Volksfest in Stuttgart Was taugen die Fahrgeschäfte auf dem Wasen?

Von Tilman Baur 

Vom gemütlichen Riesenrad bis zum schwindelerregenden Loopingkarussell: Auf dem Wasen geht es buchstäblich rund. Wir haben einige Fahrgeschäfte getestet.

Schleudergefahr: der  Tester auf wilder Fahrt Foto: Lichtgut/Julian Rettig 7 Bilder
Schleudergefahr: der Tester auf wilder Fahrt Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Die Wilde Maus gehört zu den Klassikern auf dem Wasen. Sie ist das perfekte Mittelding: Wem der Wellenflug zu harmlos ist und Achterbahnen zu nervenaufreibend sind, der bekommt hier Nervenkitzel light geboten. Unterschätzen sollte man die anderthalbminütige Fahrt aber nicht: Zwar sind die Abfahrten nicht besonders steil, dafür geht es umso ruckartiger in die scharfen Kurven.

Direkt gegenüber der Wilden Maus steht ein Himmelfahrtskommando namens „Infinity“, laut Betreiber Hoefnagels & Söhne das höchste mobile Loopingkarussell der Welt und seit 2016 auf dem Wasen dabei. Um es kurz zu machen: Infinity ist purer Wahnsinn. Ein langer Trägerarm wirbelt drei Sitzgruppen mit bis zu 125 Stundenkilometern von links nach rechts. Passagiere erreichen eine Flughöhe von 25 Metern, während eine Beschleunigungskraft von 5 G auf den Körper einwirkt, was der fünffachen Erdanziehungskraft entspricht – und die Erdanziehungskraft bewirkt eine Beschleunigung um 9,81 Meter pro Sekunde. Zum Vergleich: die Achterbahn Silver Star im Europapark erreicht nur 4 G. Nach zwei von vier Minuten hat Infinity so viel Schwung aufgenommen, dass der Scheitelpunkt erreicht ist und man in die entgegengesetzte Richtung kippt. Der Kopfüber-Blick auf die Gaisburger Kirche versichert mir: ich bin noch am Leben.

Von Entspannung keine Spur

Nach dem schwindelerregenden Infinity soll es nun ein entspanntes Intermezzo in Kinzlers „Breakdance No.1“ geben. Poppige Graffiti an der Rückwand erinnern an die Achtziger, aus den Lautsprechern wummert Ryan Paris‘ Uralt-Hit Dolce Vita. Los geht’s! Doch von Entspannung keine Spur. Mit barbarischer Geschwindigkeit drehen sich die 24 Gondeln kreuz und quer, abrupt wechselt die Richtung, und nur mit äußerster Mühe und vollem Körpereinsatz bleibt man im Gefährt sitzen. „Wollt ihr noch ne Runde, wie ist die Stimmung?“, fragt der gut gelaunte Mann am Mikro und erntet Jubel. Die Graffiti verschwimmen vor dem Auge, Kunstnebel verschleiert die Sicht, bevor man nach fünf Minuten Richtung Ausgang taumelt.

Weil ein Wasen-Besuch ohne Geisterbahn ein No-Go ist, geht es als nächstes ab in die Haunted Mansion, die verwunschene Villa. An der Fassade spielen Skelette in langen Gewändern Geige, aus dem Innern hallen finstere gregorianische Choräle. Dämonen und schaurige Gestalten warten an jeder Ecke, Spinnennetze nehmen die Gondeln in Beschlag. Eine alte Frau mit abgehackten Beinen sitzt im Schaukelstuhl. An der nächsten Ecke lässt ein Buckliger die Kettensäge heulen. Trotz gängiger Geisterbahn-Elemente läuft mir kein Schauder über den Rücken. Alles ist vorhersehbar – bis mir kurz vor Ende ein Mitarbeiter unversehens ein Skelett direkt vors Gesicht hält. Hilfe!

Rundumblick über Stuttgart

Zeit für etwas Entspannung. D ie gibt es im Riesenrad, das offiziell Sky Lounge Wheel heißt. Für sieben Euro tuckert man fünf Runden in einer der 40 Gondeln, genießt den Rundumblick über Stuttgart – und das ganz ohne flauen Magen und weiche Knie. Ein idealer Zeitpunkt, um sich mit einer Tüte Magenbrot zu stärken. Zum Schluss darf es noch mal etwas schneller werden. Auch Kinzlers Musik-Express ist ein Wasenklassiker, schon seit 1970 gehört er zum Inventar. Ein Magendreher ist er zum Glück nicht. Es geht zwar auf und ab, aber immer nur geradeaus. Bis zu 60 Stundenkilometer schnell wird dieser Express, der an Disco-Kugeln in allen Größen vorbeiführt und schon Lust auf den nächsten Wasenbesuch macht.