Vision eines Geislinger Mobilitätsforschers Wie wir uns künftig fortbewegen werden

„Das Automobil wird als Leitprodukt der industriellen Moderne abgelöst“, sagt Sven Kesselring. Er erklärt, warum er das Ende eines Zeitalters gekommen sieht.  Foto: Charly Kurz

Der Geislinger Hochschulprofessor Sven Kesselring wurde in den Klimarat der Landesregierung berufen. Im Interview skizziert er seine Vision einer nachhaltigen Mobilität. Nutzung und Zugang zum Auto sind für ihn Schlüsselbegriffe für die Zukunft.

Geislingen - Für nachhaltige Mobilität ist der Kreis Göppingen ein gutes Pflaster. Er kann beispielsweise ein Projekt für E-Carsharing vorweisen. Der Wissenschaftler Sven Kesselring von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Geislingen denkt weiter: Er legt den Fokus auf „Sharing im Quartier“. Mit seiner Forschungsarbeit empfahl er sich für den Klima-Sachverständigenrat des Landes, in den er berufen wurde.

 

Herr Kesselring, haben Sie sich über die Berufung gefreut? Inwieweit bedeutet das nun auch Verantwortung für Sie?

Ich freue mich darüber, dass mein Schwerpunktthema durch meine Person im Gremium eine Rolle spielt. Dabei geht es um die Frage, wie nachhaltige Mobilität mit zivilgesellschaftlicher Beteiligung gelingen kann. Ich betrachte Mobilität nicht nur aus einer technologischen oder ökonomischen Perspektive. Für mich stellt sich vielmehr die Frage, wie sich Lebensformen und Praktiken verändern und wie sich Konsum- und Mobilitätsstile wandeln. Ich kann derzeit aber noch nicht sagen, was ich genau im Gremium machen werde, da wir noch nicht zusammengesessen haben. Es gibt Ende Februar ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, und ich denke, dass die Fragen bis dahin geklärt werden.

Sie bringen den sozialwissenschaftlichen Blick mit ins Gremium. Können Sie den genauer erklären?

Genau, das ist das, was ich beitragen kann. Die technische Perspektive können andere besser abdecken. Ich stelle mir die Frage, wie man eine gesellschaftliche Dynamik entwickelt, die es logisch und sinnvoll macht, nachhaltig mobil zu sein.

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Wie müssen wir uns nachhaltige Mobilität vorstellen: Reicht es einfach, auf E-Fahrräder und E-Autos umzusteigen?

Die kurze Antwort ist Nein. Das wird das Problem nicht in seiner Komplexität lösen. Nachhaltige Mobilität meint zunächst mal eine Form der Fortbewegung, die künftigen Generationen die gleichen Möglichkeiten lässt wie uns. Nicht-nachhaltige Mobilität ist eine Mobilität, die Ressourcen so verbraucht, dass künftige Generationen die Rechnung dafür zahlen werden.

Laut Medienberichten haben Sie gesagt, dass man sich vom Auto langfristig ein Stück weit verabschieden muss. Was soll stattdessen vorrangig genutzt werden?

Ich werde immer so zitiert, als würde ich sagen, dass es in Zukunft keine Autos mehr gibt. Das glaube ich nicht. In einer modernen Gesellschaft wird es immer auch individuelle Mobilität geben. Dies heißt aber nicht, dass wir uns im eigenen Fahrzeug bewegen werden. Die emotionale Bindung, die die Generation nach dem Zweiten Weltkrieg zum Automobil entwickelt hat, wird sich verändern müssen. Das passiert heute schon. Das Automobil wird als Leitprodukt der industriellen Moderne abgelöst. Die jungen Menschen orientieren sich viel mehr an anderen technischen Objekten wie dem Mobiltelefon oder dem Computer. Und sie orientieren sich vor allem an der Möglichkeit, Zugang zu bestimmten Dingen zu haben – also auch den Zugang zu Mobilität. Wir erleben den Wandel eines Zeitalters: Es wird nicht mehr um den Besitz eines Automobils gehen, sondern um die Nutzung und den Zugang zu einem Automobil. Wenn ich sage, dass wir uns verabschieden müssen, dann müssen wir uns von dem verabschieden, dass wir alle ein eigenes Auto vor der Tür stehen haben.

Gelingt es eher, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen, wenn man kein eigenes Auto besitzt?

