Vortrag über Kemnats Alltagsgeschichte Vom Streit um Straßennamen in Ostfildern

Die Hauptstraße im Ostfilderner Stadtteil Kemnat um das Jahr 1965 mit Blick in den Ortskern Foto: Stadtarchiv Ostfildern

Bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es kaum Straßennamen. Ostfilderns Stadtarchivar Jochen Bender zeigte am Beispiel Kemnats, wie die Benennung die Alltagskultur prägt. Die Benennung von Straßen hatte im 20. Jahrhunderts oft politische Hintergründe.

Reporterin: Elisabeth Maier (eli)

Um die Geschichte der Jakobstraße im Ostfilderner Stadtteil Kemnat ranken sich Rätsel. Straßen mit Vornamen waren einst vor allem württembergischen Herrschern gewidmet. Einen Jakob sucht man da vergeblich. Stadtarchivar Jochen Bender hat deshalb eine eigene Theorie, die allerdings nicht belegt ist: „Was, wenn die Jakobstraße ein Teil des Jakobswegs ist?“ Bei seinem Vortrag im ökumenischen Nachmittagstreff der evangelischen Kirchengemeinde Kemnat zeigte der Kulturwissenschaftler die spannende Historie der Straßennamen auf.

 

Zwar habe der Jakobsweg eigentlich nicht durch den heutigen Stadtteil geführt, sondern über das Neckartal. Viele Pilger haben aber Bender zufolge möglicherweise eine Abkürzung über die Filder genommen, um die nächste große Station – das Kloster in Bebenhausen – zu erreichen. Dann wäre die Straße, wie Bender vermutet, dem Apostel Jakob dem Älteren, gewidmet. Ein weiteres Indiz dafür findet Bender an den muschelförmigen Ornamenten im Ruiter Pfarrhaus – sie ähneln dem Symbol des Pilgerwegs.

Im sehr gut besuchten Kemnater Pfarrhaus vermittelte der Stadtarchivar viel Wissenswertes über die Straßennamen. Mitglieder der evangelischen Gemeinde hatten die Tische liebevoll dekoriert. Der Nachmittag begann mit einer Andacht von Pfarrer Thomas Ebinger. Der Theologe lädt immer wieder interessante Referenten nach Kemnat ein. „Bei den Straßennamen in unserem Stadtteil vermisse ich Charlotte Reihlen, die 1805 in Kemnat geboren wurde“, sagte Ebinger. Sie zählte 1853 zu den Gründern der evangelischen Diakonissenanstalt Stuttgart und baute 1841 eine private Mädchenschule auf, aus der das evangelische Mörike-Gymnasium Stuttgart hervorging. „Sie hat viel dafür getan, die Position von Frauen in der Gesellschaft zu stärken“, sagt der Theologe. Auch deshalb wünscht sich Ebinger, dass auch bedeutende Persönlichkeiten aus der Kirchengeschichte in Ostfildern noch stärker bei den Straßennamen berücksichtigt werden.

In Kemnat gab es vor 1900 keine Straßennamen

In seinem inspirierenden Vortrag ging Bender weniger auf einzelne Straßennamen ein als auf die Geschichte ihrer Benennung: „In der Zeit vor dem 19. Jahrhundert brauchte man all das aber nicht – zumindest nicht in einem Dorf wie Kemnat. Jeder kannte jeden, jede kannte jede, jeder kannte jede und jede kannte jeden. Damals war es allen klar, wer wo wohnte.“ Im 19. Jahrhundert sei die Verwaltung dann aber richtig losgegangen, sagt der Archivar und lacht. „Schon wegen der Feuerversicherung“ habe man eindeutige Bezeichnungen gebraucht. Zunächst seien die Häuser im Filderdorf Kemnat aber nur durchnummeriert worden – von Nummer 1 bis 136. Im Brandversicherungskataster von 1808 sind nach Benders Worten auch erste Ortsbezeichnungen aufgetaucht wie „Unten im Dorf“ oder „Bei der Kirch“.

