Von der Schulmannschaft zu den MHP Riesen Wie Ludwigsburg zur Basketballstadt wurde
Einst waren die Fußballer und Handballer größer, heute ist Basketball die Sportart Nummer eins in Ludwigsburg. Wie kam es dazu?
Einst waren die Fußballer und Handballer größer, heute ist Basketball die Sportart Nummer eins in Ludwigsburg. Wie kam es dazu?
Der Beginn des neuen Jahrtausends hätte zum Ende für die Ludwigsburger Basketballer werden können. Im Jahr 1999 verliert die Profi-Abteilung, die damals unter dem Namen EnBW Ludwigsburg aufläuft, ihre Zweitliga-Lizenz und muss zwangsweise in die Regionalliga absteigen. Der direkte Wiederaufstieg ist auch angesichts des riesigen Schuldenbergs zu dieser Zeit ein Muss. „Ich glaube nicht, dass wir ein zweites Jahr in der Regionalliga überlebt hätten“, sagt der erste Vorsitzende Alexander Reil heute. Die Zeit des hochklassigen Basketballs in Ludwigsburg, sie hätte kurz nach der Jahrtausendwende ihr Ende finden können. Ein Schicksal, das die Fußballer der Spvgg 07 Ludwigsburg bereits ereilt hatte und das den Handballern der TSG Oßweil noch blühen sollte.
Die beiden letztgenannten Vereine gibt es heute nicht mehr. Die Spielvereinigung löst sich im Jahr 2019 als Bezirksligist auf und verschmilzt mit dem MTV Ludwigsburg. Die Oßweiler melden 2007 Insolvenz an, der Nachfolgeverein SV Ludwigsburg-Oßweil schließt sich 2019 der HB Ludwigsburg an, deren erste Herrenmannschaft heute in der Landesliga antritt. Auch EnBW Ludwigsburg existiert in dieser Form nicht mehr, die Mannschaft wird nach dem Ausstieg des Hauptsponsors 2012 für ein Jahr in Neckar Riesen Ludwigsburg umbenannt. Seit 2013 spielen die Ludwigsburger Profi-Basketballer unter dem Namen MHP Riesen in der ersten Bundesliga. Vier Jahre in Folge haben sie zuletzt das Halbfinale der Playoffs erreicht – Ludwigsburg ist eine feste Größe in Basketball-Deutschland. Wie kam es dazu?
Die Geschichte der Ludwigsburger Basketballer beginnt 1956 am Schiller-Gymnasium mit einem Gerücht. „Es hieß: Wenn du zum Sportnachmittag gehst, hast du eine Zwei in Erdkunde sicher“, erinnert sich Günther Bullinger. „Den Zweier hat es zwar nie gegeben, aber Basketball hat Spaß gemacht.“ Bullinger bleibt am Ball, leitet nach seinem Studium in Tübingen und Berlin ab 1964 die mittlerweile entstandene Basketballabteilung bei der Deutschen Jugendkraft (DJK) Ludwigsburg. Als Manager wird er die Ludwigsburger Basketballer bis in die Bundesliga führen.
„Wir hatten den Ehrgeiz, in Ludwigsburg neben dem Fußball und dem Handball einen starken Basketball-Standort zu schaffen“, sagt Bullinger. „Es musste uns gelingen, die Jugend zum Basketball zu treiben.“ Über Anreize wie Jugendfahrten zu Turnieren in Bayreuth, Bamberg oder Stockholm sollen talentierte Nachwuchsspieler die Jugend durchlaufen und dann die erste Mannschaft verstärken.
„Basketball war damals eine Bewegung, es war in Ludwigsburg im Trend“, sagt Wolfgang Röslin, der 1970 dazukommt und heute Sprecher des Beirats der MHP Riesen ist. „Bei den Spielen war was los, da hat man auch die Leute aus der Schule getroffen.“ Noch ist Basketball trotzdem eine Exotensportart, mit den Fußballern können die DJKler nicht in Konkurrenz treten. Stattdessen werden sie, die Herren-Mannschaft spielt damals in der zweitklassigen Oberliga, im Jahr 1970 sogar Teil der Spielvereinigung 07.
