Von Durchfall bis Sonnenstich Sieben unterschätzte Sommerkrankheiten

Von Jörg Zittlau 

Draußen ist es sommerlich warm, und doch müssen manche das Bett hüten. Denn auch in der warmen Jahreszeit gedeihen Viren und Keime. Experten erklären, was diese im Körper anrichten können und welche Therapien empfohlen werden.

Es ist Sommer und alles easy – bloß geht’s mir heute nicht so gut. Bin ich krank? Foto: Adobe Stock
Es ist Sommer und alles easy – bloß geht’s mir heute nicht so gut. Bin ich krank? Foto: Adobe Stock

Stuttgart - Draußen ist es sommerlich warm, und doch müssen manche das Bett hüten. Denn auch in der warmen Jahreszeit gedeihen Viren und Keime. Experten erklären, was sieben oft unterschätzte Sommerkrankheiten im Körper anrichten können und welche Therapien empfohlen werden.

Sonnenstich

Aufgrund eines Hitzschlags oder eines Sonnenstichs werden in Deutschland jährlich bis zu 2000 Menschen ins Krankenhaus eingeliefert – und die Tendenz steigt. Der Sonnenstich entsteht durch die direkte Sonnenstrahlung auf den Schädel und Nacken. Aufgrund der Hitze kommt es zu einer Irritation des Gehirns und der Hirnhaut. Diese löst Entzündungsreaktionen aus. Auch eine Hirnschwellung kann die Folge sein. Symptome sind hauptsächlich Kopf- und Nackenschmerzen. Die Körpertemperatur ist allerdings nicht erhöht.

Beim Hitzschlag handelt es sich um einen Überwärmungsschaden, der sich anfangs oft unterschwellig bemerkbar macht. „Er wird oft unterschätzt“, warnt der Internist Marius Höper von der Medizinischen Hochschule Hannover. „Dabei handelt es sich um ein schwerstes Multiorganversagen, das oft tödlich endet.“ Typische Symptome: Bewusstseinstrübung oder totale Bewusstlosigkeit sowie hohes Fieber, das die 40 Grad Celsius überschritet, und ausbleibende Schweißsekretion. Der Patient muss umgehend aus der Hitze gebracht, entkleidet und sein Körper mit Eisbeuteln, nassen Lappen oder Wasser aus der Sprühflasche gekühlt werden.

Zur Prävention von Hitzschlägen gehört, dass man an heißen Sommertagen schweißtreibenden Sport und die pralle Sonne vermeidet. Wichtig ist es, viel zu trinken. Außerdem sollten täglich Beeren, Kiwis, Orangen und Zitronen verzehrt werden: Das darin enthaltene Vitamin C unterstützt die hormonellen Anpassungsreaktionen an die Hitze.

Immunschwäche

Die Hitze macht schlapp? Das ist medizinisch nicht ganz korrekt: Denn nicht die hohen Temperaturen sind der Grund, warum sich viele angeschlagen fühlen. Vielmehr ist es der Wechsel vom heißen Draußen in klimatisierte Räume, der dem Körper zu schaffen macht. Er setzt die Immunabwehr unter Stress. Zudem ist die klimatisierte Luft oft zu trocken und verhindert die notwendige Befeuchtung der Atemwege. Aber auch längere Sonnenbäder dämpfen die Immunantworten auf Infekte – was sich bei manchem mit Lippenherpes, einem Schnupfen oder durch ständig wiederkehrende Ohrenschmerzen bemerkbar macht.

Blasenentzündung

Sommerliche Infektionen der Harnblaseverantworten hierzulande etwa zehn Prozent aller Antibiotika-Verschreibungen. Betroffen davon sind vor allem Frauen. Bisher dachte man, dass dies vor allem an ihren kurzen Harnwegen liegt, die den Keimen ihren Weg aufwärts zu Blase und Nieren erleichtern würden. Doch an der Washington University School of Medi­cine in St. Louis hat man jetzt einen neuen Hauptschuldigen gefunden: Gardnerella vaginalis. Diese Bakterie schädigt die Blasenwand und macht dadurch den Weg frei für die Keime namens Escherichia coli, die eigentlichen Verursacher der Erkrankung.

Von dieser Erkenntnis könnten künftig Patientinnen profitieren, die immer wieder mit Blaseninfektionen zu tun haben. Man könnte etwa ihre Scheidenflora durch gezielte mikrobiotische Behandlung so beeinflussen, dass Gardnerella draußen bleibt. Die besten Präventionsstrategien für den Sommer lauten jedoch wie schon zu Großmutters Zeiten: Nicht im nassen Badeanzug herumlaufen und auch nicht auf kalten Steinen sitzen. Außerdem viel trinken, damit die Harnwege gut durchgespült werden.

