Der Vorwurf, Borussia Dortmund und der FC Bayern würden die Bundesliga leerkaufen, ist fast jeden Sommer zu hören. Dazu gibt es nun auch Summen. Fußball-Mathematiker haben errechnet, dass der BVB in den vergangenen zehn Jahren für 29 Spieler 386,2 Millionen Euro an die nationale Konkurrenz überwiesen hat, beim FC Bayern waren es 238,2 Millionen Euro für 21 Kicker. Klar, finanziell spielt der Fußball in seiner eigenen Liga, weit entfernt von sonst gültigen Werten. Das Szenario, durch Verpflichtungen von Profis, die in Deutschland bereits überzeugt haben, nicht nur den eigenen Kader zu stärken, sondern zugleich die Rivalen auf Distanz zu halten, existiert aber auch im Volleyball.
In der Frauen-Bundesliga gibt es derzeit vier Topvereine. Double-Gewinner Allianz MTV Stuttgart, Vizemeister SC Potsdam, der Dresdner SC und der SSC Schwerin haben noch nicht alle Transfers für die nächste Saison veröffentlicht, aber schon jetzt zwölf Spielerinnen von Liga-Konkurrenten verpflichtet, die sportlich und finanziell weniger zu bieten haben. Der VC Wiesbaden, der VfB Suhl und SW Erfurt verlieren jeweils drei Stammkräfte an das Quartett an der Spitze. „Natürlich sind wir darüber nicht glücklich“, sagt Christopher Fetting, der Geschäftsführer des VC Wiesbaden, „doch gleichzeitig ist es ein großer Ansporn, sich selbst weiterzuentwickeln.“ Und den Abstand zu verkürzen.
Das Ziel lautet: mehr Konstanz im Kader
Andere Clubs sehen das ähnlich. Zwar würde sich Andre Wehnert, der Geschäftsführer der Roten Raben Vilsbiburg, durchaus wünschen, dass die großen Vier „mehr Talente aus der eigenen Nachwuchsarbeit nach oben bringen“. Er sagt aber auch: „Natürlich ist es nicht schön, jedes Jahr einen Aderlass zu erleiden und bei null anzufangen. Deshalb müssen wir, wollen wir bei uns mehr Konstanz reinbringen, unsere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern.“
Das Ziel im 80 Kilometer nordöstlich von München gelegenen Vilsbiburg ist, den Etat von rund einer Million Euro bis 2025 zu verdoppeln. Dann wären die Roten Raben auf Augenhöhe mit Meister Allianz MTV Stuttgart, zu dem Alexis Hart und Luisa Keller gewechselt sind. „Unser Problem ist, dass wir uns in einem Haifischbecken größerer Städte bewegen“, sagt Wehnert, „wenn ein Topclub bei unseren Spielerinnen anklopft, ist es schwer, dagegenzuhalten.“
Die Großen ärgern
Dieses Gefühl kennen auch die Verantwortlichen des VfB Suhl – aktuell hat der Dresdner SC gleich drei Volleyballerinnen des Überraschungsfünften verpflichtet. Die Antwort? Ist Pragmatismus pur. „Es gehört zur DNA des VfB Suhl, Talente zu entdecken und so gut zu machen, dass sie woanders einen großen Vertrag erhalten können“, sagt Teammanager Tim Berks, „wir haben zwei herausragende Jahre gespielt und sehen die Entwicklung deshalb mit einem weinenden Auge. Aber uns ist bewusst, was wir uns leisten können.“ 700 000 Euro beträgt der Etat des VfB Suhl. „Wir haben total Lust, die Großen weiterhin zu ärgern“, sagt Berks, „deshalb muss das Ziel sein, uns jedes Jahr wirtschaftlich zu verbessern. Das ist noch nicht ausgereizt.“ Ähnlich denkt Christopher Fetting.
Der Geschäftsführer des VC Wiesbaden hätte gerne drei Viertel des Teams gehalten, mit dem der Verein zuletzt „aus dem Tal der Tränen herausgekommen ist“. Doch geblieben ist allein Lena Groß-Scharmann. In Laura Künzler (Stuttgart), Pia Leweling (Potsdam) und Kveta Grabovska (Dresden) hat der VCW drei seiner Stärksten an besser aufgestellte Bundesligisten verloren. „Es gibt schon Phasen, in denen man die Motivation verlieren könnte“, sagt Fetting, „aber man darf sich nicht unterkriegen lassen.“ Er beschreibt die Bundesliga aus finanzieller und struktureller Sicht als Drei-Klassen-Gesellschaft: Oben hat sich ein Quartett etabliert, unten kämpfen die Vereine aus Erfurt, Straubing und Neuwied. Den VCW mit seinem 1,3-Millionen-Etat rechnet Fetting zum Mittelfeld: „Eine Durchlässigkeit ist nicht unmöglich, aber sie bedarf großer Kraftanstrengung.“ Was aus Sicht der Volleyball-Bundesliga kein Zustand ist, der zu beklagen wäre.
Allianz MTV Stuttgart fühlt sich wie „im Dschungel“
„Es gibt in jeder Liga eine Hierarchie und ein Gefälle“, sagt Julia Retzlaff, die VBL-Geschäftsführerin Sport, „durch die hervorragende Arbeit in Stuttgart und Potsdam ist die Spitze in den vergangenen Jahre breiter geworden – und wir hätten nichts dagegen, wenn sie noch breiter wird.“ Wogegen sich das Topquartett mit allen Mitteln wehrt.
Natürlich wissen die Verantwortlichen der großen vier, dass sie mit ihrer Transferpolitik den Status quo zementieren. Doch zuvorderst schauen sie auf sich selbst. „Etablierte Bundesliga-Spielerinnen zu holen, ist oft nicht nur finanziell sinnvoll. Es gibt einem zudem sportliche Sicherheit“, sagt Aurel Irion. Zugleich verweist der Geschäftsführer von Allianz MTV Stuttgart darauf, dass auch sein Club sich fühlt „wie im Dschungel“ – weil die Besten Angebote aus Italien oder der Türkei erhalten: „Es ist einfach Teil des Profisports, so gut und so groß wie möglich werden zu wollen. Und auf jeden Fall besser als die Konkurrenz.“
Der FC Bayern und Borussia Dortmund sind dafür die besten Beispiele.