Vortrag bei der Korntaler Brüdergemeinde über Heimerziehung Eine schwierige Zeit, die dennoch nichts rechtfertigt

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Der Jugendforscher Benno Hafenegger holt 200 Zuhörer in eine dunkle Zeit. Vor 60 Jahren war der Rohrstock in der (Heim-)Erziehung als Mittel für „Zucht und Ordnung“ oft an der Tagesordnung.

Der  Wissenschaftler Benno Hafeneger war in Korntal. Foto: factum/Archiv
Der Wissenschaftler Benno Hafeneger war in Korntal. Foto: factum/Archiv

Korntal-Münchingen - Er arbeitet den Missbrauchsskandal bei der evangelischen Brüdergemeinde Korntal auf. Auf deren Einladung war Benno Hafeneger am Montag zu Gast im Gemeindezentrum, um über „Zucht und Ordnung“ zu sprechen. Ausdrücklich ging er nicht auf die Vorfälle bei der pietistischen Gemeinde ein. Er präsentierte keine Teilergebnisse seiner Forschung, sondern nahm die rund 200 Zuhörer mit in eine Zeit, in der vieles erlaubt war, was heute unvorstellbar ist.

Nicht in allen Einrichtungen sei Schlimmes mit den Heimzöglingen passiert, sagte er zu Beginn. Aber das „normale“, wenn Erziehung in Familie und Heim gelinge, sei eben nicht Gegenstand der Betrachtung, stellte er klar. Ein Heim sei ein vergleichsweise bequemer Weg und eine billige Lösung für die Eltern, die Kinder unterzubringen, sagte er etwa über das Verhalten von Kriegswitwen. Zumal die Jugendämter über die Einweisung oftmals „sehr schnell nach Aktenlage“ entschieden hätten.

Schläge mit Rückendeckung des Bürgerlichen Gesetzbuches

Die gewaltfreie Erziehung gebe es erst seit wenigen Jahren. Noch bis Ende der 1950er Jahre waren die Schläge mit der flachen Hand oder auch der Faust durch das Bürgerliche Gesetzbuch rechtlich erlaubt. Das Bild des Kindes sei ein negatives gewesen, es sei nur mit Defiziten behaftet gewesen. Durch Erziehung sollte es auf den rechten Weg gebracht werden, so Hafeneger. In den Einrichtungen – und da der Staat die Aufgabe „billig und bequem“ an die Träger delegierte, waren es überwiegend christliche Heime – war der Erzieher der „Stellvertreter des strafenden Gottes auf Erden“. Doch „mit dem Evangelium allein kann man nicht erziehen“, schilderte Hafeger die Situation. Vor allem nicht, wenn die Erzieher, mangelhaft dafür ausgebildet, mit zu großen Gruppen konfrontiert waren. Für die Kinder wiederum waren die Erzieher einzige Bezugsperson: „Sie wollten ihre Erzieher lieben, sie haben aber auch gelernt, sie zu hassen“. Letztlich waren sie ständig unter Kontrolle. Im Zweifelsfall hieß es: „Der liebe Gott sieht alles.“

Feldarbeit in den Familien üblich

Hafeneger ordnete den Missbrauchsskandal ein in seine Zeit, er ließ den Verantwortlichen von einst damit aber keinen Raum, nicht über Verfehlungen nachdenken zu können. Natürlich sei die Feldarbeit auch in den Familien üblich gewesen, führte er ein Beispiel an. Aber dies rechtfertige nicht das Verhalten einer Institution, die die Kinder als billige Arbeitskräfte um des wirtschaftlichen Profits der Einrichtung willen einsetzte und die sie nach der Feldarbeit verdreckt in Kolonnen durch den Ort marschieren ließ, sodass jeder mit dem Finger auf sie zeigte.




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