Volker Klotz wird 90 Avantgardestreuner und Mikroradikaler

Volker Klotz wird neunzig Jahre alt. Foto: privat/privat
Volker Klotz wird neunzig Jahre alt. Foto: privat/privat

Der Literaturwissenschaftler Volker Klotz feiert seinen 90. Geburtstag mit einem unkonventionellen Erinnerungsbuch

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Stuttgart - Passionierter Leser, Theaterbesucher und -kritiker, Liebhaber der Operette, Dramaturg, Literaturwissenschaftler, Hochschullehrer und Verfasser von gut zwei Dutzend Büchern, von denen einige zu Standardwerken wurden – Volker Klotz, der an diesem Sonntag in Stuttgart seinen 90. Geburtstag feiern kann, hat sich nie um die penible Abgrenzung der verschiedenen Berufssparten und Fachgebiete gekümmert, in denen er sich betätigt hat. Die akademische Laufbahn, in die diese vielseitigen Interessen am Ende mündeten, war da nicht zwangsläufig vorgezeichnet; aber in der Ära vor der Bologna-Reform gewährte die Universität Außenseitern wie Klotz noch jene Freiheiten, die er dann als Professor für Literaturwissenschaft an der Uni Stuttgart von 1971 bis 1996 für seine grenzüberschreitenden Projekte zu nutzen wusste und damit Generationen von Studenten prägte.

Keine Berührungsängste

Die Abneigung gegen ein Spartendenken mag auf frühe Erfahrungen zurückzuführen sein, denn bereits im Elternhaus machten die Bildergeschichten von Wilhelm Busch und Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ den 1930 in Darmstadt Geborenen mit einem Genre bekannt, das unbekümmert von puristischen Reinheitsgeboten Bilder und Verse miteinander kombinierte und zeigte, wie kurz der Weg vom Erhabenen zum Lächerlichen sein konnte. Als Halbwüchsiger war er dann mit Karl Mays „Durchs wilde Kurdistan“ in die Welt der Abenteuerromane eingetaucht und mit Verdis „Troubadour“ der Faszination durch die Bühne erlegen.

(K)eine Autobiografie

Wer will, kann die Geschichte dieser frühen Prägungen jetzt in einem Buch nachlesen, das Klotz sich selbst zu seinem runden Geburtstag geschenkt hat, aber keineswegs als Autobiografie verstanden wissen will. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass es in der Tradition des deutschen Bildungsromans das eigene Leben als eine aufsteigende Linie darstellen würde, wo Schritt um Schritt Bildungsstufen brav und erfolgreich bis zum glücklich erreichten Ziel nacheinander abgearbeitet werden. Das Wort „Abenteuer“ im Untertitel deutet vielmehr an, dass Klotz sich vom Abenteuerroman hat inspirieren lassen, wo Episoden unverbunden aneinandergereiht werden, mit dem Überraschenden zu rechnen ist und das einzelne Ereignis für sich steht, statt mit einer übergeordneten Idee verrechnet zu werden.

Kein Zufall

Kein Zufall deshalb, dass Klotz sich in seinen Büchern jenen Autoren und Genres widmet, die quer zum Hauptstrom des für klassisch Befundenen stehen: dem Abenteuerroman, der Operette, den antiklassischen Theaterautoren von Holberg bis Nestroy, von Kleist und Grabbe bis zu Büchner und Brecht. Es überrascht auch nicht, dass er in all seinen Büchern das enge Korsett der Nationalliteraturen sprengt und ganz selbstverständlich französische, spanische, lateinamerikanische, italienische, dänische und schwedische Werke neben die kanonisierten deutschen stellt. Gastprofessuren und Reisen des „leidenschaftlichen Autofahrers“ in Schweden, Dänemark, Ungarn, Italien, Spanien und Algerien gaben ihm die Gelegenheit, neben der Literatur auch die Architektur, Malerei und Musik dieser Länder kennenzulernen, wo vor allem die spanische Zarzuela zu einer Entdeckung für Klotz wurde, die er auch in seinem Buch über die „unerhörte Kunst“ der Operette gebührend gewürdigt hat.

Keine Vorurteile

Einen „Avantgardestreuner und Mikroradikalen“ nennt Klotz sich selbst, wobei mit Avantgarde kein Immer-auf-dem-neuesten-Stand-Sein gemeint ist, sondern das Aufspüren von unkonventionellen, querständigen, plebejischen Elementen in den Kunstwerken der Vergangenheit: ein „Wiedergutmachungstrieb gegenüber bestimmten vergessenen oder unterschätzten, auch missachteten oder verpönten Autoren und Werken, Gattungen und Sujets, ästhetischen Prozeduren und Verfahren“. Wer sich wie Klotz mit offenen Augen und Ohren und ohne Vorurteile auf die einzelnen Kunstwerke einlässt, so lautet die Lehre dieses Goldgräbers, der wird belohnt mit unerwarteten Entdeckungen.

Volker Klotz: Angst vorm Artefakt? Abenteuer eines kunstbedachten Gambusinos und Wanderpredigers. Königshausen & Neumann, 538 Seiten, 48 Euro.




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