Vor dem Musikfest: Die Bachakademie hat umgebaut Große Marke mit neuer Perspektive

Das Orchester der Bach-Akademie firmiert seit zwei Jahren unter neuem Namen. Foto: Bachakademie
Das Orchester der Bach-Akademie firmiert seit zwei Jahren unter neuem Namen. Foto: Bachakademie

Die Bach-Akademie hat vor zwei Jahren einen Schnitt gemacht, um die Gaechinger Cantorey neu zu positionieren. Ein Strukturwandel in schwierigen Zeiten für klassische Musik.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Mirko Weber (miw)
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Stuttgart - Change-Management tut immer weh“, sagt der Unternehmer Johannes Kärcher aus Winnenden. Er meint das zunächst mal ganz wertfrei. Change-Management bedeutet „umfassende, betriebsübergreifende, inhaltlich weitreichende Veränderung“. Das wäre die Formel, und so ähnlich ist es passiert in der Bach-Akademie an der Stuttgarter Hasenbergsteige, als vor zwei Jahren auf einen Schlag der Chor, gegründet 1954 auf der Alb und hernach weltweit bekannt gemacht durch Helmuth Rilling, nicht nur anders geschrieben wurde als gewohnt, nämlich: Gaechinger Cantorey. Das Orchester, vormals Collegium, war da gleich inklusive. Wichtiger noch: Es standen und saßen auf einmal meist ganz andere Menschen auf dem Podium, wenn musiziert wurde, als zuvor. Außerdem waren die Instrumente verpflichtend historisch. Der Original-Klang war komplett anders. Die Cantorey firmierte als Barockorchester. Nur Bach blieb weiterhin zentral im Programm.

Johannes Kärcher sitzt im zweiten Stock der Stuttgarter Bachakademie und würde meistens herrlich ins Philosophieren kommen, wenn er sich ließe. Aber Kärcher ist ein disziplinierter Mann und Mäzen. Er zeigt Gefühl; Gefühligkeit indes mag er sich nicht leisten. Zuletzt hat er die Cantorey beim sogenannten Leipziger Kantaten-Ring gehört, wo 30 Bach-Kantaten zyklisch aufgeführt wurden, angeblich „die besten“. Von der „Crème de la Crème“ der Ensembles, wie das Bachfest Leipzig mit der rhetorischen Trompete warb.

Ohne „Crème“ und „Champions League“, ein abgenutzter, aber immer wieder gebrauchter Terminus, geht es nicht. Hier also: Ton Koopman mit dem Amsterdam Baroque, Masaaki Suzuki mit dem Bach Collegium Japan, John Eliot Gardiner, der Organisator, mit dem Monteverdi Choir, der Hausherr Gotthold Schwarz mit den Thomanern und dem Gewandhausorchester und eben die Gaechinger unter Hans-Christoph Rademann. „Die konnten da mithalten“, sagt der Musikliebhaber Kärcher, den seine Mutter bereits mit Bach in den Schlaf gesungen hat, „gar keine Frage“ – und dann lächelt er retrospektiv, als höre er alles noch einmal.

Pflicht mittlerweile: Bach unlimited

Nun ließe sich darüber streiten, ob es nicht auch ein zweifelhafter Reiz sein mag, wenn „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ antreten muss, um sich gegen „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ zu behaupten, aber das Prinzip der Veranstaltung (wer sie durchhören wollte, musste weit über 200 Euro lassen) liegt auf der Hand: Großmeister unter sich – beziehungsweise „Bach unlimited“, wie ein seriöser Vortrag über die harmonischen Grenzgänge in den Kantaten überschrieben war. „Aber so ist es nun mal“, sagt Johannes Kärcher, selber Weltmarktführer. Wettbewerb ist das Letzte, was man ihm erklären müsste, und die klassische Musik führt, grosso modo, diesen Wettbewerb eben auch – und am Ende ähnlich zielorientiert, sprich gnadenlos, als ob es um andere, seelenlose Dinge ginge.

Aber noch mal zurück: In der Geschichte der Bachakademie gab es seit dem äußerlich glanzvollen, intern nicht ganz so geglückten Abgang von Helmuth Rilling vor gut fünf Jahren (da war Rilling 80 Jahre alt) so etwas wie den „Zimmer 13“-Komplex. Über ein paar Sachen, die hinter der Tür stattfanden, wurde einfach nicht gerne geredet, nachdem das Team um den heute 53-jährigen Dresdner Dirigenten Hans-Christoph Rademann, den Intendanten Gernot Rehrl und den im Jahr 2015 verpflichteten Dramaturgen Henning Bey einen Kurswechsel in Angriff genommen hatte. Rademann mühte sich zwei Jahre redlich mit den alten Ensembles, ehe er überzeugt war, die ehemaligen Gächinger und das Collegium müssten einen anderen Klang haben. Ein „reformiertes Orchester“, sagt Henning Bey heute, und so hätte es (nach einer Schrift von Johann Mattheson, „Das neu-eröffnete Orchestre“) auch heißen können, wenn eine Compagnie im Norden nicht schon so geheißen hätte.