Durchfall

Escherichia coli sind Auslöser diverser Sommerkrankheiten wie beispielsweise „Montezumas Rache“, dem Reisedurchfall. Die Betroffenen greifen wegen ihm oft zu Antibiotika, was aber nur wenig hilft. Stattdessen führt diese Behandlung häufig dazu, dass die Erreger Resistenzen entwickeln. Besser ist es daher, Durchfällen vorzubeugen – beispielsweise, indem man eine Choleraimpfung schluckt. „Sie zeigte in Studien einen Schutz von immerhin 57 Prozent“, betont Tomas Jelinek vom Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin. Die Impfung ist auch für Kinder ab zwei Jahren geeignet, und ihre Schutzwirkung beginnt etwa eine Woche nach der Einnahme der letzten Impfdosis. Der Choleraimpfstoff besitzt eine sogenannte Kreuzprotektion. Das bedeutet: Er aktiviert das Immunsystem auch gegenüber Escherichia coli, die den Darm mit giftigen Stoffwechselprodukten überfluten.

Ansonsten gelten die üblichen Regeln der Infektionsprophylaxe auf Reisen: immer wieder gründlich die Hände waschen. Und für das Essen in exotischen Gefilden heißt es: Koch es, brat es, schäl es – oder vergiss es!

Reisekrankheit

Fühlt sich der Urlauber schon bei der Anreise mehr schlecht als recht, dann liegt es wohl an der Reisekrankheit. Auch wenn die typischen Symptome Übelkeit und Erbrechen sind, so liegt ihr Hauptauslöser weniger im Bauch als im überforderten Hirn. Es verkraftet nicht, dass die Augen die bewegungslose Flugzeugkabine, den Autorücksitz oder das Schiffsdeck übermitteln, während das Gleichgewichtsorgan im Innenohr deutlich Bewegung vermeldet. Stresshormone werden ausgeschüttet, die den Magen in Wallung bringen. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt der Botenstoff Histamin, weswegen Antihistamine, die als Medikamente gegen Allergien eingesetzt werden, auch bei Reisekrankheit helfen können. Auch Vitamin C scheint zu wirken, wie eine Studie gezeigt hat: In einem Marinestützpunkt setzte man 70 Testpersonen in ein schwankendes Floß, eine Stunde vorher bekamen sie entweder 500 Milligramm Vitamin C oder ein Placebo. Das Ergebnis: Die Menschen mit dem Placebo hatten deutlich mehr Histamine im Blut, außerdem verließen sie wegen der Übelkeit drei Mal so häufig das Floß wie die vitaminisierten Probanden.

FSME

Zwar sind Zecken hierzulande ganzjährig aktiv, doch im Sommer ist die Gefahr eines Zeckenstichs wesentlich höher, weil sich die Menschen mehr im Freien bewegen. Guter Schutz ist wichtig: Denn die Spinnentiere können die Bakterieninfektion Borreliose und die Frühsommermeningoenzephalitis (FSME) übertragen. Das Tückische: Die Symptome der FSME ähneln der einer Sommergrippe. Schweizer Wissenschaftler konnten bei fast 50 Prozent der typischen Sommergrippe-Symptome – wie etwa Schnupfen, mäßiges Fieber sowie Hals- und Kopfschmerzen – einen Zusammenhang mit einer Infektion durch Zecken finden. In Hessen und Baden-Württemberg fand man bei zehn Prozent der Sommergrippe-Patienten Antikörper auf FSME. Doch diese Erkrankung muss nicht beim Schnupfen bleiben: Sie kann auch zu Hirn- und Hirnhautentzündungen führen. Während es für die Borreliose keine medikamentöse Schutzmaßnahme gibt, kann man sich gegen die FSME impfen lassen.

Sonnenbrand

Wer sich vor Sonnenbrand schützen will, sollte sich stets mit Sonnencreme einreiben. Manche greifen dabei schnell zur Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 – was ja prinzipiell bedeutet, dass man sich bis zu 50 Mal länger im UV-Licht aufhalten kann als sonst. Sicher ist das jedoch nicht. So haben Forscher der University of California nachgewiesen, dass die auch in Deutschland für Sonnenmilch zugelassenen UV-Filter Octylmethoxycinnamat, Benzophenon-3 und Octocrylen relativ schnell in tiefere Hautschichten eindringen, so dass die oberen Schichten ebenso schnell ihren Sonnenschutz verlieren. Zudem verwandeln sich die UV-Filter in den Gewebetiefen zu Produzenten hochreaktiver Sauerstoffverbindungen. Sie produzieren also am Ende genau das, wovor sie eigentlich im Bombardement der UV-Strahlen schützen sollten, nämlich oxidativen Stress.

„Sonnenschutzmittel wirken, wie sie wirken sollen“, betont Studienleiter Kerry Hanson. „Doch wenn sie die Haut-Epidermis durchdringen, schaden sie eher als dass sie nützen.“ Die Lösung, zu der die Experten daher raten: Sonnenhungrige tragen die Creme alle zwei Stunden neu auf – und zwar immer dann, wenn sie geschwommen sind oder schweißtreibenden Sport betrieben haben. Zudem sollten auch sie nicht vergessen, dass kein Sonnenschutz preiswerter und stabiler ist als Schatten. Und kühler ist es dort ja meistens ohnehin.