Vulven-Abformungskurs in Stuttgart „Ich schaue mir öfter meine Vulva mit dem Spiegel an“

, aktualisiert am 14.05.2023 - 08:00 Uhr
Hanna Vayhinger (links) und Fenja Münz-Zeise (rechts) Foto: /Manz

Im Stuttgarter Osten treffen sich ein paar Frauen, um Abdrücke von ihrem Geschlechtsorgan zu machen. Warum? [Archiv]

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Hallöchen, seid ihr da für die Vulva-Abdrücke?“ Hanna Vayhinger streckt sich durch die halb geöffnete Holztür und schaut in eine Handvoll Frauengesichter auf dem Gehsteig. Vayhingers Haare sind hellblond, sie ist 30, etwa das Alter der Frauen, die sie jetzt hineinbittet in einen kleinen Raum im Erdgeschoss oberhalb des Stuttgarter Kernerplatzes.

 

Vulva-Abdrücke? Vulva ist ein Wort, das recht pompös daherkommt für das, was es beschreibt: das weibliche Geschlecht. Es klingt eher, als verberge sich dahinter eine geheimnisvolle aztekische Lady im Samtmantel. Fenja Münz-Zeise sagt problemlos Vulva und auch Vulvalippen, nicht Schamlippen. Denn was an dieser wunderbaren Sache sei bitte zum Schämen? Zusammen mit Hanna Vayhinger begrüßt Münz-Zeise die Besucherinnen im Feministischen Frauen*gesundheitszentrum (FF*GZ). In dem gemeinnützigen Verein zerren Frauen und Interessierte alles aus der Tabuzone, was ihnen so einfällt: Es geht um Endometriose, die Rolle des Mannes beim Sex oder die Wechseljahre. Heute wollen ein paar Frauen Gipsabdrücke von ihrer Vulva machen. Warum auch nicht?

Oft hört man das Wort Awareness, also Bewusstsein

Man könne sich den Abdruck dann zu Hause aufstellen, sagt Fenja Münz-Zeise, vielleicht sogar verschenken, schön anmalen und verzieren oder aus dem Negativ Plätzchenformen für Weihnachtsgebäck machen. Hanna Vayhinger erklärt: „In vielen Ländern ist es verboten, Vulven darzustellen, das ist unglaublich, wie das tabuisiert ist.“ Ganz oft hört man das Wort Awareness, also Bewusstsein.

Viele wüssten nicht einmal, dass Vagina nur das Innere des weiblichen Geschlechts bezeichne. Und Scheide als Wort natürlich höchst verdächtig ist. Die Vulva ist schließlich mehr als eine Scheide für ein Schwert. Mumu, Muschi, Feige, alles albern, verniedlichend oder abwertend. In ihrem „Vulva“-Buch erzählt die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal von einem kleinen Mädchen, das seiner Lehrerin verzweifelt von Schmerzen an seinem Kanarienvogel berichtete – und leider nicht verstanden wurde.

Das ist natürlich schlecht. Wenn etwas so verboten und verborgen ist, dass viele nicht einmal Worte dafür haben und Eltern ihren Töchtern merkwürdige Fantasiebegriffe lehren. „Da Sprache das System ist, mit dem wir uns in der Welt orientieren und Bewertungen vornehmen, geht das Verschwinden von wertschätzenden oder schlicht präzisen Bezeichnungen stets mit dem Verschwinden eines wertschätzenden Umgangs einher“, schreibt Mithu Sanyal.

Penisse sind überall – Vulven tabuisiert

In einem kuscheligen Raum, der aussieht wie ein Meditationszimmer, sitzen sie jetzt im Kreis: die blonde Anna mit der großen Brille, Isabel, die etwas älter scheint als die anderen und erzählt, sie habe heute ihren kinderfreien Abend, Julia mit dem hohen Dutt und ein Dutzend weitere junge Frauen. Keine guckt gelangweilt aufs Handy, alle schauen einander neugierig an. Mara erzählt, ihre Freundin Lou-Anne vom Yoga habe ihr von der Sache mit den Vulven erzählt. Natalie sagt: „Ich hab mal eine Doku aus Berlin darüber bei Insta gesehen. Cool, dass es das jetzt auch in Stuttgart gibt.“ Und Julia gibt zu: „Ich schaue mir öfter meine Vulva mit dem Spiegel an. Ich bin dabei, mich mit ihr anzufreunden.“

Das ist ein willkommenes Stichwort für Fenja Münz-Zeise. Sie sagt: Penisse sind überall. Aber sehr viele Frauen hätten ihre Vulva noch nie ganz genau angeschaut: eben mit dem Spiegel zum Beispiel. Und wer als Frau nie mit einer anderen Frau geschlafen hat, weiß natürlich nicht, wie so eine Vulva aus nächster Nähe ausschaut.

Warum das überhaupt alles so schambehaftet ist, erklärt der Blick in die Geschichte. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud nannte das weibliche Geschlecht eine „Wunde“, defizitär gegenüber dem männlichen. Er prägte Begriffe wie Penisneid bei Frauen und Kastrationsangst bei Männern. Schon kleine Jungen, so Freud, fürchteten, ihr Geschlecht könne abfallen, weil es ja manchen schon passiert war, den Mädchen nämlich. Ihnen fehle der Penis, sie hätten dort „gar nichts“ mehr. Von Augustinus bis zum französischen Analytiker Jacques Lacan konnte die Vulva viele Jahrhunderte lang nur als Mangel begriffen werden, der schamhaft verborgen werden musste. In einer mittelalterlichen Schrift schrieb Pseudo-Albertus Magnus, wenn im Mutterleib ein weibliches statt ein männliches Kind entstünde, geschehe dies deshalb, weil „bestimmte Faktoren die Bestimmung des Körpers verhindert“ hätten, das bedeute, „dass die Frau von ihrer Natur her kein Mensch ist, sondern eine Missgeburt“. Beispiele wie diese, auch aus medizinischer Fachliteratur der vergangenen Jahrzehnte, gibt es unzählige.