„Wir haben die Basketballer als normale Abteilung wahrgenommen“, erinnert sich Gerd Maser, ein 07er-Urgestein. „Es gab kein Konkurrenz-Denken, dafür waren sie zu klein.“ 1971 steigen die Fußballer in die zweitklassige Regionalliga Süd auf, der Höhepunkt in der Vereinsgeschichte. Fortan gastieren Mannschaften wie der Karlsruher SC, 1860 München oder der 1. FC Nürnberg in Ludwigsburg, den „Club“ schießen die 07er vor 15 000 Zuschauern im Ludwig-Jahn-Stadion mit 5:1 ab. „07 war die Attraktion in Ludwigsburg“, sagt Maser.
Die Basketballer leiden unter dem Fußball-Boom nicht, sie profitieren sogar davon. Bei den Heimspielen verkauft die Jugendabteilung Bratwürste, die Einnahmen darf sie behalten. 1974 gewinnen die Fußballer den WFV-Pokal, im selben Jahr wird die Rundsporthalle eröffnet, in der die Basketball- und Handballspiele stattfinden. Zunächst kommen regelmäßig zwischen 500 und 1000 Zuschauer dorthin, „ein fachkundiges Publikum“, wie Wolfgang Röslin es beschreibt.
Während bei den Fußballern nach dem Regionalliga-Abstieg 1973 die finanziellen Probleme und der schleichende Niedergang beginnen, starten die Basketballer durch. Zum ersten Mal schnuppern sie 1980 für ein Jahr Bundesligaluft, der erneute Aufstieg gelingt dann 1986, diesmal klappt es auch mit dem Klassenverbleib. Nun wird es auch im Umfeld der Basketballer professioneller, von einem Amerika-Aufenthalt bringt Günther Bullinger Ideen aus der NBA mit. „Die Amerikaner verstehen Basketball nicht nur als Spiel, sondern auch als Unterhaltung“, erklärt er. Also wird auch in Ludwigsburg vor den Spielen Musik gespielt, es gibt Halbzeit-Interviews, und per Diaschau werden die Mannschaftsköpfe vorgestellt. „Diese Kombination aus Sport und Show hat uns geholfen“, sagt Günther Bullinger.
Die Zuschauerzahlen steigen, die Halle wird erweitert und mit einem Fassungsvermögen von über 2000 Plätzen zur „Rundsporthölle“. Vorwiegend sei es ein junges Publikum gewesen, sagt Bullinger, „außer den Eltern der Spieler hat man selten jemanden gesehen, der älter war als 50.“ 1987 folgt der nächste Schritt, die Basketballer machen sich als BG Ludwigsburg selbstständig. Dass zwei Jahre später die Messe Stuttgart als Hauptsponsor einsteigt, bezeichnet Bullinger als seinen „größten Erfolg“ – und gleichzeitig seinen Niedergang. Zwar zählt die BG Ludwigsburg/Stuttgart Anfang der 1990er-Jahre zu den Spitzenteams der Liga, doch wegen finanziellen Unstimmigkeiten steigt der Hauptsponsor im Jahr 1993 plötzlich aus. Zurück bleibt ein riesiges finanzielles Loch.
Bullinger versucht, es selbst zu stopfen. „Ich konnte nicht aufgeben, ich war zu tief drin“, sagt er heute. Er nutzt sein Privatvermögen, aber auch Firmengelder der Eishallen Bietigheim-Ludwigsburg, deren Geschäftsführer er ist. Nach einer anonymen Anzeige setzt er sich in die USA ab, wird dort 1997 gefasst und kommt wegen Untreue für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.
