Vogelkundliche Sensation in Neuffen Wiedehopf brütet im Kreis Esslingen

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Erstmals seit mehr als 40 Jahren brütet die beeindruckende Zugvogelart wieder auf einer Streuobstwiese bei Neuffen. Die Naturschützer hoffen, dass sich die „kleine Sensation“ nicht als ein einmaliges Ereignis erweist.

Und sie fiebern dem Nahrungstransport mit weit aufgesperrten Schnäbeln entgegen. Foto: Nabu Neufffen-Beuren/Etspüler 6 Bilder
Und sie fiebern dem Nahrungstransport mit weit aufgesperrten Schnäbeln entgegen. Foto: Nabu Neufffen-Beuren/Etspüler

Neuffen - Naturschützer sind nicht dafür bekannt, ihre Beobachtungen in Feld und Flur mit Superlativen zu beschreiben. Es sei denn, sie haben etwas so Außergewöhnliches entdeckt, dass sie gar nicht anders können. Den Mitgliedern des Naturschutzbundes (Nabu) Neuffen-Beuren ist es so ergangen. Sie bezeichnen es als „kleine vogelkundliche Sensation“, dass in diesem Sommer ein Wiedehopfpaar in einer Baumhöhle nahe Neuffen gebrütet und seine Jungen aufgezogen hat. Es ist im Landkreis Esslingen die erste nachgewiesene Brut dieser Vogelart seit mehr als 40 Jahren und auch für ganz Baden-Württemberg ein durchaus bemerkenswertes Ereignis. Denn der Wiedehopf brütet seit den 1990er-Jahren hierzulande regelmäßig nur am Kaiserstuhl und im Raum Freiburg.

Der „hup-hup-hup“-Ruf war im Frühjahr zu hören

Helmut Reichenecker, der Vorsitzende des Nabu Neuffen-Beuren, erinnert sich gut an den wiedehopftypischen „hup-hup-hup“-Ruf, den er im Frühjahr bei seinen Streifzügen über die Streuobstwiesen am Albtrauf gehört hat. Wenig später entdeckte er auch den dazugehörigen Sangeskünstler mit dem prächtigen Federkleid und der imposanten Kopfhaube. Dann seien die Wiedehopfe vier Wochen lang nicht mehr gehört und nur noch vereinzelt beobachtet worden. Was die Naturfreunde nicht weiter beunruhigte, denn üblicherweise mache diese Vogelart auf ihrer Reise ins Sommerquartier allenfalls eine kurze Rast im Landkreis. Doch das Pärchen hatte sich offensichtlich nur rar gemacht, um die natürliche Höhle in dem alten Apfelbaum zu beziehen und sich intensiv der Familiengründung zu widmen. Für ein Balz-Geflöte sah das Männchen zudem keinen Anlass mehr, hatte es doch die Holde offenbar längst von seinen Qualitäten als Partner und Vater ihrer Küken überzeugt.

Als einer der Nabu-Vogelliebhaber nach tagelanger Suche die Kinderstube entdeckte, war die Freude groß und die Dokumentation des seltenen Ereignisses Pflicht. Aus sicherer Entfernung wurde das Brut- und Aufzuchtverhalten mit dem Teleobjektiv festgehalten. Der Wiedehopf sollte auf keinen Fall in seiner Elternzeit gestört werden. Deshalb waren laut Reichenecker nur drei Personen eingeweiht worden, und es wurde erst über die Attraktion berichtet, als die drei Jungvögel bereits ausgeflogen waren. Übrigens weiß sich der Wiedehopf gegen Nesträuber durchaus zu wehren. Sollte beispielsweise ein Marder seinem Gelege zu nahe kommen, bespritzt er diesen mit einem sehr übel riechenden Sekret aus seiner Bürzeldrüse. Der davon ausgehende strenge Geruch hat dem Wiedehopf auch den etwas unrühmlichen Beinamen Stinkvogel verpasst.

Dass sich das Vogelpaar den Apfelbaum und nicht einen der im Rahmen eines Wiedehopfprojekts aufgehängten Nistkästen als Eigenheim ausgesucht hat, sei ihm verziehen. Roland Bauer, der Biologe des Landkreises Esslingen, gibt zu, er sei der gemeinsamen Initiative von Biosphärengebiet und Nabu in den Jahren 2015 und 2016 eher „skeptisch“ begegnet. Denn die Nistkästen seien nicht das Problem, weshalb der Wiedehopf andere Gegenden bevorzuge, um sich fortzupflanzen. Vielmehr sei dafür das mangelnde Nahrungsangebot an großen Insekten verantwortlich. Bis zu zehn Zentimeter lange Maulwurfsgrillen etwa ließen dem Wiedehopf das Wasser im Schnabel zusammenlaufen, berichtet Roland Bauer. Doch von denen gebe es im Landkreis keine großen Vorkommen mehr. Ganz anders im Kaiserstuhl, wo beispielsweise der Maikäfer für einen reich gedeckten Wiedehopf-Tisch sorge und dort auch einer größeren Population dieser Spezies Nahrung biete.

Brutnachweis ist ein „Riesenerfolg“

Angesichts der schlechten Voraussetzungen im Landkreis Esslingen – er ist zudem der am dichtesten besiedelte in Baden-Württemberg – sei der Brutnachweis als „Riesenerfolg“ zu bewerten, sagt Roland Bauer. Darüber freue er sich sehr, denn das habe er in seinen jetzt 27 Jahren als Biologe im hiesigen Landratsamt noch nicht erlebt. Der Nabu hofft, dass die bemerkenswerten Vögel, die jetzt nach und nach in wärmere Gefilde weiterziehen, auch im nächsten Jahr rund um Neuffen Station machen, um ihre Jungen großzuziehen. Er regt die Gründung eines „Aktionsbündnisses Wiedehopf“ an, das sich in erster Linie zum Ziel setzen soll, die Lebensbedingungen für diese Vogelart zu verbessern. Denn ein brütendes Wiedehopfpaar soll im Landkreis Esslingen künftig keine „vogelkundliche Sensation“ mehr sein.

Der Wiedehopf hat gerne große Insekten auf dem Speiseplan

Vorkommen
In den 50er Jahren brütete der Wiedehopf im damaligen Kreis Nürtingen regelmäßig­. Allein um Kirchheim wurden in den 60er Jahren 15 Paare gezählt. Spätestens von den 70er Jahren an pflanzte er sich hier nicht mehr fort. Es wurden lediglich noch einzelne Vögel während der Zugzeit beobachtet. In den Niederlanden, Belgien und Luxemburg­ gilt er als ausgestorben. In Deutschland, der Schweiz, Tschechien und Österreich steht er auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

Nahrung
Der Wiedehopf ernährt sich fast ausschließlich von Insekten. Diese dürfen gerne groß sein, wie etwa Feld- und Maulwurfsgrillen oder Engerlinge und verschiedene Raupenarten und Käfer. Gelegentlich erbeutet er sogar Frösche und kleine Eidechsen.

Zugverhalten
Die Wiedehopfe verlassen von Ende Juli bis September unsere Breitengrade und fliegen in wärmere Gefilde, um zu überwintern.