Vorstandschef der VfB Stuttgart AG Geplatzter Investorendeal – was kommt auf den VfB zu, Herr Wehrle?

Alexander Wehrle ist Vorstandsvorsitzender und Sportvorstand der VfB Stuttgart AG. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Der VfB Stuttgart hatte für das Beteiligungsmodell der DFL gestimmt – das dann aber krachend scheiterte. Nun muss der Club mit den Folgen klarkommen. Wie die aussehen, erklärt der Vorstandschef Alexander Wehrle im großen Interview.

Der geplante Investorendeal der Deutschen Fußball-Liga (DFL) hat die Fußballszene zuletzt in Aufruhr versetzt. Am Ende beendete der Dachverband den Prozess. Mit den Folgen müssen nun auch der VfB Stuttgart und sein Vorstandschef klarkommen.

 

Herr Wehrle, vor einigen Tagen hat die DFL das Ende der Suche nach einem Investor beschlossen. Der VfB hatte das Vorhaben erst abgelehnt, ihm dann zugestimmt. Danach sprach sich der Präsident Claus Vogt für eine Neuabstimmung aus. Am Ende begrüßte man in Stuttgart den Abbruch des Prozesses. Erlauben Sie uns die Frage: Was genau ist denn nun die Haltung des VfB in dieser Sache?

Die Entscheidung, den Prozess zu beenden, war für uns deshalb richtig, weil wir keine weitere Eskalation und keine weitere Hängepartie über mehrere Wochen mit ganz vielen offenen Fragen wollten. Das wäre für den deutschen Fußball nicht gut gewesen. Die Konsequenz des DFL-Präsidiums haben wir deshalb begrüßt.

Gemeinsam mit einer Mehrheit der 36 Proficlubs war der VfB aber eigentlich für das vorgestellte Modell der Beteiligung eines externen Investors.

Wir haben im Dezember mit „Ja“ gestimmt und hätten das auch wieder getan. Aber: Die Mehrheitsverhältnisse hatten sich in den vergangenen Wochen verändert, die Ablehnung des Modells in einer neuen Abstimmung wurde am Ende immer wahrscheinlicher.

Aufgrund der Proteste? Hat sich die DFL für die Zukunft erpressbar gemacht?

Ich sehe in den Geschehnissen der vergangenen Wochen – ebenso wie die beiden Geschäftsführer der DFL – keine Blaupause für künftige strittige Entscheidungen.

Warum nicht?

Weil ich der Meinung bin – und das haben Gespräche mit unseren Fans in Stuttgart bestätigt –, dass die aktiven Fanszenen ihre Verantwortung auch für den Rest der Zuschauer in den Stadien sehr wohl kennen. Sie wägen deshalb genau ab. Zudem glaube ich, dass es vor allem das mutmaßliche Verhalten von Hannover 96 in einer sehr knappen geheimen Abstimmung war, das die Proteste hat so intensiv werden lassen. Da ging es den Fans um die Einhaltung der 50+1-Regel, das ist für viele Fans – wie auch für uns als Verein – eben ein sensibles Thema.

Also ist die DFL nicht erpressbar?

Nein, denn es waren ja nicht ausschließlich die Proteste, die zum Ende des Prozesses geführt haben, sondern auch einige Vereinsvertreter, die ihre Meinung inzwischen geändert haben.

Erst einmal kein neuer Anlauf der DFL

Dabei sehen Sie und andere Vereine aber weiterhin eine Notwendigkeit für neue Wege im finanziellen Bereich?

Wir sind nach wie vor der Meinung, dass die DFL Investitionen benötigt, um für die Zukunft wettbewerbsfähig zu sein. Zum Beispiel, um die internationalen Erlöse aus dem TV-Geschäft zu erhöhen – zum Beispiel mithilfe einer eigenen DFL-Streamingplattform. Wir als VfB Stuttgart hätten zudem von einer geplanten höheren Förderung für Maßnahmen im Bereich der Internationalisierung überproportional profitiert.

