Vorwurf der Steuerhinterziehung Finanzamt-Schock für den SV Bonlanden

Ein notgedrungener Verkauf des Vereinsheims – wird es am Ende so weit kommen? Foto: Günter Bergmann

Einem Prüfbescheid zufolge sollen die Filderstädter eine Viertelmillion Euro an Steuern nachzahlen. Im äußersten Fall droht die Insolvenz. Die Hintergründe, wie der Verein dagegen vorgeht und warum er sich in Unschuld wähnt.

Lokalsport: Patrick Steinle (pst)

Vor Kurzem ist Klaus Kämmerer überraschend als Trainer der Bezirksliga-Fußballer des SV Bonlanden entlassen worden. Die Nachricht schlug hohe Wellen in der Stuttgarter und Filder-Kickerszene, coachte Kämmerer den Verein doch bereits seit acht Jahren. Und zuvor war er schon einmal vier Jahre lang im Amt gewesen – unter anderem in der Oberliga. Seine Nachfolge tritt wie berichtet der bisherige Spieler-Co-Trainer Timo Stehle an. Er übernimmt im Aufstiegskampf. Drei Wochen vor dem Punktspielwiederbeginn am 17. März stehen die Seinen auf dem zweiten Tabellenplatz.

 

Kämmerers Freistellung soll an der Humboldtstraße dieser Tage jedoch nicht der größte Aufreger bleiben. Inzwischen gibt es noch eine ganz andere Geschichte, die die Filderstädter beschäftigt – eine Gefahrensituation für den gesamten Verein. So hat das Finanzamt einen Prüfbescheid ausgestellt. Diesem zufolge soll der SV Bonlanden Steuernachzahlungen in Höhe von 250 000 Euro leisten. Diese beziehen sich auf angebliche Schenkungszahlungen im Zeitraum von 2010 bis 2020, welche nicht steuerlich abgesetzt worden sein sollen. „Ob die geflossen sind, weiß keiner. Das ist eine Annahme des Finanzamts“, sagt Thomas Kühfuss, der aktuelle Vorsitzende des Vereins. Über die Situation haben er und seine Vorstandskollegen die Vereinsmitglieder inzwischen auf einer außerordentlichen Versammlung informiert.

Finanzamt geht von Schenkungszahlungen einer Person aus

Nach dem Eingang des Prüfberichts hat sich der Verein umgehend an einen Anwalt gewandt, inklusive Dementi der Annahmen des Finanzamtes, jedenfalls der Mitwisserschaft. „Beim SV Bonlanden hat niemand davon gewusst“, sagt Kühfuss. Bei den Schenkungen handelte es sich – nach der Ansicht des Finanzamtes – um Zahlungen, die eine Einzelperson in der Abteilung Fußball getätigt haben soll. „Zu 100 Prozent weiß von uns keiner, ob es diese Zahlungen gab, auch ich nicht“, sagt Kühfuss, der seit 2022 im Amt ist. „Es geht da um unsere Vorgänger.“ Im betroffenen Zeitraum von 2010 bis 2020 hatte Herbert Theobaldt den Vereinsvorsitz inne. Er zeigt sich auf Nachfrage unserer Zeitung vom Prüfbescheid überrascht. „Die Schenkungszahlungen sind nicht vom Verein geleistet worden, sondern von einer Person. Es hat niemand etwas davon mitbekommen“, sagt er.

„Der Verein hat keine Kenntnis davon gehabt, ich als damaliger Vorstand und auch meine Vorstandskollegen haben nichts gewusst“, fügt Theobaldt, der von 2003 bis 2022 im Chefamt war, an. Es sei „ein Unding, dass das Finanzamt auf die Idee kommt, dass der SV Bonlanden da Schenkungen vorgenommen hat“. Sein Nachfolger Kühfuss sagt: „Für uns geht es um den SV Bonlanden – und darum, nun einen Schaden vom Verein abzuwenden.“

Muss der SV Bonlanden eine Viertelmillion Euro zahlen?

Zum derzeitigen Stand ist es wie gesagt „nur“ ein Prüfbescheid. Sollten die daraus entstandenen Bonlandener Gegenbemühungen abgelehnt werden, erhält der Verein als nächste Stufe einen Steuerbescheid, gegen welchen er erneut gerichtlich ankämpfen wollen würde. Würde wiederum der Steuerbescheid rechtswirksam, müsste der SV Bonlanden eine Viertelmillion Euro zuzüglich Zinsen abbezahlen. „Das haben wir nicht als liquide Mittel zur Verfügung“, weiß Kühfuss – und benennt die vermutlich erste Wahl, die bliebe, um die Schulden zu begleichen: „Dem SV Bonlanden gehört noch das Vereinsheim, was natürlich auch einen gewissen Wert darstellt.“

Das Clubhaus müsste also verkauft werden. Dann wären die Schuldkosten wohl gedeckt, laufende Einnahmen allerdings verloren. Zudem müsste erst einmal ein Abnehmer gefunden werden. Die Stadt schiede dabei als Kandidat aus. Sie dürfte vor dem gegebenen Hintergrund rechtlich nicht, weil mit dem Geld ja Steuerschulden bezahlt werden würden. Fände sich im Fall der Fälle kein Käufer für das Vereinsheim, dann würde laut Kühfuss „der Worst Case“ eintreten – nämlich „die Insolvenz des Vereins“.

Vereinschef Kühfuss bleibt optimistisch

Einstweilen bleibt Kühfuss jedoch optimistisch, müsse es doch erst bis zu diesem Punkt kommen. Bereits in der momentanen Verteidigungsrunde sieht er gute Karten beim SV Bonlanden. „Wir sind zuversichtlich, dass wir eine vernünftige und sachliche Argumentation aufgebaut haben“, sagt er. „Ich bin auch positiv gestimmt, dass wir da einen erfolgreichen Kampf führen können.“ Es könne laut Kühfuss Jahre dauern, bis ein entsprechender Steuerbescheid rechtswirksam wird. „Klar ist, dass es ernst und kein Spaß ist, aber nicht so, dass man in Panik verfallen muss.“

Zumindest nach Außen hin geht Kühfuss gelassen mit der Thematik um. „Ich kann in der Sache sehr gut neutral bleiben, weil ich in keiner Weise, auch im zeitlichen Ablauf, davon betroffen war. Insofern kann ich das sehr sachlich und emotionslos beurteilen und begleiten. Das macht es schon ein Stückweit einfacher, als wenn man selbst betroffen gewesen wäre“, sagt er.

Ob und inwieweit die internen Turbulenzen der Form der eigenen Fußballer etwas anhaben können, bleibt abzuwarten. Die lediglich zwei Punkte Abstand zum Spitzenreiter Plattenhardt sind jedenfalls fürs Erste nur noch eine Nebensache – ebenso wie die gerade noch Wogen schlagende Entlassung des Trainers Kämmerer.

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