Vor 30 Jahren Als das Böblinger Nirvana-Konzert abgesagt wurde

Held der Grunge-Generation: Kurt Cobain. Foto: dpa/Robert Sorbo

Am 13. März 1994 – vor genau 30 Jahren – hätte die weltbekannte Grunge-Band Nirvana in der Böblinger Sporthalle auftreten sollen. Doch dazu kam es nicht.

Böblingen: Robert Krülle (rok)

In den 1990er-Jahren – lange Zeit, bevor Smartphones sekündlich Informationen aller Art lieferten – konnte eine Konzertabsage schon mal am Publikum vorbeigehen. Zumindest an einigen wenigen Fans. „Wir sind an jenem Sonntagabend über den fast leeren Parkplatz der Sporthalle gelaufen und haben uns mächtig gewundert“, erinnert sich Christian Biadacz, der in Böblingen aufgewachsen ist und seit vielen Jahren in Berlin lebt. Er sollte damals als Freier Mitarbeiter der Zeitung über einen Konzert berichten, das dann nicht stattfand. „Wir hatten Massen von jungen Menschen mit zerrissenen Jeans, Holzfällerhemden und langen Haaren erwartet.“ So in etwa stylte sich die Band, was die Fans dankbar übernahmen. Doch dann das: Kaum jemand da, Konzert abgesagt.

 

In der Böblinger Sporthalle traten weltbekannte Bands auf

Nirvana, eine der bekanntesten Rockbands der 90er-Jahre, sollte am 13. März 1994 in der Böblinger Sporthalle auftreten. In jenem Gebäude, das seit den 1960er-Jahren als Veranstaltungstempel der Region fungierte. Neben Sport- und TV- Events fanden dort vor allem Rockkonzerte statt – gerne welche der härteren Sorte. Generationen von Musikfans aus Böblingen und Umgebung bekommen heute noch feuchte Augen, wenn sie an die Live-Erlebnisse in diesen „heiligen Hallen“ zurückdenken. Doch 2008 war Schluss. Weil eine Sanierung mehr als 20 Millionen Euro gekostet hätte und gleichzeitig mit der neuen Porsche-Arena in Stuttgart eine zu große Konkurrenz auf den Markt gekommen war, zog die Stadt Böblingen die Reißlinie. Die Sporthalle wurde abgerissen.

1994 waren diese Pläne noch weit entfernt, und doch erlebten Christian Biadacz und seine zwei mitgereisten Kumpels eine herbe Enttäuschung. Dabei hätten es die Fans befürchten können, war doch die Europa-Tournee zum Nirvana-Album „In Utero“ kurz zuvor unterbrochen worden. Am 1. März hatte die Grunge-Band noch in München gespielt, doch schon da war der Sänger Kurt Cobain krank und ausgelaugt – es sollte der letzte Auftritt von Nirvana gewesen sein.

Aufgrund von Cobains Drogen- und Magenproblemen wird die Tournee unterbrochen, er kommt ins Krankenhaus. Kurzfristig besteht wohl noch Hoffnung, den Auftrittsplan fortzusetzen können. Doch daraus wird nichts. Die Konzerte – auch das in Böblingen – werden nach und nach abgesagt, Kurt Cobain beginnt einen Drogenentzug. Immer noch glauben die Veranstalter wohl an ein gutes Ende. „Das Konzert in der Böblinger Sporthalle wurde auf den 5. Mai verschoben“, erinnert sich Christian Biadacz. „Es hieß, Kurt Cobain brauche nur noch etwas Zeit, um sich ganz zu erholen.“

Am 5. April 1994 begeht Kurt Cobain Selbstmord

Doch den Drogenentzug bricht der Nirvana-Sänger Anfang April ab. Am 5. April erschießt sich Kurt Cobain im Alter von 27 Jahren mit einer Schrotflinte – das Umfeld und die Fangemeinde stehen unter Schock.

Die Eintrittskarten, damals noch von dickerer Pappe und aufwendig gestaltet, werden zum Fan-Souvenir – umso mehr, als die letzten Konzerte der Europa-Tournee nie stattgefunden haben. Viele Nirvana-Anhänger entscheiden sich dafür, das Ticket zu behalten anstatt den Kaufpreis zurückzufordern. „Es war unglaublich, wie viele Karten nicht zurückkamen“, erinnert sich Michael Russ von der gleichnamigen Stuttgarter Agentur, die das Böblinger Konzert damals veranstaltet hätte, „ das waren etwa 700 von 6000 verkauften Tickets – normalerweise werden alle zurückgegeben.“

Gar nicht erst überlegen musste das Christian Biadacz, der als Zeitungsreporter eh über eine Freikarte verfügte – sie hütet er wie einen Schatz. Auf der Online-Verkaufsplattform Ebay werden Tickets der abgesagten Konzerte mit 300 bis 400 Euro gehandelt. Für Biadacz kein verlockendes Angebot, dafür hängen zu viel Erinnerung und Bedeutung an diesem Stück Pappe.

Das Erstaunliche ist: Nirvana wirkt enorm nach. Noch heute sind T-Shirts mit dem Bandnamen auf der Brust bei Jugendlichen beliebt, noch heute wird der stilbildende Mix aus Punk, Rock und Metal geschätzt. Der Megahit „Smells Like Teen Spirit“ fehlt auf kaum einer Rock-Party, das „Nevermind“-Plattencover hat Kultstatus. Schließlich hatte die Band Anfang der 90er-Jahre eine ganze Generation geprägt. Sänger Kurt Cobain, Bassist Krist Novoselic und Schlagzeuger Dave Grohl standen für den Gegenentwurf zu den geschleckten und kommerziellen 80er-Jahren. Doch gleichzeitig war Nirvana kommerziell erfolgreich, verkaufte weltweit rund 75 Millionen Tonträger – was den sensiblen Kurt Cobain wohl in Depressionen und Drogenabhängigkeiten trieb.

Auch das kleine Böblingen wurde Teil dieser tragischen Geschichte – mit einem Konzert, das es nie gab.

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