Sind Sie also enttäuscht über das Ende des Prozesses?

Enttäuschung ist hier das falsche Wort. Aber ja, wir waren überzeugt, dass der VfB durch ein solches Beteiligungsmodell nachhaltig weiterwachsen kann.

Und nun?

Jetzt müssen wir schauen, dass wir die Mittel, etwa im angesprochenen Bereich der Internationalisierungsmaßnahmen, aus dem operativen Geschäft finanzieren können. Wir waren als VfB nie an der Spitze der Bewegung pro Investor. Sondern haben inhaltlich abgewogen und uns am Ende dafür entschieden. Nun bedeutet die neue Entwicklung für uns mittelfristig eine höhere finanzielle Belastung.

In welcher Größenordnung?

Im Bereich der Förderung für internationale Maßnahmen reden wir beim VfB über fünf bis zehn Millionen Euro in den kommenden vier, fünf Jahren. Bisher lagen hier fünf Millionen Euro jährlich im Topf der DFL, mit dem neuen Modell wären es etwa 25 Millionen Euro pro Saison gewesen. Einfach gesagt: Wir müssen in Zukunft also noch stärker abwägen, ob wir in eine Maßnahme zur Internationalisierung investieren – und damit in langfristig wichtige Erlösquellen. Oder ob wir kurzfristig doch einen Spieler mehr verpflichten können.

Wie soll es nun weitergehen?

Wir erwarten, dass uns die Geschäftsführung und das Präsidium der DFL ein neues Modell vorlegen, wie wir die Mittel für die unstrittig notwendigen Investitionen aufbringen können. Da geht es dann vielleicht nicht um die ursprünglich angepeilten 700 Millionen Euro Gesamtvolumen, die können die Clubs aus eigener Kraft nicht stemmen. Aber es geht womöglich um die Hälfte dieser Summe. Am Ende müssen wir Vereine dann entscheiden können, was der richtige Weg ist.

Also ein neuer Prozess hin zu einer externen Beteiligung?

Nein, das Thema ist aus meiner Sicht vom Tisch.

Aber?

Es geht um Modelle der Innenfinanzierung. Es muss nun festgestellt werden: Welche Summe ist notwendig, um im europäischen Vergleich wettbewerbsfähig zu sein? Und: Was bedeutet das dann wieder für den einzelnen Verein? Müssen dann alle mehr abgeben als wie bisher 7,75 Prozent der TV-Erlöse, um die notwendigen gemeinsamen Maßnahmen umsetzen zu können?

Für Alexander Wehrle ist 50+1 unverhandelbar

Könnte der VfB einen größeren Anteil als aktuell denn stemmen?

Auch uns tut jede zusätzliche Abgabe in Millionenhöhe nach den erheblichen Corona-Verlusten selbstverständlich weh. Doch wir müssen als Verein auch an langfristige Effekte denken, die dann wiederum die Einnahmeseite nachhaltig stärken würden. Entscheidend wäre sicher auch der Startpunkt einer erhöhten Abgabe.

Weshalb?

Weil die Finanzplanungen für die Bundesligasaison 2024/2025 ja längst gemacht und mit den Gremien besprochen sind. Frühester Start einer Veränderung wäre also die Saison 2025/2026. Der Verbund der 36 Vereine kann und muss sich jetzt die notwendige Zeit für neue Entscheidungen nehmen.

Viele Fans fragen sich: Was soll immer dieser internationale Vergleich? Die Premier League sei ohnehin meilenweit entfernt.

Die englische Premier League ist tatsächlich kaum mehr zu erreichen. Aber: Auch andere europäische Ligen haben investiert, sie haben Investoren zugelassen und drohen uns abzuhängen. Im Gegensatz zu vielen anderen gilt bei uns in Deutschland zudem die 50+1-Regel – die gut und für mich unverhandelbar ist. 50+1 lässt explizit bis zu einem gewissen Grad Investoren als Teil des Geschäftsmodells zu, ohne dass diese sich gegen oder über einen Hauptanteilseigner, den jeweiligen Mutterverein und damit die Vereinsmitglieder stellen können.

