Vulkanausbruch auf La Palma Der Lavastrom – das schleichende Grauen

La Palma: Die schwarze, mehr als 1000 Grad heiße Geröllzunge aus dem Inneren des Vulkans wälzt sich unendlich langsam durch Wohngebiete und landwirtschaftliche Nutzflächen. Foto: Picture alliance//abaca
La Palma: Die schwarze, mehr als 1000 Grad heiße Geröllzunge aus dem Inneren des Vulkans wälzt sich unendlich langsam durch Wohngebiete und landwirtschaftliche Nutzflächen. Foto: Picture alliance// abaca

Der Vulkan auf La Palma spuckt weiter, doch die Lavamassen gelangen nicht ins Meer. Bisher hat die Lavazunge an die 300 Häuser zerstört. Die Menschen versuchen zu retten, was zu retten ist.

Korrespondenten: Martin Dahms (mda)
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Santa Cruz - Adelfo Gómez und seine Frau María Silvia Marrero hatten gerade erst ihr Badezimmer renoviert, für 6000 Euro. „Allein die Therme hat 500 Euro gekostet“, berichtet Gómez. Wie unwichtig das scheint, wenn im Rücken ein Ungeheuer aus Lava lauert. Das Ehepaar, er 79, sie 75 Jahre alt, hastet durchs Haus, um das Wichtigste einzusammeln: Papiere, Kleidung und Fotos. Das Bild der verstorbenen Eltern Marreros auf dem Wohnzimmerschrank, die Fotoalben der eigenen Hochzeit und die der Enkel. „Mindestens kann ich die Erinnerungen retten“, sagt Marrero einer Reporterin von „La Vanguardia“. Und sonst fast nichts.

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Der namenlose Vulkan, der am Sonntagnachmittag im Süden der Kanareninsel La Palma ausbrach, spuckt weiter Lava aus und wird es wahrscheinlich noch wochenlang tun. Doch die schwarze, mehr als 1000 Grad heiße Geröllzunge aus seinem Inneren wälzt sich kaum noch weiter dem Meer entgegen. Stattdessen geht sie in die Breite und in die Höhe. Gut anderthalb Quadratkilometer Land hat sie bis Mittwochabend unter sich begraben und rund 300 Häuser. Und wenn sie auch beinahe stillzustehen scheint, wächst sie an den Rändern doch langsam weiter und nimmt sich Haus um Haus. Die Menschen versuchen zu retten, was zu retten ist.

Die Nerven liegen überall blank

Je mehr Tage vergehen, desto mehr nimmt unter den Einheimischen die Faszination für das Spektakel aus Feuer und Lärm ab. Die Menschen im Osten der Insel, im Hauptort Santa Cruz de La Palma, besorgen ihre Alltagsgeschäfte, als ginge sie der Vulkan am anderen Ende der Insel nichts an. Was sollen sie auch tun? Die Menschen im Westen versinken in Sorge, jeden Tag ein wenig mehr. „Wenn sie noch keine Depression haben, stehen sie kurz davor“, sagt Jonay Pérez, Stadtrat in der Gemeinde El Paso, im Gespräch mit „El País“. Seine Mutter habe in zwei Tagen fünf Kilo abgenommen. Sie betrieb einen Lebensmittelladen in El Paraíso. Die Lava hat ihn verschlungen. „Die meisten von uns sind hier geboren“, sagt Pérez. „Wir haben unser ganzes Leben verloren.“ Oder: alles außer ihrem Leben.

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„Die Nerven liegen überall blank“, sagt der Deutsche Thomas Klaffke, der im Westen der Insel die Pension „Tom’s Hütte am Meer“ betreibt. „Die Nerven liegen auch bei mir ein bisschen blank. Man hat halt Schaden . . . da kannst du nur noch heulen. Und dann muss man schon wieder einen anderen trösten.“ Immerhin konnte Klaffke am Donnerstagvormittag für 20 Minuten sein Haus in der Siedlung La Bombilla besuchen – länger erlaubte die Polizei nicht.

Die Lava zerstört die Bananenplantagen

Wenn es schlecht kommt, wird die Lava hier auf dem Weg zum Meer vorbeikommen. Im Moment aber will sie das offenbar nicht tun. Die Gegend ist trotzdem seit Sonntag evakuiert, weil man nie weiß, wie sich die Dinge entwickeln werden. Jetzt hat Klaffke immerhin die wichtigsten Dokumente aus seinem Haus gerettet. Einnahmen hat er im Moment keine. „Ich weiß auch nicht, wann ich wieder meinen nächsten ersten Euro verdienen werde.“

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Unten in La Bombilla, ganz in der Nähe der Küste, sah Klaffke die Bananenbauern bei der Arbeit. Sie versuchen ihre letzte Ernte zu retten. Außer vom Tourismus lebt La Palma von Bananen. „Der Vulkan wird nicht nur die Produktion dieses Jahres zerstören“, sagt Adai Pererroya, einer der vielen Kleinbauern auf der Insel, im Gespräch mit „El Mundo“. „Das Land wird nicht mehr fruchtbar sein. Es ist eine Tragödie für die ganze Insel.“

Das spanische Königspaar besucht die Insel

Viele sehen die Zukunft so schwarz wie die Asche, die Häuser, Autos und Gesichter überzieht. Die Regierung versucht ihnen die schlimmsten Sorgen zu nehmen. Der Landwirtschaftsminister verspricht am Donnerstag „öffentliche Deckung“ der Verluste. Regierungschef Pedro Sánchez ist schon zweimal auf die Insel gekommen, um die Einheimischen der Solidarität aller Spanier zu versichern. Am Donnerstagmittag erschienen König Felipe und Königin Letizia zu Besuch. Die Palmeros sollen sich nicht alleingelassen fühlen.

„Dies ist keine Touristenattraktion“, sagt der Bananenbauer Arturo Camacho zu „El Mundo“. „Dies ist eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe.“ Jede Katastrophe hat einmal ein Ende, nur ist im Moment nicht absehbar, wann. Ein oder zwei oder drei Monate könnte der Vulkan noch aktiv sein. Danach muss sich die Lava abkühlen. La Palma wird die Folgen des Ausbruchs noch lange spüren. „Ich werde jetzt erst mal zu meiner Bank gehen und alles stilllegen“, sagt Thomas Klaffke. „Miete, Versicherung, alles.“ So lange, bis sich die Insel eines Tages wieder berappelt.




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