Marketingexperten rieten dazu, den alten Namen, der für Bachakademien in aller Welt stand, zu behalten. Der Name sei „eine Marke“. Also probierten sie Gaechinger Cantorey, ein Klang, der neu war und gefühlt historisch klang. Nur mit Helmuth Rilling hat seinerzeit keiner gesprochen, eine Tatsache, die der Dirigent und Kantorei-Erfinder – immer noch unterwegs, immer noch hoch verehrt – jüngst in einem SWR-Film von Ulrike Gehring lakonisch, aber bitter kommentierte. Wenigstens fragen hätten sie können, sagte Rilling. Und „Ja“ sagt Henning Bey heute: „Das hätten wir mal besser gemacht. Das war nicht gut.“ Vorübergehend zog sich Daimler, einer der Hauptsponsoren, zurück. Mittlerweile ist die Verbindung wiederaufgenommen und das Verhältnis repariert.

Ein Orchester wie ein Sportwagen

Bey und der Stab der Bachakademie, die von der nächsten Saison an unter der neuen Intendantin Katrin Zagrosek arbeiten, haben im letzten Jahr beim Musikfest offensiv versucht, noch einmal eine Brücke zu Rilling zu schlagen, und das Publikum, teils noch fremdelnd mit der neuen Positionierung der Cantorey als Originalklangensemble, kam zuhauf, um in der Stiftskirche zu erleben, wie es sein würde, wenn Rilling Bachs Musik seine Hände auflegte, wohl wissend, dass da nur noch wenige von früher dabei wären. Es ergaben sich Momente, die seltsam berührend und ernüchternd zugleich waren. Rilling musste nichts groß fordern; es war alles da. Sein Klang aber war es dann doch nicht.

Die helle Mittagsstunde seinerzeit hatte neben der versöhnlichen Seite auch etwas Endgültiges, und das ist vielen nicht entgangen, die heute noch meinen, dass man „den Dirigenten Rilling nicht so hätte vom Hof jagen dürfen“ – ein Satz, den Henning Bey öfter zu hören bekommt, obwohl die Ereignisse weit vor seiner Zeit lagen. Andererseits hat man die meisten Menschen dann doch zumindest interessieren können mit dem ersten Musikfest, das vom neuen Ensemble im Sommer 2016 bestritten wurde. Orchester und Chor, ergänzt um etliche internationale Spitzenkräfte, „gingen ab wie ein Sportwagen“, wie Hans-Christoph Rademann damals immer wieder gesagt hat. Dass dies manchem, weil eben nicht am Volant, auch ein wenig zu rasch gegangen war, haben sie damals nicht recht bedacht bei der Bachakademie, wiewohl mittlerweile ein Prozess der Gewöhnung eingetreten ist und sich Verständnis breitmacht. Auf die alte Art wäre es nicht ewig weitergegangen. Nur die Liederhalle bei Abonnementskonzerten zweimal ausverkaufen hintereinander, das geht „beim besten Willen nicht mehr“, sagt Henning Bey, der in puncto Dramaturgie ein vorbildliches Change-Management betrieben hat. Wer richtig gut vorbereitet in ein Konzert gehen will, muss nur rechtzeitig bei der Einführung vorbeischauen: Erleuchtung in Kurzzeit ist relativ selbstverständlich.

Lücken im Abo tun sich nicht nur bei der Bachakademie auf

Der SWR-Film über Helmuth Rilling, der immer wieder das Familiäre der alten Strukturen betonte, obwohl auch seinerzeit die Kontakte weltweit gespannt wurden, das Netz der Mäzene gut geknüpft war und Stadt und Land ein Viertel des Etats trugen, hatte den Titel: „Einer von uns“. Unterschwellig mochte man da raushören, dass es auch etwas anderes gibt, nämlich einen, der nicht „von uns“ ist, also zumindest kein „schwäbischer Protestant“, wie Johannes Kärcher jetzt sagt. Er habe, setzt er fort, jetzt „nicht direkt Anlass zur Sorge“, aber schon mitbekommen, dass „Hans-Christoph Rademann in Leipzig einfach besser angekommen ist als in Stuttgart. Hier muss der sich noch richtig rumsprechen“, meint Kärcher – und Rademann tut alles dafür. Als Mäzen mag sich Kärcher nicht weiter einmischen.

Lücken im Abo tun sich nicht nur bei der Bachakademie auf, die intensiv um junge Leute wirbt, sondern überall. Als junger Jurastudent, gibt Kärcher zu bedenken, sei er in München in den Konzerten von Karl Richter gesessen, gegen dessen schwere Ölgemälde in Sachen Bach sich Rademanns Interpretationen heute ausnehmen wie japanische Kalligrafie. „Und die Leute neben einem kamen einem schon ziemlich alt vor, damals“, sagt Kärcher, „mit Anfang zwanzig.“ Es ist eben oft eine Frage der Perspektive. In Stuttgart, bei der Bachakademie, hat sie entschieden gewechselt. Jetzt wird man sehen.




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