Volkskrankheit Asthma Warum wird die schwere Atemnot chronisch?

An der täglichen Dosis Asthma-Spray kommt man als Betroffener kaum vorbei. Gerade bei Kindern erfordert das viel Disziplin. Foto: Adobe Stock/Pixel-Shot

Asthma ist unheilbar, aber mittlerweile gut behandelbar. Warum manche Menschen ein Leben lang damit zu kämpfen haben, warum der Kuhstall vor einer Erkrankung schützt und welche Alternativen es zu Cortisonsprays gibt – eine Expertin im Interview.

Stuttgart - Mit einer Quote von sechs bis zehn Prozent ist Asthma bronchiale die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter. In etwa jedem zweiten Fall streckt sich ihr Verlauf bis ins Erwachsenenalter. Doch wovon hängt das ab? Und was kann man tun, wenn die Erkrankung chronisch geworden ist? Professorin Erika von Mutius, Leiterin der Asthma- und Allergieambulanz am Haunerschen Kinderhospital in München, gibt Antworten im Interview.

 

Frau von Mutius, was ist eigentlich das zentrale Problem beim Asthma, das Ein- oder das Ausatmen?

Prinzipiell beides. Das Problem ist, dass der Patient zwar beim Einatmen – auch wenn es schwerfällt – immer noch Luft durch die verengten Bronchien in die Lungen bekommt, weil dieser Vorgang von ganz vielen Muskeln unterstützt wird. Doch die stehen ihm beim Ausatmen nicht zur Verfügung. Der asthmatische Anfall ist also eine Mischung von Wenig-Luft-Kriegen einerseits und einer Überblähung und zu viel Restluft in den Lungen andererseits. Das behindert den für uns notwendigen Luftaustausch, bei dem sauerstoffreiche Luft ein- und kohlendioxidreiche Luft ausgeatmet wird.

Warum verschließen sich die Bronchien?

Im Vordergrund stehen dabei die Entzündungen der Atemwege. Sie führen dazu, dass die Schleimhaut anschwillt und unter ihr die Nervenzellen – wenn Sie es so ausdrücken wollen – blank liegen. In der Folge kommt es dort zu einer Reizung und dadurch zu einer Obstruktion, also einer Verengung der Atemwege.

Und wodurch entstehen die Entzündungen?

Durch allergische Reaktionen oder wiederholte Virusinfektionen, wobei oft auch beide gleichzeitig vorkommen. Bei Erwachsenen findet man allerdings eher die Allergien und bei den Kindern eher die Virusinfektionen als Auslöser.

Virusinfekt heißt, dass prinzipiell auch ein banaler Schnupfen der Auslöser sein kann, oder?

So ist es. Angenommen, Sie haben einen durch Rhinoviren ausgelösten Schnupfen. Der Gesunde kann ihn auf die oberen Atemwege begrenzen, der Asthmatiker jedoch nicht. Bei ihm rutscht also der Schnupfen quasi herunter, so dass sich die Entzündungen auch auf die unteren Atemwege ausweiten.

Was sind die weiteren Risikofaktoren für Asthma bronchiale?

Da wäre zunächst einmal eine gewisse familiäre Vorbelastung zu nennen. Es gibt Familien, in denen Asthma gehäuft vorkommt. Man kennt mittlerweile auch eine bestimmte Region auf Chromosom 17, die wesentlich damit zu tun hat, wie Kinder mit Virusinfekten in den Atemwegen zurechtkommen. Zu den weiteren Risikofaktoren gehört aber auch das Passivrauchen. Und das fängt schon damit an, wenn die Mutter in der Schwangerschaft raucht. Die Schimmelbildung in der Wohnung ist ebenfalls ein Risikofaktor, und Übergewicht spielt vermutlich auch eine Rolle, weil es das Entzündungsgeschehen im Körper verstärkt.

Und die Umweltfaktoren? Sie haben vor einigen Jahren ein Studie zur Asthma-Verteilung in West- und Ostdeutschland veröffentlicht.

Ja. Wir dachten damals zunächst, dass die größere Schadstoffbelastung in der ehemaligen DDR zu einer Häufung von Asthma-Erkrankungen geführt hätte. Das war aber nicht so, man hatte dort deutlich weniger. Warum das so ist, haben wir nie rausgekriegt. Und später haben wir herausgefunden, dass Kinder, die auf Bauernhöfen groß werden, einen enormen Schutz vor Asthma haben. Das liegt einerseits an den häufigen Aufenthalten im Kuhstall, in dem viele Keime herumschwirren, die das kindliche Immunsystem so trainieren, dass es später weniger Fehlreaktionen zeigt. Eine weitere Rolle spielt aber wohl auch der Verzehr von unbehandelter Rohmilch, was sich teilweise mit deren höherem Fettanteil und Gehalt an Omega-3-Fettsäuren erklären lässt.

