denn ein positiver Aspekt von NFTs ist die Möglichkeit für Künstler, am Erfolg ihrer digital im Netz verbreiteten Kunst finanziell teilzuhaben: Jedes Mal, wenn eines der Kunstwerke den Besitzer wechselt, erhalten die Künstler einen kleinen Teil der Kaufsumme.

Jetzt hat sich auch Tim Bengel im digitalen Gefilde versucht – wobei, das betont er, der finanzielle Aspekt dabei für ihn eine nachgeordnete Rolle spiele. Bisher kennt die Kunstszene den in Esslingen lebenden 30-Jährigen als Künstler, der weltweit für seine Sand- und Goldbilder, zuletzt auch für seinen aus purem Gold gegossenen Bagel gefeiert wird. Doch jetzt geht Bengel digital.

Cro hat unser seinem Pseudonym die Skulptur Michelle geschaffen

Dafür verantwortlich ist ein anderer bekannter Stuttgarter, der Rapper Cro. Unter dem Pseudonym Carlito schafft Cro zeitgenössische Motive, einige figürlich, andere abstrakt. Unter anderem ist in diesem Jahr seine Skulptur „Michelle“ entstanden, die nun die Basis für die Carlito NFT-Collection bildet.

Dabei hat Cro rund ein Dutzend befreundete Künstler gebeten, die digitalisierte, in schlichtem Weiß gehaltene Basisvariante von „Michelle“ so zu gestalten, dass daraus insgesamt 1000 eigenständige digitale Kunstwerke entstehen.

Auch Cro selber hat einige Exemplare geschaffen, ebenso hat sich seine Schwester an der Aktion beteiligt. Der prominenteste Künstler aber ist ohne Zweifel Tim Bengel. Zehn virtuelle Bengels sind entstanden, die unverkennbar seine Handschrift tragen. Zwei seiner eigenen Werke hat sich der Künstler selber gesichert. Die anderen acht sind nun Teil der Carlito NFT-Collection, die jetzt vermarktet wird.

Wer einen echten Bengel bekommt? Das wird gelost.

Wer allerdings tatsächlich in den Genuss eines „echten“ Bengels kommt, ist noch offen. Denn Ende Juli wird gelost, welcher Käufer welches Werk zugesprochen bekommt. Die Chance auf einen echten Bengel liegen also bei 1 zu 125. Dabei gibt es zwei Vertriebswege. 700 Exemplare waren auf der Plattform Open Sea – was man als Ebay der NFT-Szene beschreiben könnte – im Angebot. Wer sich dort engagiert, erhält ein konkretes NFT, muss aber mit der Kryptowährung Ethereum bezahlen.

Für die restlichen 300 konnten Interessenten keine kompletten NFTs, sondern Anteile zu je 50 Euro beim Anbieter Timeless erwerben. Sie bilden also, profan ausgedrückt, so etwas wie eine Spielgemeinschaft.

Die komplette Flucht ins Metaversum kommt für ihn nicht in Frage.

Dass der Kunstfreund also gewissermaßen die Katze im Sack kauft, hat offenbar wenige gestört. Alle 1000 NFTs sind verkauft – und werden mittlerweile teilweise schon zu deutlich höheren Preisen angeboten.

Zwar, das räumt Bengel offen ein, könne ein digitales Kunstwerk niemals die Wirkung eines haptischen Werks erreichen, das mit seiner Aura einen ganzen Raum präge. Eine komplette Flucht ins digitale Metaversum kommt für ihn ohnehin nicht in Frage. Aber dass Menschen in Zukunft in verstärktem Umfang bereit sein werden, Geld für digitales Eigentum auszugeben, hält er für wahrscheinlich: „NFTs sind so etwas wie digitale Statussymbole“, sagt Bengel. „Was früher der Daimler vor dem Haus war, ist heute das erfolgreiche, offiziell als Besitz gekennzeichnete NFT als Profilbild in den Social-Media-Kanälen.“

Wenn NFTs zum Statussymbol werden

Beispiele dafür gibt es genug – etwa die Wertsteigerung, die die 10 000 Comic Affen aus der Kollektion „Bored Ape Yacht Club“ erfahren haben. „Wer heute einen solchen Affen besitzt, gilt entweder als total cool, weil er ganz früh auf die richtige Kollektion gesetzt hat, oder er signalisiert, dass er so viel Geld hat, dass es vollkommen egal ist, wie viel er für einen solchen Affen zahlen muss“, beschreibt Bengel das Selbstverständnis der Sammler. Dass Justin Biber und Paris Hilton auch solche Affen besitzen, steigert die Attraktivität natürlich noch einmal.

Auch Tim Bengel besitze ein paar NFTs und sagt lächelnd: „Ein bisschen ist das wie eine digitale Briefmarkensammlung.“ Eines davon sei, so erzählt er, eine Zeit lang sehr erfolgreich gewesen, aber der ganz große Wurf ist bisher noch nicht dabei gewesen. Aber ihm gehe es vor allem um den Spaß. Natürlich wolle er auch die Entwicklung beobachten und dabei sein.

Bengel: „Das ist wie in der Anfangszeit des Internets, als unendlich viele Glücksritter versucht haben, davon zu profitieren. Bei den NFTs ist sicher auch heute jede Menge Schrott dabei, aber ich glaube, Qualität wird sich auch hier durchsetzen.“

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