Gerade erst hatten die Göppinger Stadträte Barbara Rummel und Michael Freche von der Piratenpartei am vergangenen Samstag ihren Infostand auf der Marktstraße aufgebaut, da kam auch schon ungebetener Besuch: „Da stand ein Mann, vielleicht Mitte 30, und hat uns aufgefordert, den Stand wieder abzubauen, sonst würde er uns schlagen“, berichtet Freche. „Und dann hat er rumgeschrien, er werde mir eine aufs Maul hauen. Er war mit seiner Nase nur fünf Zentimeter von meinem Gesicht entfernt.“
Rummel bestätigt Freches Darstellung: „Er hat gepöbelt, wir sollten verschwinden, ‚verpisst Euch!‘ “ Der Mann sei alkoholisiert gewesen, deshalb kann die Stadträtin auch nichts zu seinem Motiv sagen: „Ob es der Alkohol oder politisch motiviert war, wissen wir nicht. Aber ich habe es schon als bedrohlich empfunden.“ Noch während der Mann rumschrie, habe Freche sein Telefon genommen und die 110 gewählt. Und dann passierte – nichts, sagt Freche. „Ich habe es bestimmt 20 Mal klingen lassen“, erzählt er und wundert sich.
Passanten haben das Geschehen teilnahmslos verfolgt
So ein Vorfall könne immer passieren, „da kann man niemandem einen Vorwurf machen“. Auch dem Göppinger Revier könne man nichts vorwerfen. „Was mich aber frustriert hat, ist, dass die 110 nicht zu erreichen war. Ich erwarte eigentlich von einem Notruf, dass jemand an den Apparat geht.“
In diesem Moment war aber nicht nur keine Hilfe von der Polizei zu erwarten – auch Außenstehende in der Fußgängerzone waren an diesem Samstagvormittag keine Unterstützung, sagt Freche: „Die haben alle nur geglotzt, da ist uns kein Passant zu Hilfe gekommen.“ Schließlich konnten Rummel und Freche den aufgebrachten Mann weitgehend beruhigen und er verschwand Richtung Bahnhof. Dann erreichte der Stadtrat auch einen Diensthabenden unter der 110, eine halbe Stunde später sei dann eine Streife vorbeigekommen. Und rein zufällig sei auch der Pöbler wieder aufgetaucht, so konnten die Polizisten ihn vor Ort dingfest machen.
Das bestätigt der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ulm, Sven Vrancken. Die Kollegen in Göppingen hätten die Personalien des Mannes aufgenommen. „Jetzt wird geklärt, welche Tatbestände vorliegen.“ Dass der Notruf nicht erreichbar gewesen sei, könne aber durchaus vorkommen: „Wenn die Notrufleitungen alle belegt sind, ist man in einer Warteschleife“, erläutert Vrancken. Davon erfährt der Anrufer jedoch nichts, auch das bestätigt der Sprecher: „Das klingelt durch, das ist so, wir haben eben eine bestimmte Anzahl Notrufsachbearbeiter.“ Wie viele Kollegen üblicherweise am Wochenende im Dienst sind, weiß Vrancken allerdings nicht: „Das kann ich nicht sagen.“
Das weiß auch Stadtrat Freche nicht, durch seine Arbeit im Gemeinderat weiß er jedoch um den Personalmangel bei der Polizei. Allein in Stuttgart sind 200 Stellen nicht besetzt, wie unlängst bekannt wurde. „In Göppingen sind sieben oder acht Planstellen nicht besetzt“, sagt er, das entspreche unterm Strich der Besatzung eines Streifenwagens.
Von dem Vorfall bleibt ein ungutes Gefühl zurück
Freche ärgert sich nun, dass er als ehrenamtlicher Kommunalpolitiker Briefe sowohl vom Bundeskriminalamt als auch von Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) bekommen hat, „wo man darauf hingewiesen wird, wie man reagieren soll, wenn man angefeindet wird“. Doch die Praxis sehe leider anders aus, wie sich jetzt gezeigt habe.
Obwohl der Vorfall schon einige Tage zurückliegt, beschäftigt er Michael Freche noch immer: „Ich muss ehrlich sagen, an mir ist das nicht spurlos vorübergegangen. Man fragt sich dann schon, was passiert als nächstes?“ Und Barbara Rummel findet: „Wir als Ehrenamtliche brauchen uns das nicht gefallen zu lassen, das geht nicht.“