In Ludwigsburg erhält der Amateurverein BG Ludwigsburg die Spiellizenz, die finanzielle Absicherung garantiert der Architekt Kurt Knecht. Eine nachhaltige Stabilisierung gelingt dennoch nicht, und kurz nach dem Ende von Knechts Engagement steigen die Basketballer 1997 aus der Bundesliga ab. Es folgt der Absturz bis in die Regionalliga. „Das waren sicherlich die schwierigsten Zeiten“, sagt Wolfgang Röslin. „Die Periode danach ist untrennbar mit dem Namen Alexander Reil verbunden.“
Ursprünglich sei er angesprochen worden, um nebenberuflich über sein Netzwerk Gelder zu akquirieren, sagt Reil. Als diese Gespräche stattfinden, hat Ludwigsburg allerdings seine Zweitligalizenz noch. Nach dem Lizenzentzug habe man das Kapitel eigentlich schließen wollen, „aber ich wollte schauen, was noch geht“, erklärt er. „Ich kannte die Personen, die in den 90er-Jahren die wesentliche Verantwortung getragen haben, nicht. Selbstverständlich musste ich bei den Sponsoren um neues Vertrauen werben.“
Mit Erfolg, 2002 kehrt Ludwigsburg in die Bundesliga zurück, spielt dort seitdem ununterbrochen und erreicht fünf Mal das Halbfinale der Playoffs. Als Schlüsselmoment sieht Alexander Reil die Eröffnung der MHP Arena im Jahr 2009, sie erlaubt den Ludwigsburger Basketballern, vor bis zu 6000 Zuschauern zu spielen.
Nur ein Mal wird es noch brenzlig. 2013 steht Ludwigsburg als sportlicher Absteiger fest. Doch weil die Düsseldorf Baskets die Lizenzauflagen nicht erfüllen können, geht Reil ins Risiko und kauft die Wildcard, die zum Weiterspielen in der höchsten deutschen Liga berechtigt. Danach kehrt Stabilität ein in der Barockstadt, die Ludwigsburger setzen sich in der Spitzengruppe der Liga fest. Eine Konstante ist über die Jahre vor allem der Trainer. Unter John Patrick macht das Team sogar in Europa Furore, zieht ins Final Four der Champions League ein - im Basketball allerdings nur der drittwichtigste Wettbewerb.
Und nicht nur die sportlichen Leistungen sind stabil, gleiches gilt laut Reil für die Finanzen. „Ich glaube nicht, dass wir mit den aktuellen Strukturen und Möglichkeiten in die achte Liga abstürzen würden“, sagt der Vereinsvorsitzende.
Das Interesse des Publikums ist nach wie vor da, es war allerdings auch nie wirklich weg. Trotz der großen Konkurrenz in Sachen Spitzensport in der Region - allen voran natürlich die Bundesliga-Fußballer vom VfB Stuttgart. Aber auch im eigenen Landkreis gibt es mit den Handballerinnen der SG BBM aus Bietigheim oder den benachbarten Steelers Alternativen fürs sportaffine Publikum. „Der Grund für die finanziellen Schwierigkeiten war nie, dass die Leute uns ignoriert hätten“, erklärt Wolfgang Röslin. „Aber die Zuschauereinnahmen allein haben eben auch noch nie dafür ausgereicht, den Spielbetrieb zu finanzieren.“
Ist Ludwigsburg also eine Basketballstadt? Für Wolfgang Röslin nicht leicht zu beantworten. Denn auch, wenn es keinen Fußball oder Handball mehr gibt: Die Wasserballer spielen in der ersten Liga, bei Männern und Frauen wird Zweitliga-Volleyball gespielt, beim Tanzclub geht es regelmäßig um die deutsche Meisterschaft. Er wählt deshalb eine andere Formulierung: „Wenn Sie in Ludwigsburg fragen, wer die MHP Riesen sind, wird es kaum eine Oma geben, die davon noch nie gehört hat.“