Erster Vorstoß von Ex-OB Wolfgang Schuster
Nur zu gerne hätte bereits Wolfgang Schuster in seiner Zeit als Stuttgarter OB einen Neubau auf den Weg gebracht – als Haus der Kulturen der Welt unmittelbar angrenzend an den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof. Zuletzt hatte vor allem das Land auf einen Neubau gedrungen – und erneut Stuttgart 21-Flächen ins Spiel gebracht.
Kehrtwende von Land und Stadt
Jetzt aber schalten Land und Stadt um: Petra Olschowski (Grüne), die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) überraschen mit einer Kehrtwende in der Diskussion über die Zukunft des Linden-Museums.
„Wir sprechen uns dafür aus, eine Sanierung des Linden-Museums im Bestand inklusive einer Erweiterung auf einem Grundstück an der Holzgartenstraße in den Blick zu nehmen“, schreiben Olschowski und Nopper in einem unserer Redaktion vorliegenden Brief an die Mitglieder des Verwaltungsrates des Linden-Museums. Die Ministerin und der OB begründen ihren Vorstoß mit einer „heutigen Perspektive, die den Blick auf nachhaltiges, wirtschaftliches, räumlich sowie städtebaulich vertretbares Bauen und Handeln lenkt“.
Der Verwaltungsrat des Linden-Museum wird gebeten, den Vorschlag in der Sache zu prüfen. Grundlage hierfür wäre ein durch das Linden-Museum auf dieser Entwicklungsperspektive aktualisierter Bedarf. In der Folge könnten die notwendigen Studien auf den Weg gebracht werden. „Dieses Vorgehen“, schreiben Petra Olschowski und Frank Nopper, „scheint uns sowohl städtebaulich als auch finanziell vertretbar.“
1911 wurde das Linden-Museum eröffnet
Die Zukunft am jetzigen Standort setzt zwei Dinge voraus: eine umfassende Sanierung des im Jahr 1911 eröffneten und wiederholt auf den Stand gebrachten Gebäudes und einen Neubau. Dieser könnte unmittelbar gegenüber auf einer landeseigenen Parkplatzfläche an der Holzgartenstraße entstehen. Denkbar wäre, einen solchen Erweiterungsbau vor allem für Verwaltungsräume und Arbeitsräume der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Lindenmuseums zu nutzen.
Führende Position halten
Den neuen Vorschlag verknüpfen das Land und die Stadt mit vielen Hoffnungen. „Es würde“, heißt es in dem Schreiben von Olschowski und Nopper, „dem Linden-Museum die Chance eröffnen, seine ethisch respektvolle und zeitgemäße Museumspraxis in Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus auch räumlich umzusetzen, der Stuttgarter Stadtgesellschaft und Menschen von Nah und Fern die Begegnung mit der Vielfalt menschlicher Kultur zu ermöglichen und seine führende Position unter den ethnologischen Museen in Europa zu halten.“
Wie reagiert Ines de Castro?
Der neue Vorstoß dürfte auch die Museumsdirektorin Ines de Castro freuen. Die international gefragte Ethnologin hatte wiederholt Angebote anderer Häuser ausgeschlagen – verbunden mit der Zusage von Land und Stadt, in Sachen Neubau werde sich etwas bewegen.
Das Schreiben an den Verwaltungsrat deutet indes an, dass die Träger des Linden-Museums zuletzt nicht mehr an die große Neubau-Lösung geglaubt haben. „Trotz intensiven Bemühens“, heißt es da, „konnten wir bislang keine befriedigende Lösung für die künftige Unterbringung des Linden-Museums auf einem Neubaugrundstück finden“. Nun sei man „auf der Basis weiterer konstruktiver Gespräche einen wesentlichen Schritt weitergekommen“. Sprich, das Land und die Stadt bitten den Verwaltungsrat des Linden-Museums um einen Beschluss, entsprechende Planungsstudien für die Sanierung des Kerngebäudes sowie eine unmittelbar benachbarte bauliche Erweiterung auf den Weg zu bringen. Es könnte schnell gehen – die nächste Sitzung des Verwaltungsrates ist am kommenden Montag, 24. Juli.
Das ist das Linden-Museum
Gebäude
Die Geschichte des Linden-Museums beginnt 1882 mit der Gründung des Württembergischen Vereins für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Ausland. Karl Graf von Linden (1838-1910), Jurist und zuletzt Oberkammerherr am württembergischen Königshof, übernimmt 1889 den Vorsitz und tritt vor dem Hintergrund kolonialer deutscher Interessen für eine ethnologische Ausrichtung ein. Am 28. Mai 1911 eröffnet König Wilhelm II. das Linden-Museum als Museum für Völker- und Länderkunde.
Debatte
„Wir betrachten alle Kulturen als gleichwertig“, heißt es im aktuellen Leitbild des Museums. Mit führend ist das Linden-Museum in der Debatte über den Umgang mit kolonialer Raubkunst.
Zukunft
Direktorin Ines de Castro und ihr Team setzen auf ein bewusst offenes Haus der Debatte über die kulturelle Vielfalt.