Operation Nemesis Die Rache der Armenier

Talat Pascha ist einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern. Am 15. März 1921 wird er in Berlin von einem jungen armenischen Attentäter erschossen. Foto: Wikipedia

Zwei Jahre lang jagen Häscher die Verantwortlichen des Genozids an den Armeniern. Der erste Schuss fällt vor 100 Jahren an einem sonnigen Morgen in Berlin-Charlottenburg.

Berlin - Es sind nur wenige Passanten unterwegs, als Talat Pascha am Morgen des 15. März 1921 seine Wohnung in der Berliner Hardenbergstraße 4 verlässt. Kurze Zeit später liegt der ehemalige Innenminister des Osmanischen Reichs mit einer Kugel im Kopf vor der Hausnummer 17. Erschossen von dem armenischen Studenten Soghomon Tehlirian, der Berlin und der jungen Weimarer Republik einen spektakulären Prozess beschert.

 

Denn Talat Pascha ist nicht irgendein Minister a. D., er war Mitglied des Jungtürkischen Triumvirats der „drei Paschas“, das sich 1913 in Istanbul an die Macht geputscht und das Osmanische Reich in den Ersten Weltkrieg geführt hatte. Viel wichtiger aber: Talat Pascha ist einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern, in dessen Verlauf fast 1,5 Millionen Menschen bestialisch umgebracht werden. Auch Tehlirians Familie ist unter den Opfern.

Vor Gericht kommen ungeheure Verbrechen ans Licht

Seine tote Mutter habe ihm die Tat befohlen, „ich habe ihn getötet, aber ich bin kein Mörder“, erklärt er vor Gericht und berichtet den erschütterten Geschworenen von den Schreien seiner vergewaltigten Schwestern und dem gespaltenen Schädel seines Bruders. Weitere Zeugen breiten das ganze Ausmaß des Genozids aus: Sie erzählen von den Massenvergewaltigungen, den Leichenbergen und von den Todesmärschen in die Wüste, zu denen Talat Pascha in einem Erlass lakonisch bemerkt hatte: „Das Verschickungsziel der Armenier ist das Nichts.“

Schon nach wenigen Stunden sitzt nicht mehr Tehlirian auf der Anklagebank, sondern der tote Talat Pascha – und mit ihm die Türkei. Am Ende verlässt der junge Armenier den Gerichtssaal als freier Mann und unter Beifall des Publikums. „Sie mussten ihn einfach laufen lassen“, kommentiert die „New York Times“.

Die drei Paschas entkommen – an Bord eines deutschen U-Boots

Was die Geschworenen nicht wissen: Tehlirian ist kein verwirrter Student. Er musste auch nicht mit ansehen, wie seine Familie massakriert wurde. Und: Der Mord an Talat Pascha wird nicht der einzige bleiben, denn Tehlirian ist Teil der nach der griechischen Rachegöttin benannten Operation Nemesis, die zum Ziel hat, die Verantwortlichen für den Genozid zur Rechenschaft zu ziehen. Ganz oben auf der Todesliste: Innenminister Talat Pascha, Kriegsminister Enver Pascha und Marineminister Cemal Pascha.

Lesen Sie auch: „Erster Weltkrieg: Der Traum des Sultans“

Alle drei waren nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg auf Druck der Sieger von einem Gericht in Istanbul zum Tode verurteilt worden, konnten aber an Bord eines deutschen U-Boots entkommen. So schickt die armenische Partei Revolutionäre Föderation Häscher aus, um die Urteile selbst zu vollstrecken. Männer, die durch die Massaker ihre Familien verloren haben und voller Rachedurst sind.

Die Propaganda der Tat

„Du bläst den Schädel des Nummer-eins-Nationenmörders weg und versuchst nicht, zu fliehen. Du bleibst dort, deinen Fuß auf der Leiche, und ergibst dich der Polizei, die kommen und dir Handschellen anlegen wird“, bläuen die Auftraggeber Tehlirian ein. Es geht nicht nur um Rache, es geht um die Propaganda der Tat. Die Öffentlichkeit soll daran erinnert werden, was die Türken, was die Welt den Armeniern schuldet. Auch die in den Verträgen von Paris aus der Taufe gehobene Republik Armenien ist 1921 schon längst wieder Geschichte, aufgeteilt zwischen Türken und Sowjets.

