Mit der aufgehenden Sonne werden Amseln, Meisen, Finken und Krähen aktiv. Sie begrüßen mehr oder weniger lautstark singend den Morgen. Ein langer Tag liegt vor ihnen.
Die arbeitsreichste Zeit im Vogeljahr hat begonnen. Vereinzelt bringen sie noch Nistmaterial heran, die meisten sind jedoch bereits mit der Futtersuche beschäftigt. „Die Vögel, die maximal bis ins Mittelmeergebiet ziehen wie die Singdrossel, der Zilpzalp, die Mönchsgrasmücke, vor allem aber auch die Arten, die nur zum Teil oder nur als Teilpopulationen im Herbst wegziehen wie Rotkehlchen, Zaunkönig, Buchfink und Amsel sind seit Wochen wieder emsig bei der Arbeit. Sie haben den Nestbau abgeschlossen. Andere Arten kamen erst im April, andere werden erst im Mai erwartet, so dass die Rückkehr der heimischen Brutvögel mindestens bis Mitte Mai und der Durchzug von weit im Norden brütenden Arten bis Anfang Juni gehen wird“, sagt Ulrich Tammler, der Vogelexperten des Nabu Baden-Württemberg.
Krähenkolonie am Karl-Benz-Platz
In Untertürkheim rund um den Karl-Benz-Platz, aber auch in Bad Cannstatt am Wilhelmsplatz und entlang des Neckarufers haben auch bereits Saatkrähen ihre Schlaf- und Nistplätze bezogen – nicht immer zum Wohlwollen der Anwohner und Passanten. „Sie hinterlassen Kot auf den auf dem Parkplatz stehenden Autos, zerfleddern Mülltüten und krächzen laut“, sagt eine Anwohnerin. Biologen wie Michael Eick, der Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg, sehen die Wiederkehr der großen, schwarzen Rabenvögel mit Freude: „Saatkrähen galten lange Jahre fast als ausgerottet in Baden-Württemberg. Doch seit wenigen Jahren haben sie sich in unserer Region neu angesiedelt.“ Der Vogelexperte hat mit Wohlwollen beobachtet, wie die Saatkrähen zuerst in Ludwigsburg, dann in Bad Cannstatt und im Remstal stabile Kolonien bildeten. „Offensichtlich haben sich jetzt Ableger in Untertürkheim angesiedelt“, sagt Eick.
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Wieso die großen Singvögel wieder Fuß fassen, kann sich Eick noch nicht richtig erklären. Denn sie profitieren nicht von der Klimakrise. „Wie es ihr Namen verrät, sind sie harmlose Pflanzen- und gegebenenfalls Insekten- oder Gliedertierfresser mit wunderschönen in allen dunklen Blautönen schillernden Gefiedern, über deren Rückkehr wir uns freuen sollten“, sagt auch Tammler. Auch wenn die Vögel im Frühjahr und Herbst in Schwärmen über dem Neckartal kreisen und tolle Flugformationen bilden, stellen sie keine Gefahr für die Weinberge dar. „Im Gegenteil, sie vertilgen Engerlinge und Insekten, die den Reben schaden könnten“, sagt Eick. Und anders als ihre Verwandten, die Elstern oder Rabenkrähen, rauben Saatkrähen auch nicht Nester anderer Vögel aus.
Heimische Sträucher als Vogelfutter
„Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass der Diebstahl von Eiern oder Jungvögeln durch Rabenvögel keinen großen Einfluss auf die Population hat“, sagt Tammler. Eine größere Bedrohung für die kleinen Brutvögel stellen Hauskatzen dar, auch fehlende Futtermöglichkeiten sind ein Problem. Umso wichtiger sei es, betonen beide Experten, dass Gartenbesitzer den Brutvögeln geeignete Nistmöglichkeiten sowie Futterpflanzen bieten. „Naturnahes und giftfreies Gärtnern, Pflanzung von heimischen Sträuchern und Bäumen, Blumenwiesen mit heimischen Blütenpflanzen und Hochstauden – vor allem auch mit hohem Anteil von mehrjährigen Arten – anstelle von englischem Rasen – unterstützt die Vögel“, so Tammler. Dies gehe auch im Balkonkasten.
Nisthilfen sind willkommen
Mit diesen einfachen Mitteln fördere man die Insektenvielfalt und -masse als Nahrungsgrundlage für viele Arten während der Jungenaufzucht. Der Garten im Herbst muss nicht „winterfein“ gemacht werden. Wer Teilflächen der im Herbst abgestorbenen Pflanzen stehen lässt und auf die herbstliche Mahd zumindest auf Teilflächen verzichtet, erhält Samen als Nahrungsbasis für Körnerfresser im Herbst und Winter sowie Pflanzenstängel als Überwinterungsmöglichkeit für Insektenarten. Selbstverständlich könnten Gartenbesitzer auch Nistkästen an Bäumen aufhängen oder Brutmöglichkeiten an Gebäuden für Haussperlinge, Rotschwänzchen oder Mauersegler schaffen. „Wenn ein ausreichendes Angebot von Naturhöhlen etwa in alten Obstbäumen vorhanden ist, braucht es aber keine Nistkästen. Andererseits ist der Spaß an der Beobachtung besetzter Nistkästen natürlich ein Argument, in günstiger Lage mal den einen oder anderen Kasten aufzuhängen“, sagt Tammler.
Kontroverse um Frühjahrsfütterung
Kontrovers diskutiert wird dagegen, ob Vögel auch außerhalb der Winterzeit gefüttert werden sollen. Auf der britischen Insel ist dies gang und gäbe. Die meisten deutschen Naturschützer sind zurückhaltender. „Ökologisch sinnvoller ist es tatsächlich, Büsche und Sträucher zu pflanzen, die den Brutvögeln Schutz und Nahrung bieten“, sagt Eick. Auf der anderen Seite, so der ausgebildete Pädagoge, biete eine Futterstelle auch die Möglichkeit, das Verhalten der Tiere zu beobachten. Wichtig sei dann allerdings, dass die Futterstellen sauber gehalten werden.
Hände weg von Jungvögeln
Und auch bei hilflosen wirkenden Jungtieren, die aus dem Nest gefallen sind, sollte man sich zurückhalten. „Am besten ist es, die Tiere dort zu lassen, wo sie gefunden wurden, oder sie höchstens in einen geschützten maximal wenige Meter vom Fundort entfernten Bereich beispielsweise unter einem Busch zu setzen. Die Elternvögel füttern auch aus dem Nest gefallene Junge weiter“, sagt Tammler. Und Eick ergänzt, dass „gerade junge Amseln Nestflüchter sind. Die sogenannten Ästlinge sitzen verteilt auf Zweigen oder auf dem Boden und werden von den Elterntieren versorgt. Das ist deren Überlebensstrategie. Wer sie wegträgt oder ins Nest zurücksetzt, entführt sie. Dabei sind die Eltern die besten Fütterer.“
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