Frankfurt - Die hohe Inflationsrate, die die Bundesregierung für dieses Jahr bei durchschnittlich 3,3 Prozent sieht, soll die IG Metall nicht von einer markanten Lohnforderung abhalten. „Die Erwartungen unserer Mitglieder sind klar: steigende Reallöhne, die im Geldbeutel ankommen“, betonte ihr Vorsitzender Jörg Hofmann mit Blick auf die Tarifrunde im Herbst. „Wer einen wirtschaftlichen Aufschwung will, braucht dafür auch steigende Entgelte.“ Und wer Fachkräfte gewinnen wolle, springe zu kurz, wenn er nur auf die kurzfristigen Renditen schaue. „Die IG Metall wird dafür eintreten, dass wir in den Entgelttabellen eine Erhöhung haben, die die Beschäftigten an den gewachsenen Erträgen der Unternehmen teilhaben lässt.“
„Die Auftragsbücher sind voll“
Trotz einiger Dämpfer in der zweiten Jahreshälfte 2021 sei die Industrie weiter auf Erholungskurs. „Einige Branchen boomen ohne Ende.“ Dass das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht sei, liege vor allem an Materialmangel und Lieferengpässen mit Folgen weit in die Automobilzulieferung bis hin zum Stahl. „Die Auftragsbücher sind voll, können aber nicht abgearbeitet werden.“
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Der Tarifvertrag läuft bis 30. September. Somit werden die Verhandlungen wohl nach den Sommerferien Mitte September beginnen. Hofmann zufolge werden die Tarifkommissionen von Juni an über ein Forderungsvolumen diskutieren – ob qualitative Komponenten hinzukommen, werde sich zeigen. Dabei würden die bekannten „Leitplanken“ mit den Bedürfnissen der Mitglieder abgeglichen. Gemeint sind die Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent, die gewachsene gesamtwirtschaftliche Produktivität und die „Verteilungslage in den Branchen“. Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf hatte schon zum Maßhalten gemahnt: „Wir werden auch 2022 nicht auf dem Niveau von 2018 sein“, sagte er. Erst im Verlauf des Jahres 2023 rechnet Wolf mit Entspannung.
Sorge vor Lohn-Preis-Spirale „nicht relevant“
Sein Pendant Hofmann unterstrich, dass die Gewerkschaft seit 2018 und selbst während der Pandemie „trotz der Inflationsraten die Realentgelte nicht nur gesichert, sondern Kaufkraft gestärkt“ habe. Dass dadurch Arbeitsplätze gefährdet werden könnten, weist er zurück: „Es war nie Politik der IG Metall zu glauben, über zurückhaltende Lohnpolitik könnte Beschäftigung geschaffen werden.“ Auch Warnungen vor einer Lohn-Preis-Spirale tat er ab: „Diese Theorie löst Fragezeichen bei mir im Kopf aus.“ Wegen der Kontinuität der IG-Metall-Lohnpolitik halte er sie „nicht weiter für relevant“.
Niemanden für den DGB-Spitzenposten gefunden
Hofmann äußerte sich auch zur geplanten Besetzung des künftigen Gewerkschaftsbundvorsitzes mit der SPD-Linken Yasmin Fahimi und der Frage, warum er trotz eines Vorschlagsrechts keinen eigenen Personalvorstoß durchgebracht habe. „Die IG Metall konnte keinen Vorschlag präsentieren, der die Anforderungen, die wir an diese Position gestellt haben, erfüllen konnte“, sagte er. „Das lag darin, dass keine Kollegin, kein Kollege sich an der Stelle überzeugen ließ, diese Spitzenposition beim DGB zu übernehmen“ – was als Hinweis auf die neben ihm sitzende Vize Christiane Benner zu verstehen war.
Das eigene Ausscheiden fest im Blick
Nun gerät auch die offene Führungsfrage der IG Metall in den Fokus: „Ich werde sicherlich mit dem Gewerkschaftstag im Oktober 2023 ausscheiden“, betonte Hofmann. Zuvor würden Personalvorschläge entwickelt. Er habe den „Eindruck, dass wir keinen Fachkräftemangel haben, sondern durchaus eine gute Personalbasis, um ein erfolgreiches Führungsteam für die Zukunft zusammenzustellen“. Dem Stuttgarter Bezirksleiter Roman Zitzelsberger werden große Chancen eingeräumt, Teil des Teams zu sein.
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Gewerkschaft muss erneut Mitgliederschwund verkraften
Rückgang
Nach IG-Metall-Angaben hat die Metall- und Elektroindustrie im vorigen Jahr knapp 2,4 Prozent der Stellen abgebaut. Dies wirkte sich ebenso auf die Mitgliederentwicklung aus wie der Mangel an Kontaktmöglichkeiten in der Pandemie: Die Mitgliederzahl sank um 2,1 Prozent auf 2,17 Millionen Mitglieder – nach 2,21 Millionen Ende 2020.
Südwesten
In Baden-Württemberg waren es Ende 2021 genau 427 785 Mitglieder – ein Minus von 1,8 Prozent. In den Betrieben schrumpfte die IG Metall um zwei Prozent auf fast 306 000 Mitglieder. Bezirksleiter Roman Zitzelsberger verwies auf Probleme bei der direkten Ansprache etwa wegen Homeoffice oder der reduzierten Ausbildung.
Finanzen
Dennoch bleibt die IG Metall wohlhabend und jederzeit aktionsfähig: 2021 wurden bundesweit 592 Millionen Euro an Mitgliederbeiträgen eingenommen – etwas mehr als ein Jahr zuvor. 2019 waren es noch 598 Millionen. Ein großes Vermögen steckt im Grundbesitz: Derzeit hält die Gewerkschaft 124 Immobilien in 93 Städten.