Aber . . .

. . . es geht nun eben darum, trotzdem Wege zu finden, um zusätzlich investieren zu können. Wenn wir weiterhin außergewöhnliche Fußballer in der Bundesliga – und auch beim VfB – spielen sehen und unsere Top-Talente in der Liga halten wollen, müssen wir im europäischen Kontext auch wettbewerbsfähig sein, was die Gelder angeht.

Ist der Vergleich mit Spanien, Italien und Frankreich denn so wichtig?

Ja, denn es gilt, nicht nur für internationale TV-Erlöse attraktiver zu werden, sondern ebenso, europäische Startplätze zu verteidigen. Die wiederum den beteiligten Vereinen Einnahmen ermöglichen. Selbst eine einmalige Teilnahme an der Champions League, der Europa League oder der Conference League bringt einem Club einen finanziellen Mehrwert – und zwar über mehrere Jahre.

Inwiefern?

Es gibt nicht nur Start- und Punktprämien für das laufende Jahr, sondern auch Folgeausschüttungen für weitere fünf Jahre, die sich an dem jeweils Erreichten orientieren. Bedeutet: Je mehr internationale Spiele ein Verein in einer Saison gewinnt, desto stärker profitiert er mehrere Spielzeiten lang davon – ganz egal, ob er sich erneut qualifiziert. Also muss ein Verein immer abwägen, wie sehr er seinen Kader für internationale Aufgaben und mögliche langfristige Erlöse qualitativ – und damit auch finanziell – aufwertet.

Was der VfB nach der Saison vorhat

Vor dieser Frage steht vermutlich auch bald wieder der VfB Stuttgart, der auf die Rückkehr in den Europapokal zusteuert.

Die Tatsache, dass wir nach 24 Spieltagen 50 Punkte haben und die bis dahin beste VfB-Saison seit Bundesligastart der Vereinsgeschichte spielen, ist sicher sehr positiv zu bewerten.

Und könnte zu deutlichen Mehreinnahmen ab der neuen Spielzeit sorgen.

Im Moment sind wir weiter gut beraten, uns auf das jeweils nächste Spiel zu fokussieren. Sollten wir auch im April noch auch einem außergewöhnlichen Tabellenplatz stehen, werden wir uns aber sicher auch mit derartigen Sondereinnahmen beschäftigen. Allerdings gilt auch hier: im Rahmen einer mittelfristigen Planung.

Also würde nicht jeder mehr verdiente Euro in den Kader gesteckt?

Beim VfB gilt nach wie vor die Maxime: Wir wollen den größtmöglichen sportlichen Erfolg – ohne die wirtschaftliche Existenz unseres Vereins zu gefährden. Wie bereits beschrieben, lohnt es sich auch langfristig, sich für einen europäischen Wettbewerb sportlich konkurrenzfähig aufzustellen. Man darf aber sicher nicht unreflektiert investieren.

Noch einmal zurück zum beendeten Prozess bei der DFL: Was können alle Beteiligten aus den Geschehnissen der vergangenen Monate lernen?

Zunächst sind wir alle gut beraten, selbstkritisch zu reflektieren. Wir beim VfB haben immer versucht, unsere Abstimmungshaltung zu erklären, und sind mit allen relevanten Gruppen in die Diskussion gegangen. Trotzdem gilt: Wenn wir in Summe etwas aus der Sache lernen wollen, hat das sicher viel mit Kommunikation zu tun. Die DFL, aber vor allem wir Vereine, hätten viel mehr vor Ort erklären müssen, was gut oder schlecht für den Fußball ist. Da hätte man sicher einigen Fans eine gewisse Angst nehmen können.

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