Volksabstimmung "Man ist ohnmächtig gegen diese Parkschützer"

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 Womöglich ist jedoch die Entscheidung in der Hauptsache, dem Volksentscheid, bereits gefallen, entlang der alten Lagergrenzen. In Baden dominiert nach Aussagen vieler Wahlkämpfer die Ablehnung gegen S 21 ebenso wie in den Unistädten und den Grünen-Hochburgen. Entsprechend heiß ist deshalb zum Beispiel das Pflaster in Konstanz für S-21-Fans. Unterm Strich ist Wolfgang Dietrich jedoch zuversichtlich. Er glaubt, dass jenseits der Region vor allem die Parteizugehörigkeit entscheiden werde, "die Fakten zählen wenig". Und weil er die Landtagswahl nicht als politisches Stimmungsbild akzeptiert, glaubt er an die Mehrheit für eine Ablehnung des Ausstiegsgesetzes. Daraus ergibt sich für ihn ein eindeutiges Kampagnenziel: Die eigenen Leute müssen mobilisiert werden. Umstimmen könne man niemand mehr.

Ob dies der Grund ist, weshalb Veranstaltungen nicht übermäßig beworben werden? Oder ist es vielmehr die Angst vor den unberechenbaren Aktionen der Gegner? Wolfgang Dietrich spricht ganz allgemein von Sicherheitsbedenken. Rudolf Welte sagt: "Wir halten die Termine in der eigenen Gruppe." Das beeinträchtige einerseits den Effekt von Veranstaltungen. Andererseits: "Man ist ohnmächtig gegen diese Parkschützer."

Am Samstagmittag, eine Woche nach Weltes Tour durch Reutlingen und Tübingen, dominieren schwarz gekleidete Sicherheitsleute den Bahnhof von Böblingen. Als Bahn-Chef Rüdiger Grube die Treppe hochkommt, staunen die wenigen zahlenden Gäste, von der Polizei abgedrängt, nicht schlecht. Vom "Bürgerbahn-Tag auf der Gäubahn" können sie nichts wissen. Die Fahrt ist nicht öffentlich. Erst zwei Tage zuvor wurde die Aktion offiziell bekannt. Pro Stuttgart 21 hat Grube und eine bunte politische Promitruppe zusammengetrommelt sowie dreihundert Aktivisten eingeladen, letztlich, um den grünen Verkehrsminister Winfried Hermann auszubremsen. Dessen Behauptung, Stuttgart 21 verhindere den Ausbau anderer Schienenstrecken, wollte man etwas entgegensetzen, sagt Wolfgang Dietrich. Also fährt der Befürwortertross mit der Gäubahn nach Tuttlingen. Die Südbahn und die Rheintalstrecke stehen als nächste Ziele fest.

Rüdiger Grube sucht die Nähe, er begrüßt jeden Aktivisten im Zug persönlich - gut 200 sind gekommen. Es fehlen die Jungunionisten, die zeitgleich ihren Parteitag veranstalten. Die Stimmung ist trotzdem gut, endlich gibt es für das freiwillige Engagement mal Anerkennung statt Prügel. Nur ein paar Nachdenkliche wie Michael Gärtner können ein gewisses Unbehagen nicht unterdrücken. "Die Veranstaltung ist sehr nach innen gerichtet", bemerkt der Architekt, er gehört zu Weltes Interessengemeinschaft. Der 53-Jährige ist seit zwei Jahren dabei, ihn hat die Wut der Gegner aktiv werden lassen. "Der Widerstand hat mich politisiert, dieses Misstrauen. Es mag naiv klingen, aber ich habe ein Grundvertrauen in die Institutionen." Der frühere Grünen-Wähler hat vor zwei Jahren den BUND verlassen und ist heute in der CDU, "als Zeichen des Protests gegen die Selbstgerechtigkeit der Gegner".

Ein Stück von Teufels Lebenswerks

In Horb und Rottweil steigen Grube und die Promis am Bahnsteig kurz aus, begrüßen die örtlichen Würdenträger und fahren weiter. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, der CDU-Fraktionsvorsitzende Peter Hauk, sein SPD-Kollege Claus Schmiedel und all die anderen spielen nur Nebenrollen. Eigentlich, sagt eine Bahn-Sprecherin, wolle man bei der Kampagne nicht in der ersten Reihe stehen, schließlich habe man nicht nur das Baurecht, sondern sogar eine Baupflicht. Doch heute ist von Zurückhaltung nichts zu spüren. Grube ist der Stargast und erklärt das so: "Wir sind zwar keine Politiker, aber wir können nicht einfach daneben stehen."

In Tuttlingen am Bahnhof, der wahrlich eine Aufwertung gebrauchen könnte, machen viele ein langes Gesicht. Zuhörer sind fast keine gekommen, die 200 Menschen verlieren sich auf dem großen Bahnhofsvorplatz. Weniger Publikum und mehr Politprominenz geht kaum. Alle sind sie da, um für S 21 zu werben: Grube, der Landtagspräsident Guido Wolf, der Sozialdemokrat Schmiedel, Volker Kauder, Lokalmatador und Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Nur auf einen warten sie noch, einer, der nicht mal auf der Rednerliste steht.

Er ist ihre Lokomotive, seine Zugkraft hat er nie verloren: Plötzlich steigt Erwin Teufel auf das kleine Podium. Er zieht die Blicke an, wird bejubelt, voller Ehrfurcht. Der ehemalige CDU-Ministerpräsident holt ganz weit aus, berichtet davon, wie alles anfing mit Stuttgart 21. Geradezu leidenschaftlich schildert er alle Vorzüge. Viele Jahre lang, bis 2005, hat er Stuttgart 21 vorangetrieben. Es ist auch ein Stück seines Lebenswerks, dass da auf der Kippe steht. Wie konnte es so weit kommen?

"Wissen Sie", sagt der 72-Jährige, "ich kann das auch nicht verstehen." Die Ratlosigkeit ist ihm ins Gesicht geschrieben, etwas ist ins Wanken gekommen, was längst geregelt schien. "Das war unumstritten, und dann explodiert alles", sagt er und klingt hilflos. "Man muss doch zumindest den Politikern vertrauen, die man lange Jahre kennt."

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