Ja, genau. Die Herausforderung ist, dass wir Mobilität auch ohne eigenes Auto ermöglichen. Die Beweglichkeit einer Gesellschaft muss dabei gegeben sein – für den Einzelnen, aber auch für die Wirtschaft. Wir können viel beweglicher sein, wenn wir kein eigenes Fahrzeug mit uns herumschleppen. Was mache ich zum Beispiel, wenn ich von Geislingen nach Stuttgart reinfahre? Dabei kann ich beweglicher sein, wenn ich mich nicht um das eigene Auto kümmern muss, sondern unterschiedliche Formen der Mobilität nutze. Sagen wir, ich fahre mit dem Zug oder Bus in die Stadt und bewege mich dort zum Beispiel mit dem Taxi weiter. Das kann auch ein geteiltes Fahrzeug wie Carsharing sein. Auch gerade auf dem Land könnten künftig autonome Fahrzeuge den Verkehr organisieren. Das könnte echte Lebenschancen für Menschen bieten, die dort sonst nicht vorankommen.

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Müssen Menschen in ländlichen Gebieten die Einführung des autonomen Fahrens abwarten, um sich nachhaltig fortbewegen zu können?

Ganz sicher nicht. Autonome Fahrzeuge sind nicht die Heilsbringer. Sie können bestenfalls Teil einer Lösung sein. Es gibt schon jetzt eine Fülle an spannenden Möglichkeiten, nachhaltig unterwegs zu sein. Wie man am Fahrradboom sieht, kann das großen Spaß machen und schick sowie gesund sein.

Wo liegt der Hebel, um mehr Akzeptanz für nachhaltige Mobilität zu schaffen?

Der Hebel liegt im Angebot. Doch da wird es auch schon schwierig, da viele dieser Modelle zuerst entwickelt werden, bevor man sich fragt, wie man sie in den Markt bringt. Und dort funktionieren sie oft nicht so richtig. Oder die Bereitschaft und Sinnhaftigkeit ist nicht gegeben. Deshalb muss man den Prozess umkehren. Man muss das Produkt mit den Menschen entwickeln, nicht für sie. Aus der Mitte der Gesellschaft heraus sollten wir Innovationen fördern, die es ermöglichen, Dienstleistungen und Produkte zu entwickeln, die gebraucht werden und das Leben wirklich verbessern.

Sie werden als Mitglied des Klima-Expertengremiums die Landesregierung beraten, wie man das Klimaziel erreicht. 65 Prozent der Treibhausgase sollen bis 2030 im Vergleich zu 1990 eingespart werden. 2020 waren es gerade einmal 20 Prozent. Sehen Sie das Land auf dem richtigen Weg?

Es ist eine riesige Herausforderung, der die Menschheit heute gegenübersteht. Das ist uns wohl allen klar. Ich glaube, dass es gelingen wird, wenn wir es schaffen, eine dynamische, eine energetische Gesellschaft zu entwickeln. Das heißt, dass man alle gesellschaftlichen Kräfte gewinnt – von der Nachbarschaft bis zum Bundesland, vom Unternehmen bis zur Universität. Nur wenn das alles für den einzelnen Sinn macht, kann es gelingen. Da reicht es nicht, den Verbrennungsmotor durch den Elektromotor zu ersetzen. Wir brauchen nicht nur eine Antriebswende, und es genügt keinesfalls, nur die Organisation von Mobilität zu verändern. Sondern wir brauchen auch ein anderes Verhältnis zu den Distanzen, die wir zurücklegen. Die Möglichkeiten der Kommunikation über das Internet spielen eine große Rolle dabei, Distanzen zu reduzieren.

Laufbahn und Projekt von Sven Kesselring

Laufbahn
 Sven Kesselring ist 1966 in Schweinfurt geboren. Er hat Soziologie, Politik und Psychologie in Marburg und München studiert, promovierte 2001 und habilitierte 2012 an der TU München. 2011 übernahm er eine Professur für Mobilitätsforschung an der Universität Aalborg in Dänemark. Seit 2015 ist Sven Kesselring Professor für Nachhaltige Mobilität an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind nachhaltige Mobilität, Mobilitätsverhalten, Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel.

Pro
jekt
 Der Geislinger Hochschulprofessor Sven Kesselring engagiert sich beim Projekt „MobiQ“ für nachhaltige Mobilität. Dabei soll in Geislingen im Frühjahr zusammen mit der Bürgerschaft ein „Reallabor“ entstehen. In dem vom Land mit mehr als einer Million Euro geförderten Projekt MobiQ geht es um „Nachhaltige Mobilität durch Sharing im Quartier“.

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