Volksabstimmung Der Widerstand hat den Novemberblues

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Am Tag nach der Niederlage bei der Volksabstimmung sortiert sich das Aktionsbündnis neu. Dahlbender tritt zurück, die Montagsdemos stehen wohl vor dem Aus.

Leben: Erik Raidt (era)
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Stuttgart - Am Morgen, nachdem das Volk gesprochen hat, herrscht Schweigen im Park. Verlassen steht der Infotisch der Parkschützer an einer Weggabelung unweit des Planetariums. Überall liegen die Werbebroschüren für den Volksentscheid aus – doch die Botschaften sind von gestern, die Prospekte über Nacht nutzlos geworden. Vor den Wigwams des Widerstands haben die Parkschützer ein Banner aufgespannt, dessen aufgedruckte Parole noch gilt – auch nach der deutlichen Abstimmungsniederlage der Gegner von Stuttgart 21: „Herr Kretschmann, verhindern Sie die Zerstörung des Schlossgartens!“

Der Spruch hat einen beinahe beschwörenden Unterton. Fast sinnbildlich steht er für eine neue Bescheidenheit im Auftreten des Aktionsbündnisses, das sich an diesem Montag neu sortieren muss und morgens noch nicht weiß, ob es abends überhaupt noch eine Zukunft hat. Das gilt auch für die Parkbesetzer, deren Zelte wie bunte Farbtupfer über den Schlossgarten verteilt sind – wie es mit ihnen weitergeht, erscheint nach dem Volksentscheid offener denn je. Die CDU hat die grün-rote Landesregierung aufgefordert, die Zeltstadt so schnell wie möglich zu räumen.

Der Widerstand leidet an diesem Tag schwer unter dem Novemberblues, auch bei der Mahnwache am Nordausgang des Hauptbahnhofs. Dort diskutiert Kornelia Emke mit den Passanten. In allen Gesprächen schwingt die Enttäuschung mit, mitunter auch Resignation. Seit anderthalb Jahren läuft der Widerstand gegen den Tiefbahnhof heiß, und Kornelia Emke weiß noch nicht, ob und wie sie weitermachen will: „Stuttgart hatte die Chance, die Demokratiehauptstadt des 21. Jahrhunderts zu werden“, sagt sie, „aber gestern hat die Demokratie verloren.“

Bittere Niederlage

Die Niederlage schmeckt besonders bitter, für all jene, die Baustellen blockiert, die Mahnwachen am Laufen gehalten haben und an vielen Montagen ihrem Protest vor dem Bahnhof Gehör verschafft haben. Kornelia Emke schüttelt den Kopf, der Volksentscheid hat ihren Zorn nicht geschmälert, ihr keinen Frieden gebracht. „Die SPD hat sich auf einen dämlichen und fiesen Deal eingelassen. Und die Grünen haben sich über den Tisch ziehen lassen.“ An der Mahnwache gilt für sie auch weiterhin: wir gegen die anderen. Für die anderen hat sie einen Begriff gefunden, der auch die Verbohrtheit der Gegenseite aufzeigen soll: „die Tunnelaner“.

Viele haben in der Nacht auf den Montag schlecht und kurz geschlafen, weil ihre Gedanken nicht zur Ruhe kommen wollten. Auch für Brigitte Dahlbender war die Nacht kurz. Die Landesvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) wird an diesem Montagmittag ihren Rücktritt als Sprecherin des Aktionsbündnisses bekanntgeben. Das weiß sie schon, als sie nach dem Mittagessen ihre beiden Rollkoffer die Treppen zum Rathaus hinaufwuchtet. Vor der Tür zündet sie sich eine Zigarette an, atmet durch, vor ihr liegt ein schwerer Gang. Sie muss sich beim Treffen des Aktionsbündnisses erklären. Auch Brigitte Dahlbender hat am Sonntagabend verloren. Doch die zierliche Frau, die sich beim männerdominierten Schlichtungsclub im Rathaus vor einem Jahr Respekt verschaffte, weigert sich, nur das Negative zu sehen. „Unsere Bewegung hat viele verkrustete Strukturen in Baden-Württemberg aufgebrochen“, sagt sie. „Und in Stuttgart hat sich durch den Widerstand eine Menge verändert. Rund um das Aktionsbündnis sind neue Netzwerke entstanden, von denen zumindest einige Bestand haben werden.“ Auch wenn Stuttgart 21 gebaut würde, könne die Politik in Zukunft die Kosten von Großprojekten nie wieder künstlich herunterrechnen.

Emanzipation durch den Protest

Das Volk habe sich emanzipiert durch den Protest, glaubt die Biologin, die mit ihrem Mann in einem Vorort von Ulm wohnt und seit Monaten ein Leben im Pendelverkehr führt: Ulm–Stuttgart, Hin- und Rückfahrt, bis zur Erschöpfung. In den vergangenen Wochen hatte ihre Arbeitswoche zwischen 80 und 100 Stunden. Der Endspurt beim Volksentscheid war nichts für Kurzstreckenläufer.

Jetzt ist es an der Zeit, Atem zu holen. Brigitte Dahlbender wird in der nachmittäglichen Strategiesitzung des Aktionsbündnisses eine Zäsur vorschlagen: Die Montagsdemos sollen beendet werden, der Protest sich nur noch bei besonderen Anlässen auf der Straße zeigen. Aus dem Aktionsbündnis soll ein Fachbündnis werden, das Kritik übt, aber keine Fundamentalopposition. Aus der Sicht der BUND-Landesvorsitzenden hat die Demokratie am Sonntag nicht verloren – sie hat nur eine Mehrheit ergeben für eine Meinung, die nicht ihre ist. „Das muss man aushalten“, sagt sie, „auch wenn ich enttäuscht bin, dass wir sogar in Stuttgart eine Mehrheit für unser Anliegen so deutlich verfehlt haben.“

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