Vulkanausbruch auf La Palma Mit Bomben gegen den Lavastrom
Der Vulkanausbruch auf La Palma dauert an. Ein Vorschlag lautet: Die Lava mit Bomben stoppen. Kann das funktionieren?
Der Vulkanausbruch auf La Palma dauert an. Ein Vorschlag lautet: Die Lava mit Bomben stoppen. Kann das funktionieren?
La Palma - Der Vulkan Cumbre Vieja auf der Kanareninsel La Palma ist seit Mitte September aktiv. Zehn Quadratkilometer sind bereits von Lava bedeckt, rund 2600 Gebäude wurden zerstört. Ein Politiker schlägt nun vor, die Lavaströme mittels eines Bombardements umzuleiten und so Menschen und ihre Habe zu schützen. Kann das gut gehen, lassen sich Vulkane überhaupt bändigen? Der älteste bekannte Versuch erfolgte im Jahr 1669 am Ätna. Damals bedrohte er die Stadt Catania. Rund 50 Männer stiegen daraufhin den Berg hinauf, um die Lava von der Stadt weg zu lenken. Sie trugen wassergetränkte Kuhfelle und hackten mit Eisenstangen und Schaufeln an der Wand des Lavakanals. Die Wand gab nach, durch die Öffnung floss Lava nach Westen. Doch der Effekt wirkte nur kurz. Die Bewohner von Paterno sahen das und begriffen: Nun würde das Unheil zu ihnen kommen. Also eilten sie herauf und kämpften gegen die Catanier, während das Loch sich wieder mit erstarrendem Gestein verschloss. Letzte Hoffnung waren die Stadtmauern. Vergebens, die Lava überwand diese, zerstörte einen Großteil Catanias, 17 000 Menschen starben.
Später wurde es auch mit Sprengkraft versucht, so im November 1935, nachdem der Vulkan Mauna Loa (Hawaii) ausgebrochen war und Lava sich der Stadt Hilo näherte. Der Chef des Vulkanobservatoriums des Geologischen Dienstes (USGS), Thomas Jaggar, bat das Militär um Hilfe. Die Lavakanäle sollten zerstört und der Fluss der viele hundert Grad heißen Massen abgelenkt werden. Am 27. Dezember stiegen zehn Maschinen auf, warfen 20 Bomben mit insgesamt 3,6 Tonnen TNT ab. Tatsächlich stoppte der Lavafluss am 2. Januar 1936. Jaggar jubelte, doch Piloten und Wissenschaftler waren skeptisch. Nicht alle Bomben hatten ihr Ziel erreicht, die anderen schienen nicht viel ausgerichtet zu haben. Eine genauere Analyse des USGS kam später zu dem Schluss, es sei ein Zufall gewesen, der Lavastrom wäre auch ohne das Bombardement erstarrt.
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Am Ätna wurde 1983 ebenfalls Sprengstoff verwendet, um den Lavastrom abzulenken – allerdings am Boden deponiert und nicht aus der Luft abgeworfen. Die so geschaffene Öffnung führte nur einen geringen Teil fort und sie schloss sich bald darauf wieder selbst. Besser lief es 1992, wieder am Ätna. Dieses Mal wussten die Fachleute genau, wo der Lavakanal verläuft. Sie arbeiteten sich, so nah es ging, heran und zündeten gut sieben Tonnen Dynamit. Der Rand des Kanals zerfetzte, die Lava floss nun in eigens geschaffene Vertiefungen ab. Die Gefahr war gebannt.
Casimiro Curbelo, Lokalpolitiker der Kanareninsel La Gomera, brachte die Idee jetzt wieder auf, um den Lavastrom auf La Palma umzulenken. „Vielleicht ist es Wahnsinn, aber aus technologischer Sicht sollte man das versuchen“, sagte er in einer Radiosendung. Thomas Walter vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam rät ab. „Wir wissen von Erdbeben, dass Erschütterungen dazu führen können, dass ein Vulkan aktiver wird oder sich die Aktivität an einen anderen Ort verlagert.“ Das hat mit der Zusammensetzung des Magmas zu tun. Es besteht nicht nur aus flüssigen Bestandteilen, sondern auch festen Kristallen und gelösten Gasen. „Das kennt man von einer Colaflasche“, sagt der Forscher. „Wenn sie geschüttelt wird und leicht geöffnet ist, schießt einem alles entgegen.“ Ähnliches kann passieren, wenn ein aktiver Vulkan „geschüttelt“ wird: Das Gas trennt sich von der Flüssigkeit, das Magmavolumen nimmt zu, und umso mehr kommt oben heraus.
Sinnvoller ist es laut Walter, den Lavastrom mit mechanischen Mitteln umzuleiten. Bagger und Bulldozer können Erdreich bewegen und Wege für die Lava schaffen, auf denen sie wenig oder keinen Schaden anrichtet. „Vorausgesetzt, die Morphologie der Landschaft ist geeignet.“ Am Ätna in Richtung Nicolisi sowie auf Island sei das Umlenken von Lavaströmen in unbewohnte Täler gelungen. Am Cumbre Vieja sei das nicht möglich. „Die Morphologie ist sehr gleichmäßig und überall stehen Häuser“, sagt er. „Wie erklärt man den Leuten, dass ihre Häuser jetzt vom Bulldozer weggeschoben werden sollen?“
Aus diesem Grund erscheint auch das Sprengen unsinnig, trotz des Erfolgs von 1992 am Ätna. Dieser sei besonderen Voraussetzungen zu verdanken, erläutert Hannah Dietterich vom USGS in „National Geographic“. „Es muss einen Lavakanal geben, eine Röhre, die man ablassen kann.“ Der Ort für die Öffnung müsse gut gewählt werden, das Umleiten der Lava gefahrlos sein. In vielen Fällen kommt all das nicht zusammen.
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Womöglich beruhigt sich der Cumbre Vieja ohnehin bald. Ein Team des GFZ hat Messgeräte an dem Vulkan aufgebaut. Gemäß der Daten ist die Magmakammer weitgehend auf das vorherige Maß entleert, berichtet Walter. Er warnt vor voreiligen Schlüssen: „Das ist Gegenstand der Forschung und keine Vorhersage.“ In ihrem Modell nehmen die Fachleute an, dass die Magmakammer nach unten abgeschlossen ist und keinen Nachschub erhält. Dem widersprechen jedoch geochemische Daten. Sie deuten darauf hin, dass die Magmakammer wohl doch aus der Tiefe nachgefüllt wird. „Das würde bedeuten, dass der Ausbruch noch länger anhält.“
Mit Wasser gegen Lava
Eldfell-Vulkan
Auf Island gelang es 1973, Lava mit Wasser zu stoppen. Damals war der Eldfell-Vulkan auf der Insel Heimaey ausgebrochen, der heiße Gesteinsbrei schob sich in das Fischerstädtchen Vestmannaeyjar. Dieser wurde fünf Monate lang mit Wasser aus dem nahen Hafenbecken besprüht. Knapp vier Millionen Kubikmeter sollen es gewesen sein. Beim Auftreffen auf die Lava verdampfte das Wasser und entzog ihr Wärme. Dadurch stieg die Viskosität, der Gesteinsbrei wurde zäher – bis die vulkanische Front zum Stillstand kam. Der Großteil des Orts blieb verschont.
Wasserreservoir
Unbestritten sind die Entschlossenheit und Tatkraft der Menschen vor Ort. Sie hatten allerdings auch gute Voraussetzungen. Die Lava floß ohnehin nur sehr langsam, und es gab in unmittelbarer Nähe ein unerschöpfliches Wasserreservoir.