Vor 50 Jahren gestorben: Pablo Picasso Der Mann,den die Frauen liebten
Picasso ist vor fünfzig Jahren gestorben. Er gilt noch immer als einer der berühmtesten Künstler der Welt. Aber ist das überhaupt berechtigt?
Picasso ist vor fünfzig Jahren gestorben. Er gilt noch immer als einer der berühmtesten Künstler der Welt. Aber ist das überhaupt berechtigt?
Man könnte die Geschichte mit einem Vorurteil beginnen: Pablo Picasso war gerade mal 1,64 Meter groß. Da weiß der Küchenpsychologe sofort, dass hier manches kompensiert werden musste. Hat er so ungeheuer viel produziert, damit man ihn auf keinen Fall übersieht? Selten war ein Künstler so extrem produktiv wie Picasso. Um die 50 000 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen, Drucke und Keramiken hat er im Lauf seines langen Lebens geschaffen. Kaum ein Museum, das nicht irgendeine kleine Zeichnung von ihm besitzt. Allein deshalb kommt man an Picasso nicht so leicht vorbei.
Erstaunlich eigentlich, dass einer, der als Künstler unsterblich zu sein scheint, doch die irdische Welt eines Tages verlassen musste. Vor genau fünfzig Jahren starb Picasso mit stolzen 91 Jahren. Er soll sich vor dem Tod gefürchtet haben – weniger, weil er das Leben, sondern weil er die Produktion seiner Kunst beenden würde. Picasso kämpfte mit seiner unbändigen Arbeitswut gegen die eigene Vergänglichkeit und arbeitete bis zuletzt wie besessen – auch wenn nur noch „Schmierereien“ dabei herauskamen, „ausgeführt von einem rasenden Greis im Vorzimmer des Todes“. So zumindest spottete ein britischer Kritiker.
Picasso wird als „das letzte Genie“ dieser Welt bezeichnet. Laut einem Ranking der bekanntesten Künstler steht er auf Platz drei – dabei hat er nicht ein einziges Gemälde fertiggestellt. „Ein Bild vollenden! Wie albern ist das!“, meinte er. „Etwas beenden heißt, es fertig machen, es umbringen, ihm seine Seele rauben, ihm wie dem Stier die Puntilla (den Dolch für den Todesstoß) geben.“
Wenn man über Picasso spricht (oder schreibt), kommt man an Superlativen kaum vorbei. Tausende Bücher, Biografien, Monografien, Kataloge haben sich mit Leben und Werk des Künstlers befasst. Dem Maler, Zeichner, Bildhauer und Keramiker war eine Stilrichtung nicht genug, weshalb er auch in den kunsthistorischen Büchern gleich in mehreren Kapiteln aufscheint: Kubismus, Surrealismus, Neoklassizismus, Abstraktion. Aber auch persönliche Kategorien wurden für ihn erfunden: Blaue und Rosa Periode.
Man könnte noch viele Fachtermini in den Ring werfen: Fundstückplastik, Assemblage, Collage. Oder Picassos Lieblingsmotive: Frauen, Stiere, Flaschen, Gitarren. Er hat höchst dekorative Keramikteller getöpfert, wurde aber auch als politische Künstler gefeiert. Seine Friedenstaube von 1948 wurde mit Preisen überschüttet. Und „Guernica“ (1937), das auf die Zerstörungen der spanischen Stadt während des Bürgerkriegs reagiert, gilt als eines der herausragenden Antikriegsbilder des 20. Jahrhunderts.
Man kann viele Geschichte über Picasso erzählen. Beliebt und dankbar sind zweifellos die zahllosen Frauengeschichten, die den Mythos prägen. Frauen haben Picassos Weg von Beginn an geprägt. Er wächst mit Mutter, Oma und zwei unverheirateten Tanten auf, die den kleinen Jungen hemmungslos verwöhnen. Der Vater dagegen, ein Restaurator und Kunstlehrer, sitzt lieber mit Freunden im Café, sodass der kleine Pablo schon als Junge zum Herr im Haus wird.
Maria Picasso López, die Mama, scheint ihrem Sohn hoffnungslos erlegen zu sein. Auch als er als junger Mann Spanien verlässt, schreibt sie ihm mehrmals pro Woche und verfolgt detailliert, was die Presse über ihren Sohn veröffentlicht. Alles, was er schafft, soll ihre Zustimmung gefunden haben. Nur einmal, als Picasso ihr seine Freundin Olga vorstellt, weil er sie heiraten will, warnt die Mama: „Ich glaube nicht, dass irgendeine Frau mit meinem Sohn glücklich werden könnte. Er ist nur für sich da, nicht für andere.“
Auch der Vater ist früh vom Talent des Sohnes überzeugt und leitet ihn an, sodass Pablo mit 14 Jahren die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie besteht. Der stolze Vater richtet dem Jungen umgehend ein eigenes Atelier ein. Mit solcher Unterstützung gesegnet, kehrt Picasso der Königlichen Akademie in Madrid schon bald wieder den Rücken. Ihm passt nicht, wie dort unterrichtet wird.