Mehrere hochrangige Politiker fallen der Operation Nemesis zum Opfer. Am 6. Dezember 1921 erschießen zwei Attentäter in Rom den ehemaligen Großwesir Said Halim Pascha. Am 17. April 1922 trifft es in Berlin Bahattin Sakir, einen der Organisatoren der Massaker, sowie den einstigen Gouverneur von Trabzon, Cemal Azmi. Azmi ist auch als „Henker von Trabzon“ bekannt, weil er Tausende Armenier im Schwarzen Meer ersäufen ließ. Der zweite Pascha, Marineminister Cemal Pascha, wird am 21. Juli 1922 im georgischen Tiflis erschossen. Einzig Kriegsminister Enver Pascha entkommt. Er stirbt 1922 bei Kämpfen mit der Roten Armee in Zentralasien.

Die Türkei will von einem Völkermord nichts wissen

Bis heute bestreitet die Türkei, dass es sich bei den Massakern um einen Völkermord handelt. Als Rechtfertigung für die Verbrechen wird – damals wie heute – erklärt, dass die Armenier die fünfte Kolonne der verfeindeten zaristischen Armee gewesen seien. Doch die Entscheidung zur Deportation der Armenier fällt viel früher. Der Erste Weltkrieg befördert den Völkermord zweifellos, der Auslöser aber ist er nicht.

Lesen Sie auch: „Die Armenien-Frage: Massaker, Massenmord oder doch Völkermord?“

1912 waren die christlichen Nachbarn Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland über den „kranken Mann am Bosporus“ hergefallen und hatten dem Osmanischen Reich fast alle europäischen Gebiete abgenommen. Gebiete, aus denen auch die Familien der drei Paschas stammen. Es kommt zu grässlichen Massakern an den Muslimen des Balkans. Die christlichen Untertanen des Sultans erweisen sich dabei als wenig loyal, nicht selten werden die Muslime von ihren christlichen Nachbarn totgeschlagen. Kurz darauf übernehmen die drei Paschas die Macht. Der Schock der Niederlage weicht der Überzeugung, dass die Türkei ohne christliche Minderheiten sicherer ist. Eine fatale Konsequenz für einen Vielvölkerstaat – und das Todesurteil für die Armenier.

Von den 25000 armenischen Einwohnern Erzurums überleben nur 22

Die Türkei hält die drei Paschas noch immer in Ehren: Talat und Enver Pascha ruhen in prächtigen Gräbern im Herzen Istanbuls. Cemal Pascha liegt auf einem Märtyrerfriedhof in Erzurum, jener Stadt, die vor dem Genozid 25 000 Armenier zählte, von denen nur 22 das Gemetzel überleben. Cemal Azmi, der Henker von Trabzon, ist auf einem Friedhof in Berlin begraben. Vor zehn Jahren wurde ein neuer Gedenkstein aufgestellt. Darauf ist zu lesen: „Ermordet durch armenische Terroristen.“ Dass Azmi selbst Tausende ermordete, ist auf dem weißen Marmor nicht vermerkt.

Und Tehlirian? Der landet über Umwege in den USA, wo er bis zu seinem Tod 1960 unter falschem Namen lebt. Landsleute, die ihn erkennen, küssen seine rechte Hand. Die Hand, mit der er Talat Pascha erschossen und in den Augen vieler Armenier den Genozid an ihrem Volk gerächt hatte.

Ein polnischer Jurist verändert alles

Das Verfahren gegen Tehlirian ist auch aus juristischen Gründen bemerkenswert. In Polen verfolgt der junge Linguistikstudent Raphael Lemkin den aufsehenerregenden Prozess und stellt sich die Frage, warum ein Mann wie Tehlirian wegen eines Mordes vor Gericht gestellt wird, während ein Massenmörder wie Talat Pascha frei herumläuft. Lemkin wechselt das Fach, studiert Jura und wird später den Begriff Genozid prägen. Auch die Konvention der UNO über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes, die 1951 in Kraft tritt, geht auf Lemkin zurück – und somit ein Stück weit auch auf den Attentäter Tehlirian.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Türkei Armenien Geschichte