Vom Sohn zum Mann Junge, Junge – diese Pubertät!
Eine sechsfache Jungs-Mutter erzählt, warum eine negative Sicht auf die Pubertät keinem nützt. Und: Wie diese Zeit für alle Beteiligten besser gelingt.
Eine sechsfache Jungs-Mutter erzählt, warum eine negative Sicht auf die Pubertät keinem nützt. Und: Wie diese Zeit für alle Beteiligten besser gelingt.
„Oh Gott, und was machst du, wenn die alle in die Pubertät kommen?“ Es war gleich nach der Geburt ihres dritten Sohnes, als Franziska von Oppen (45) diesen Satz zum ersten Mal hörte. Inzwischen hat sie sechs Söhne zwischen drei und 17 Jahren, vier davon sind mittendrin in der Pubertät. Und Franziska von Oppen sagt: „Ich sehe diese Zeit als großes Geschenk.“
Dabei sind Ratgeber wie Internetforen voll von Eltern, die nur Schreckliches von der Pubertät im Allgemeinen und ihren Teenager-Söhnen im Besonderen berichten: Sie sind faul, kriegen den Mund nicht mehr auf, zocken nur noch am Computer, schauen Pornos, brüllen herum, werden aggressiv, machen unvernünftige Mutproben. Und nein, das sind nicht nur Klischees.
„Das antreibende Hormon bei Jungs in der Pubertät ist das Testosteron, davon haben sie ungefähr 20-mal mehr als Mädchen“, sagt Reinhard Winter, Pädagoge am Sozialwissenschaftlichen Institut Tübingen, Jungenexperte und Buchautor. Und das beeinflusst ihre körperliche Entwicklung genauso (wild, laut, impulsiv, wagemutig) wie ihr Kommunikationsverhalten. „Dass Jungs in dieser Zeit so schweigsam werden, hängt möglicherweise mit der Menge an Testosteron zusammen, die direkt im Gehirn wirkt“, so Winter. Daran müssten sie sich erst gewöhnen, damit umgehen lernen. Das brauche Zeit.
Doch bereits Teenager würden heute mit dem gesellschaftlichen Bild von Männern konfrontiert, die auch kommunikativ stark und einfühlsam sind. „Ein Mann, ein Wort – diese Zeiten sind vorbei“, sagt Reinhard Winter. Auch beobachtet er, dass Eltern wie Schule Jungs weniger Gelegenheiten zugestehen, „sich die Hörner abzustoßen“.
Wie also kommt es, dass Franziska von Oppen so optimistisch mit der Pubertät ihrer Söhne umgehen kann und aktuell den ersten deutschen Online-Kongress zur männlichen Pubertät organisiert (siehe Info)? „Ich war genervt von Ratgebern, die Pubertierende als Puber-Tiere darstellen“, sagt Franziska von Oppen. Denn: „Wie kann ich meinen Söhnen auf Augenhöhe begegnen, wenn ich sie nicht mehr als Menschen sehe, sondern mit einem Tier vergleiche, ihre Entwicklung nur als Problem darstelle und nicht als Chance wahrnehme?“
Den Fokus auf die eigene Haltung zu richten, auf das Miteinander statt Gegeneinander, das ist auch ihr Anliegen, wenn sie als Coach andere Mütter berät, die im Kampf mit ihren pubertierenden Söhnen stecken. Von Oppen weiß, dass das allein nichts daran ändert, dass auch ihre Jungs regelmäßig explodieren, rumbrüllen, mit Türen knallen oder sich schweigend zurückziehen. „Aber ich kann die Situationen dann neu betrachten und aushalten. Ich weiß, es ist kein Angriff auf mich oder unsere Beziehung. Sie handeln immer für sich und nicht gegen mich und ich kann versuchen zu sehen, was sie gerade brauchen.“
Sie verschweigt aber nicht, dass es trotzdem schmerzt, wenn ihre Kinder sich vor ihr verschließen, es zeitweise beispielsweise nicht schaffen, im Gespräch Blickkontakt zu halten, weil ihnen das zu nah, zu intim wäre. Auch das könne man entweder als Problem sehen, darüber traurig sein, schimpfen, die Nerven verlieren – und dadurch die Beziehung gefährden. Oder aber man überlege sich, wie man auf das veränderte Kommunikationsverhalten reagiert.