Bei Picasso lässt sich der Ruf des Frauenhelden nicht vom Künstler trennen. Zu dieser Erzählung gehört, dass er als Kunststudent seine Macho-Allüren bei regelmäßigen Besuchen im Rotlichtviertel Barcelonas perfektioniert. Als er nach Paris geht, können die Französinnen „dem Charme und Talent des jungen Spaniers“ nicht widerstehen – behauptete zumindest Picassos Enkel Olivier in einem der zahllosen Bücher über Picasso und die „Frauen seines Lebens“.
Als jungem Künstler indes ergeht es Picasso kaum anders als den meisten Anfängern. Sein Weg ist lang und steinig. Der Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard stellt ihn 1901 zum ersten Mal aus. Für sein Gemälde „Les Demoiselles d’Avignon“ (1906/07) muss der junge Maler viel Kritik einstecken. Der deutsche Galerist Daniel-Henry Kahnweiler wird schließlich sein wichtigster Förderer. Trotzdem dauert es noch Jahre, bis sich Picasso auch international einen Namen machen kann. Ein Senkrechtstarter ist er nicht.
Heute wird Picasso vor allem als Mitbegründer des Kubismus gefeiert, aber um solch einen Weltruhm zu erlangen, genügt es nicht, eine neue Malweise hervorzubringen. Um sich im Kunstbetrieb und in der breiten Öffentlichkeit behaupten zu können, ist ein Mythos fast unerlässlich, eine Erzählung, die über das künstlerische Schaffen hinausgeht. Deshalb wurde van Goghs Leidensgestus gezielt stilisiert. Und deshalb erfand Joseph Beuys die Mär, nach einem Flugzeugabsturz im Zweiten Weltkrieg von Krimtataren mit Honig und Filz aufgepäppelt worden zu sein.
Der Mythos Picasso basiert dagegen auf der unmittelbaren Verknüpfung von Leben und Werk. Denn er bedient perfekt das uralte Bild von Meister und Muse. Dalí hatte seine Gala, Picassos Liste der Beziehungen und Affären ist dagegen sehr, sehr lang. Seine Geliebten sind immer auch seine Modelle, die er zahllose Male porträtiert, ob es Dora Maar und Marie-Thérèse sind, „Die schöne Jacqueline“ oder die schlafende Fernande.
Viele seiner Werke spiegeln Picassos kunterbuntes Familien- und Liebesleben, an dem er die Öffentlichkeit teilhaben lässt. Verheiratet ist er nur zweimal – mit der russischen Tänzerin Olga Khokhlova und danach mit Jacqueline Roque, einer französischen Künstlerin. Er hat einen ehelichen Sohn und mindestens drei uneheliche Kinder, eines mit Marie-Thérèse Walter, Claude und Paloma Picasso mit Françoise Gilot.
Dieser Mythos des vor Potenz strotzenden Stieres, dessen Amouren die Weltöffentlichkeit interessiert verfolgte, bekommt die perfekte Würze durch eine zweite Erzählung: jener vom Leid der Frauen, die vom Genie erst verschlungen und dann gebrochen zurückgelassen werden. Denn natürlich gibt es auch Schattenseiten. Marie-Thérèse ist noch minderjährig, als ihre Affäre mit dem Maler beginnt. Die Tänzerin Eva Gouel soll am gebrochenen Herzen gestorben sein. Seine Ehefrau Jacqueline kämpft mit Depressionen und begeht schließlich Selbstmord. „Sein Leben ist von Katastrophen heimgesucht, die er sich selbst durch seinen Mangel an Bürgerlichkeit und Achtsamkeit zuzieht“, behauptet denn auch ein grafologisches Gutachten aus dem Jahr 1942. „Er liebt mit Ungestüm und tötet, was er liebt.“
Therapeuten hätten dem Maler vermutlich Narzissmus und eine manifeste Beziehungsstörung diagnostiziert. Das Unglück der Frauen hat das Bild des unwiderstehlichen Genies aber nur noch schillernder gemacht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es für die Frauen durchaus von Vorteil war, Teil des Kosmos Picasso zu werden. So kennt man etwa Françoise Gilot heute weniger als Künstlerin, sondern vor allem als Autorin sehr erfolgreicher Bücher über ihre Beziehung zu Picasso. Sein Opa, behauptete der Enkel Olivier, habe den vielen Frauen „Unsterblichkeit“ gegeben.