Straßennamen setzten sich erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts durch. „Die ersten offiziellen Straßenbenennungen in Kemnat gab es kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert, hat Bender recherchiert. Im Gemeinderatsprotokoll aus dem Jahr 1903 war von der „Friedrichstraße“ und von der „Lindenstraße“ (heute Reyherstraße) die Rede. Es ging laut Jochen Bender also um ein damaliges Neubaugebiet, bei dem erstmals „richtige“ Straßennamen eingeführt wurden. Allerdings habe es keine Aufzeichnungen über Diskussionen gegeben: „Die Benennung von Straßen hat der Gemeinderat wohl nicht als seine Aufgabe angesehen.“ Heute ist das in dem Gremium immer wieder ein wichtiger und viel diskutierter Punkt. Bender geht davon aus, dass der Bezirksgeometer damals die meisten Straßen in Kemnat benannt habe.

Dass Straßennamen auch politisch ein großes Thema sind, zeigten die Diskussionen seit der Weimarer Republik. Da zitierte Bender aus dem Gemeinderatsprotokoll von 1921: „Die im Ortsbauplan festgelegten Bezeichnungen der Bismarck-, Moltke- und Kaiserstraße haben bei einem großen Teil der Bevölkerung wenig Beifall gefunden. Es wird deshalb beschlossen (…), die Bismarckstraße künftig mit Rosenstraße, die Kaiserstraße künftig mit Hauptstraße und die Moltkestraße künftig mit Bergstraße zu bezeichnen.“ Damals formulierten die Kommunalpolitiker diplomatisch im Protokoll, die Namen seien „für einen Landort unpassend“. Bender geht davon aus, dass der Grund in der Bekenntnis zur Demokratie lag. Das änderte sich im Nationalsozialismus – am 1. Mai 1933 wurde die Hauptstraße in Kemnat zur Adolf-Hitler-Straße. 1945 wurde der alte Namen wieder übernommen.

Spannend wird die Geschichte der Straßennamen nach der Verwaltungsreform im Jahr 1975, als aus den Dörfern Nellingen, Ruit, Kemnat und Scharnhausen die Stadt Ostfildern wurde. Damals habe es zunächst viele Straßennamen doppelt gegeben, sagt Bender. „Schließlich wollte man dann doch, dass es jeden Straßennamen in Ostfildern nur einmal gibt.“ 47 Straßennamen konnten bleiben, aber mehr als 60 Straßennamen mussten umbenannt werden.

„Bleiben durfte immer die Straße mit den meisten Hausnummern“, sagt der Archivar. „Da eine Umbenennung immer Ärger bringt, dachte man, dass dieser umso kleiner wird, je weniger Hausnummern es gibt.“ In Kemnat selbst mussten zwölf Straßen umbenannt werden. Im Juli 1976 war die Arbeit beendet. 72 Straßennamen hat Bender in Kemnat gezählt. Die bewegte Geschichte hinter den Bezeichnungen hat er in seinem Vortrag sehr lebendig und kurzweilig vermittelt.

Förderin der Frauen

Biografie
 Charlotte Reihlen war eine fromme Fabrikantenfrau und frühe Frauenförderin. Sie wurde 1805 in Kemnat geboren und starb am 21. Januar 1868 in Stuttgart. Ihr Ehrengrab ist auf dem Stuttgarter Fangelsbachfriedhof. Ihre geistliche Heimat fand sie im Pietismus.

Lebenswerk
 „Die Christin lebt weiter in ihren Initiativen“ ist auf der Homepage der evangelischen Landeskirche nachzulesen. Sie gab den Anstoß zur Gründung des heutigen Mörike-Gymnasiums und der Evangelischen Diakonissenanstalt Stuttgart. Reihlen setzte sich besonders für die Bildung von Mädchen und jungen Frauen ein. Sie hatte für ihre Töchter einen Hauslehrer eingestellt, Friedrich Weidle. Bald sandten auch andere Familien ihre Töchter zum Unterricht ins Haus Reihlen. In der Diakonissenanstalt Stuttgart, die sie 1853 mit begründete, fanden Frauen eine Arbeit und berufliche Perspektive.

Weitere Themen