Vom Wert des Leidens Raus aus der Komfortzone!

Am Rande völliger Erschöpfung: Dorando Pietri erreicht 1908 beim Marathonlauf der Olympischen Spiele in London als Sieger das Ziel. Foto: picture allianc/our-planet.berlin

Die Weihnachtszeit ist von so viel Wohlfühl- und Kuschelathmo geprägt, dass darüber ein wesentlicher Aspekt des Christentums verloren geht: die Anerkennung des Leidens. Dabei kann auch unsere Zeit auf diesen Wert verzichten, meint unser Kolumnist Jörg Scheller.

Wird in der Weihnachtszeit das Lied „Es kommt ein Schiff, geladen“ gesungen, fehlt oft eine Strophe: „Und wer dies Kind mit Freuden / umfangen, küssen will / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel.“ Diese Auslassung ist vielsagend für die Entwicklung des Christentums. Eigentlich lautet die christliche Botschaft: Ohne Leiden geht es nicht.

 

Christliche Moral speist sich aus Schmerz, verkörpert im Gekreuzigten. Der Philosoph Leszek Kołakowski warf dem Christentum schon in den 1970er Jahren vor, diesen unbequemen Kern aufgegeben und seine Anhänger zu „Egoisten-Konformisten“ erzogen zu haben.

Nicht zuletzt weil Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit in den kollektivistischen Ideologien von Nationalsozialismus, Faschismus und Kommunismus verherrlicht wurden, stehen sie heute unter Verdacht. Doch der Missbrauch einer Sache besagt wenig über die Sache selbst. Wer versucht, Leiden um jeden Preis zu vermeiden, ebnet ihm oft unfreiwillig den Weg. Denn die Sicherheiten und Annehmlichkeiten, die wir heute genießen, beruhen darauf, dass Menschen bereit waren, Risiken einzugehen, sich aus ihren Komfortzonen zu begeben, auch mal für andere Opfer zu bringen.

Die Solidarität darf nicht schwinden

Forscher, die sich für den wissenschaftlichen Fortschritt die Nächte um die Ohren schlugen. Politiker, die sich dem Autoritarismus entgegenstellten, statt sich zu arrangieren. Unternehmer, die ihr eigenes Kapital riskierten und zur Wertschöpfung beitrugen. Klimaschützer, die Hohn und Spott auf sich nahmen, um eine globale Krise abzuwenden. Aktivisten, die sich für Minderheiten einsetzten. All das ist immer auch mit Leid, Schmerz, Komfortverzicht verbunden.

Wenn hingegen Komfort-, Selbstverwirklichungs- und Sicherheitsbedürfnisse dominieren und Verantwortung reflexhaft an Staatsinstitutionen delegiert wird, leidet früher oder später die ganze Gesellschaft. Die Solidarität schwindet, und schlussendlich gewinnen autoritäre Populisten mit billiger Dekadenzkritik. Der russische Anarchist Peter Kropotkin analysierte Anfang des 20. Jahrhunderts hellsichtig: „Die Usurpation aller sozialen Funktionen durch den Staat musste die Entwicklung eines ungezügelten, geistig beschränkten Individualismus begünstigen. Je mehr die Verpflichtungen gegen den Staat sich häuften, umso mehr wurden offenbar die Bürger ihrer Verpflichtungen gegeneinander entledigt.“

Die frohe Botschaft für 2024

Kropotkin zeigt, dass die heute als neoliberaler oder rechtslibertärer Mythos verhöhnte Eigenverantwortung linkes, liberales und christliches Gedankengut wenn nicht versöhnen, so doch verbinden könnte. Wenn das mal keine frohe anarcholiberalchristliche Botschaft für das Jahr 2024 ist!

Weitere Themen