Ob Picasso samt seiner Frauen auch unsterblich geworden wäre, wenn er nicht 1881, sondern bereits 100 oder gar 200 Jahre früher geboren worden wäre? Es hat einerseits mit der schieren Masse an Werken zu tun, dass Picasso bis heute in Museen und auf Messen omnipräsent ist – wobei es bei 50 000 Objekten in der Natur der Sache liegt, dass es sich dabei nicht nur um Spitzenwerke handelt. Dass von Picasso jeder bekritzelte Schmierzettel als museal gewürdigt wird, hat auch mit seiner enormen Popularität zu tun. Und die konnte er nur erreichen, weil er genau zur richtigen Zeit geboren wurde. Picasso profitierte wie kaum einer vom Siegeszug der Fotografie. Heute, da man in der Bilderflut ertrinkt, wäre es kaum noch möglich, öffentlich so breit sichtbar zu werden.
So aber ist Picassos Ruhm nicht ohne das Medium der Fotografie zu verstehen. Er wird wie viele Künstler von namhaften Fotografen wie Man Ray und Brassai porträtiert. Auch Dora Maar, die Künstlerin und Fotografin, begleitet ihn bei der Arbeit mit der Kamera. Aber die Fotos, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, sind anderer Art: Sie zeigen Picasso in Badehose oder im Ringelshirt, mit Frauen, an der Gitarre oder beim Stierkampf. Man sieht ihn inmitten der Familie und einer Schar von Kindern am Strand oder lachend im Atelier. Es sind Fotos, aus denen das pralle Leben spricht und die den Künstler fröhlich, wach, lebenshungrig mitten im Hier und Jetzt zeigen. Picasso im hochgeschlossenen Rolli als Intellektueller oder leiser Grübler – undenkbar.
Picasso macht die Fotografen zu seinen Verbündeten. Sie setzen die Ikonografie seines Künstlertums nach seinen Vorstellungen um und transportieren mit ihren Bildern diese enge Verquickung von Leben und Werk. Im Gegenzug werden die Fotografen mit dem Privileg belohnt, Teil des Hofstaates zu werden. Wer sein Vertrauen hat, den lässt Picasso ganz nah an sich heran. Edward Quinn etwa hat mindestes 10 000 Fotos vom Künstler gemacht. Er darf Picasso sogar in der Badewanne fotografieren, während sich der Maler lachend mit dem Massagehandschuh die Schultern schrubbt.
Kein Künstler hat sich so passioniert der Kamera gestellt wie Picasso. Auf den Aufnahmen sieht man ihn nicht nur sehr häufig mit Zigarette in der Hand, sondern auch auffällig oft mit nacktem Oberkörper und in Shorts. Am liebsten scheint Picasso auch halb nackt gemalt zu haben. Sein Hang zum Exhibitionismus ist nicht zu übersehen.
Legendär ist das Foto aus dem Jahr 1948, auf dem Picasso der lachenden Françoise Gilot am Strand den Sonnenschirm hinterherträgt – das Motiv wurde bewusst auf das Cover ihres Buchs gedruckt. Auch das hat Picassos Ruhm beflügelt: er verkörpert das Lebensgefühl, nach dem sich die Nachkriegsgeneration im kalten Europa so sehr sehnt: Sein Leben und Werk sind unmittelbar mit dem sonnigen Süden verquickt.
Nachdem er 1920 zum ersten Mal im südfranzösischen Juan-les-Pins weilt und die Schönheit der Region entdeckt, fährt er fortan regelmäßig an die Côte d’Azur. Es gibt Picasso-Museen in Paris, Barcelona und Málaga, der beliebteste Picasso-Pilgerort ist aber Antibes. In dem mittelalterlichen Schloss, in dem Picasso auch eine Zeit lang sein Atelier hatte, scheint man auf jedem Meter das südliche Savoir-vivre einzusaugen. Die Schönheit der Natur strahlt auf das künstlerische Werk ab.
Aber wie steht es um dieses Werk? Er habe nie gesucht, sondern nur gefunden, behauptete Picasso – und tatsächlich geht seinem Œuvre strategisches Kalkül und intellektueller Hintersinn weitgehend ab. Keines seiner Bilder war „fertig ausgedacht und festgelegt“. Er malt einfach – das aber mit überwältigender Kraft und Energie, sodass man auch fünfzig Jahre nach seinem Tod nicht an seinem Werk vorbeikommt. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: „Gebt mir ein Museum, und ich werde es füllen.“