Es heißt, dass sich Asthma oft auswächst, dass man also darauf hoffen darf, als Erwachsener nicht mehr damit zu tun zu haben. Stimmt das?

Ja, das hat vermutlich mit der Reifung des Immunsystems zu tun und betrifft vor allem die leichteren Asthma-Formen und diejenigen, die im Zusammenhang mit Virusinfektionen auftreten. Außerdem geschieht das Herauswachsen in Wellen. Die erste Welle kommt im Alter von sechs bis zehn Jahren, die zweite mit der Pubertät. Was aber nicht heißt, dass man auf den Lauf der Natur vertrauen und nicht behandeln sollte.

Okay, dann kommen wir zur Therapie. Welche Optionen gibt es da?

Als Erstes muss man festhalten: Man kann Asthma nur behandeln, nicht heilen. Durch die Behandlung lassen sich mittlerweile aber große Fortschritte in der Lebensqualität erzielen. Der wichtigste Punkt ist, dass man die Entzündungen in den Atemwegen eindämmt. Das geschieht am besten durch Sprays, also inhalative Anwendungen mit Cortison. Viele Leute haben Angst davor wegen der Nebenwirkungen, die Cortison haben kann. Doch die beim Inhalieren aufgenommene Menge entspricht nur einem Hundertstel bis zu einem Tausendstel dessen, was man mit einer Tablette oder Ähnlichem einnimmt. Denn Inhalieren heißt, dass man das Cortison gezielt in die Atemwege einbringt und nicht systemisch über den ganzen Körper verteilt.

Aber an der täglichen Dosis Spray kommt man nicht vorbei, oder?

Ja, und das erfordert schon Disziplin. Und sie lastet bei kleineren Kindern in erster Linie auf den Eltern. Zudem können auch die Asthma-Sprays die Asthma-Anfälle nicht komplett zum Verschwinden bringen.

Gibt es noch andere aktuelle Trends in der Asthma-Therapie?

Ja. Beispielsweise die Biologicals, die man für schwere Asthma-Formen beim Erwachsenen einsetzen kann. Es handelt sich dabei um Antikörper, die sich gegen bestimmte Entzündungsbotenstoffe richten. Die sind wirksam, damit kann man Cortison einsparen und damit kann man auch die Anzahl der Asthma-Attacken reduzieren. Der Haken: Diese Mittel müssen gespritzt werden und sind irre teuer. Außerdem muss man wissen, gegen welchen Entzündungsbotenstoff man eigentlich vorgehen will, und dazu bedarf es einer präzisen Diagnose.

Worauf muss man im Alltag der Asthma-Patienten achten?

Die Wohnung sollte frei von Schimmelpilz, also gegebenenfalls saniert sein. Und wenn der Patient gegen Tierhaare allergisch ist, müssen Hund oder Katze weg, sonst wird es schlimmer. Ganz wichtig: Rauchen ist tabu. Was auch bedeutet, dass man nicht auf dem Balkon raucht, denn der Tabakqualm wird ja über die Kleidung und die Haare wieder ins Haus gebracht.

Reicht der Umstieg auf E-Zigaretten?

Wir suchen derzeit ganz gezielt nach Schadstoffen in den E-Zigaretten, die für den Asthmatiker problematisch sein können. Ich gehe davon aus, dass wir da auch etwas finden werden.

Zur Person

Professorin Erika von Mutius (63) studierte Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, danach ließ sie sich zur Fachärztin für Pädiatrie (Kinderheilkunde) ausbilden. 2013 erhielt sie den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis für ihre Forschung über die Ursachen von Lungenerkrankungen im Kindesalter, vier Jahre später übernahm sie die Leitung des Instituts für Asthma- und Allergieprävention am Helmholtz-Zentrum in München.

Fakten zu Asthma

Zum ersten Mal wurde der altgriechische Begriff „āsthma“ in den Schriften des Hippokrates verwendet. Zur Therapie wurden unter anderem Aderlass und Schröpfen sowie Abführ-, Brech- und Niesmittel empfohlen. Weltweit wird die Zahl der Asthma-Kranken auf 300 Millionen geschätzt. Die Verbreitung schwankt, von 1 Prozent in Vietnam bis zu 21,5 Prozent in Australien. Laut Berechnungen der Deutschen Lungenstiftung stirbt alle zwei Stunden ein Asthmatiker in Deutschland. 90 Prozent davon könnten wohl durch eine zuverlässige Behandlung vermieden werden.

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