Vom Remstal nach Kolumbien Nach der Krankheit kommt der Neuanfang in den Anden

Das Glück der Erde liegt nicht nur auf dem Rücken der Pferde – sondern für Marisol Simon auch in Südamerika. Foto: privat

Sie hatte Haus und Job im Remstal – nach einer lebensrettenden Operation entschied sich Marisol Simon für ein anderes Leben. Wir haben uns mit der Frau unterhalten, die ihre geschenkte Lebenszeit nutzen will.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Im Hintergrund zwitschern exotische Vögel, die Morgensonne scheint auf die Veranda von Marisol Simons Finca und auf die Bananenstauden, die in einiger Entfernung stehen. Einer der Hunde döst auf dem Boden. In Kolumbien ist es gerade 10, im Remstal 16 Uhr. Videotelefonat mit einer Frau, die mit über sechzig am anderen Ende der Welt neu angefangen hat.

 

Vor einigen Jahren war Marisol Simon im Remstal gut vernetzt. Die studierte Übersetzerin arbeitete als Lokaljournalistin, später kümmerte sie sich im Rathaus Kernen um Öffentlichkeitsarbeit. Sie hat drei Söhne, alle sind längst erwachsen, und sie hatte ein Häuschen in Rommelshausen. Doch so richtig mit dem Herzen angekommen sei sie im Remstal nie, erzählt sie.

Das liegt zumindest teilweise an ihrer Biografie: Als Tochter einer chilenischen Mutter und eines deutschen Vaters wurde sie in Chile geboren. Sie wuchs in Köln auf, für ein paar Jahre ging es wieder zurück nach Südamerika, diesmal Kolumbien, dann wieder nach Deutschland. „Im Schwabenland wurde ich dann zum ersten Mal mit der Maßeinheit Achtele konfrontiert“, sagt die nun 66-jährige Simon und lacht. Mit der Mentalität sei sie nie richtig warm geworden.

Eine schwere Krankheit bringt Marisol Simon zum Umdenken

Dieser Anblick bietet sich Simon jetzt jeden Tag. Foto: privat

Dann, im Jahr 2015, kam ein gesundheitlicher Paukenschlag. „Ich hatte einen Hirntumor und musste operiert werden. Der Chirurg hat gesagt, einen Tag später, und es wäre nichts mehr gewesen.“ Sie schrammte nahe am Tod vorbei. Das brachte sie zum Nachdenken: „Die Zeit, die ich länger zu leben habe, empfinde ich als Geschenk. Ich habe mich gefragt, was ich damit anfangen will. Auf keinen Fall wollte ich warten, bis mich irgendjemand holt“, erzählt sie.

Der Gedanke an die alte Heimat in Südamerika ließ sie nicht los. Erst recht nicht nach einer längeren Reise, als sie sich gesundheitlich wieder erholt hatte. Der Gedanke ans Auswandern wurde konkreter. „Meine Söhne konnten es nicht so recht glauben, auch Freunde haben gemeint, das meinst du doch nicht ernst.“ Doch Marisol Simon ist keine Frau für halbe Sachen. Nach der OP ging sie in Frührente und verkaufte das Häuschen in Kernen. Für den erzielten Preis konnte sie in den Anden, in der Nähe von San Agustín, eine Finca plus Nebengebäude errichten lassen. Länger warten konnte sie nicht, sagt sie: „Mit 67 hätte ich das Auswandern nicht mehr gepackt“, ist sie sicher.

So sieht das Leben auf der Finca in Kolumbien aus

Seit Januar 2020 besteht ihr neues Zuhause aus fünfeinhalb Hektar Land, darauf ihr zweistöckiges Wohnhaus, ein Haus für den Gutsverwalter und Gebäude, um den selbst angebauten Kaffee – „der ist wirklich lecker“ – zu verarbeiten und zu trocknen. Weitere Bewohner sind Hunde und Katzen, Puten, Truthähne und Gänse, Pferde, eine Kuh, einige Schafe und die beiden Minischweine Fridolin und Emma. „Aber Namen haben die Tiere alle – und gegessen wird keines davon“, versichert Marisol Simon.

Sie lebt vor allem von einer Erwerbsminderungsrente – „obwohl ich mein Leben lang gearbeitet habe“ – und ist bescheiden. „Hier in Kolumbien ist der Peso schwach und ich kann davon relativ gut leben“, sagt Simon. Auf dem Erreichten ausruhen und sich auf die faule Haut legen ist aber nicht ihr Ding: Frühmorgens steht sie auf, erledigt die ersten Dinge, bespricht sich mit dem Gutsverwalter. „Zur Zeit ist das Gras verholzt und muss geschnitten werden, damit die Schafe es fressen können.“ Dann suchte einmal eine Krankheit die Bananenstauden heim, sie mussten neu gepflanzt werden – zu tun gibt es immer etwas.

Ihr Kaffee ist in der Region bekannt

Der Kaffee ist eine der wenigen Einnahmequellen. Foto: privat

Derzeit beschäftigt sich Simon zudem mit diversen Heilpflanzen, die auf ihrem Grund wachsen. Auch die Kaffeeplantage von rund einem Hektar Größe macht Arbeit. „Wir düngen nur biologisch, hier kommt kein Gift an die Pflanzen.“ Der Kaffee bringt einen guten Preis ein, was auch daran liegt, dass die Produzenten im benachbarten Brasilien dieses Jahr von Hagelschäden geplagt wurden. Simon möchte ihren Kaffee auch in Deutschland vertreiben: „Bald kommt mein ältester Sohn hierher, er wird eine erste Lieferung mitnehmen.“

Marisol Simon wird Kandidatin bei „Bauer sucht Frau international“

Eine Angelegenheit, die ihr am Herzen liegt, ist auch die Rückgabe von kolumbianischen Statuen, die vor gut 100 Jahren vom deutschen Ethnologen Robert Preuss nach Berlin geschafft worden waren. Vielen Menschen in der Region um San Agustín sind diese steinernen Zeugen einer vergessenen Kultur wichtig. Simon setzt sich dafür ein, sie zurück ins Land zu holen. „Ich war schon immer politisch interessiert. Hierzulande muss man aber abwägen, wie weit man sich aus dem Fenster lehnen kann“, sagt Simon über die Situation im neuen Heimatland.

Was Marisol Simon zu ihrem Glück allerdings noch fehlt, ist ein Partner. Einen geeigneten Kandidaten zu finden, ist im südamerikanischen Dschungel nicht allzu leicht. Daher hat sich die lebensfrohe Rentnerin zu einem ungewöhnlichen Weg entschieden: In der kommenden Staffel der RTL-Sendung „Bauer sucht Frau International“ gehört sie zu den Kandidatinnen.

Die Formulierung des Senders auf dessen Webseite, sie wolle „ihr Paradies in Kolumbien gerne teilen“, relativiert sie jedoch: „Er kann sich gerne auf meinem Land etwas bauen.“ Zusammenzuziehen und 24 Stunden pro Tag zusammen zu verbringen, daran habe sie aber Zweifel. Gedreht sind die Folgen der Kuppelshow noch nicht, sowohl der Sender als auch Simon verraten darüber nicht allzu viel. Man darf also gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht.

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