„Mit einem meiner Jungs habe ich mich eine Weile lang viel über kurze Whatsapp-Nachrichten ausgetauscht, so ist es ihm leichter gefallen, Freude oder Unmut, Zustimmung oder Ablehnung auszudrücken.“ Wenn sie mit den Söhnen unterwegs ist, erlaubt sie ihnen auch, ihre Ohrstöpsel drin zu lassen. Ihre Erfahrung: „Wenn ihnen danach ist, suchen sie irgendwann von sich aus das Gespräch. Sie wissen, ich dränge sie nicht, aber meine Tür ist immer offen.“
Womit Franziska von Oppen sich trotz ihrer vielen Söhne nicht identifizieren kann, ist das Abtauchen in die Computerspiele-Welt. „Mit Ego-Shooter-Spielen kann mein pazifistisches Mutterherz einfach nichts anfangen. Muss es aber auch nicht, denn dafür gibt es ja meinen Mann, den Vater der Jungs, dem das besser gelingt.“
Auch das ist ein Tipp an Jungs-Mütter: sich selbst davon verabschieden, dass man die Pubertät der Söhne auf allen Ebenen verstehen und begleiten kann. „Natürlich habe ich gehört, dass der Testosteron-Einschuss ein wahnsinnig einschneidendes Erlebnis für einen Jungen ist, aber wirklich nachempfinden kann ich das als Frau nicht.“
Wer sich dafür interessiere, wie und in welchen Zeiträumen sich die Sexualität von Jungs entwickelt, dem empfiehlt sie die Seite jungsfragen.de. „Allen anderen kann ich sagen, dass es völlig normal ist, wenn Jungs mit zehn Jahren anfangen, die Badezimmertür abzuschließen.“
Sobald Söhne etwa zwölf Jahre alt werden, rät Franziska von Oppen Müttern, sich bewusst liebevoll zurückzunehmen – und zu akzeptieren, dass sie ihren Dienst weitestgehend erledigt haben. „Aus der Forschung weiß man, dass für Mütter dann 75 Prozent der gemeinsam verbrachten Zeit mit ihren Söhnen vorbei ist.“ Gefragt seien ab dann vor allem Gleichaltrige, Väter und andere männliche Vorbilder.
Für Mütter bleibe allerdings die Chance, die restlichen 25 Prozent der Zeit mit ihren Jungs gut zu nutzen – und sich so wenig wie möglich in unnötigen Alltagsstreitereien zu verlieren. „Man muss den Mut haben, offen und in echter, bedingungsloser Verbindung zu bleiben und gleichzeitig loszulassen“, sagt von Oppen. „Unsere Kinder sind in der Lage, ihre Zukunft zu rocken, auch wenn sie in der Schule vielleicht zwischendurch mal abstürzen oder unserer Meinung nach zu viel Zeit am PC verbringen.“
Franziska von Oppen
richtet vom 20. bis 30. März den Online-Kongress „Wenn aus Söhnen Männer werden. Die Pubertät überstehen“ aus (vom-sohn-zum-mann.franziskavonoppen.de). Täglich sprechen verschiedene Experten zu Themen wie Gaming, Schulstress, Männlichkeit, Kommunikation, Sucht, Wut, Pornos, Initiations-Rituale oder Patchwork. Am jeweiligen Tag sind die Interviews nach Anmeldung kostenlos zugänglich, danach gibt es die Möglichkeit, sich die Beiträge gegen Gebühr freischalten zu lassen. (mar)