Fast könnte man meinen, hier in einen Töpferkurs geraten zu sein

Die Abwertung des weiblichen Geschlechts wirkt lange nach. Anna, die 31 ist, sagt: „Ich wusste bis vor ein paar Jahren nicht, dass die Vulva so unterschiedlich aussehen kann.“ Mira erzählt: „Viele sind unsicher, in der ‚Bravo‘ oder in Pornos sah man immer nur Vulven, bei denen die inneren Schamlippen so klein sind.“

Fenja Münz-Zeise gibt den Frauen kleine rote Muffinformen und zeigt, wie man das Alginat für den Abdruck anrührt, eine Art 3-D-Gel. Das solle man dann, wenn es die richtige Konsistenz habe und leicht rosa schimmere, in die Form füllen und sich zwischen die Beine halten. Sie habe es anfangs stehend gemacht, berichtet Fenja Münz-Zeise, „doch dann kommt die Vulva vielleicht nicht so gut raus“. Manche möchten die Klitoris dabeihaben, also „eher so in die Knie gehen und die Beine spreizen“. Münz-Zeise führt die Trockenübung vor.

Dann verteilt Hanna Vayhinger noch Spachtel, einen Becher Wasser und das Alginat. Fast könnte man meinen, hier in einen Töpferkurs geraten zu sein. „Das riecht nach Kaugummi“, sagt Anna. Es werde vielleicht überquellen, „wenn ihr eure Vulva da reindrückt“, warnt Münz-Zeise die Ersten, die sich ins Nebenzimmer zurückziehen. Sie gibt ihnen eine Rolle Küchenpapier mit. Wer möchte, kann in einem Raum allein seinen Abdruck machen. Doch die meisten gehen spontan zusammen ins Gemeinschaftszimmer. Es gibt nichts, wofür man sich schämen müsste, oder?

Die Vulva, so viel ist diesen Teilnehmerinnen hier längst klar, ist viel mehr als ein Loch. Sie ist wie eine Blüte aufgebaut, die zwei Schichten an Kronblättern hat. Die Kronblätter oder Vulvalippen haben die Aufgabe, die empfindsamen inneren Teile zu schützen. Bei vielen Frauen sind die inneren Lippen größer als die äußeren, sind manchmal knittrig und faltig wie ein Tüllrock und umhüllen die Eichel der Klitoris. Das kann aussehen wie die Blätter einer Rose, wie das Fruchtfleisch einer Feige, wie ein Schmetterling. Manche sagen auch: eine Schnecke oder eine Auster. Andere sehen darin ein gutmütiges Seeungeheuer oder die Lefzen eines Bluthunds.

Nichts jedenfalls, wovor man sich fürchten muss, oder doch? Die Klitoris ist ein ziemlich gewaltiger Schwellkörper. Ihre Teile und Schenkel liegen größtenteils unter der Haut. Sie sieht aus wie ein umgedrehtes Y oder ein Typ in einem opulenten, mehrschichtigen Mantel. Bei Erregung kann sie mehr als doppelt so groß werden: eine unglaubliche Erektion! Leider weiß das kaum wer. Fenja Münz-Zeise berichtet von Schulbüchern im Fach Biologie, die erst in diesem Jahr Ausgaben mit richtiger Darstellung der weiblichen Geschlechtsorgane veröffentlichten. Eine Berliner Biologiestudentin hatte zum weiblichen Geschlecht geforscht und durch ihre Arbeit dazu angeregt, dass die großen Verlage Cornelsen, Klett und Westermann endlich die Vulva vollständig und richtig abbilden. Das heißt, nicht nur den externen Teil der Klitoris, sondern auch den inneren Teil des Organs.

Bücher, Broschen, Taschen über und mit Vulven

Immerhin: Seit einigen Jahren erfährt die Vulva erstaunliche Beachtung in der Populärkultur. Es erscheinen Bücher, Broschen, Taschen über und mit Vulven. Ob künftig Generationen von Frauen heranwachsen, die weniger schamhaft auf ihr Geschlecht blicken? Immerhin gab es schon früher Künstlerinnen, die versucht haben, das, was tabu ist, zu zeigen: Anita Berber in den zwanziger Jahren oder später Hanna Wilke, Valie Export und Marina Abramovic. Gegen deren Inszenierungen wirken Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ schon fast brav.

In Vergessenheit geraten ist auch, dass das weibliche Geschlecht ursprünglich schamlos-fröhlich als heilig verehrt wurde. Baubo konnte die griechische Fruchtbarkeitsgöttin Demeter von ihren Depressionen befreien, indem sie ihr lachend ihre Vulva präsentierte. Ein katalonisches Sprichwort besagt, die See beruhige sich, wenn sie die Vulva einer Frau sehe. Frauen, die ihre Röcke hoben, entwickelten magische Kräfte. In Ägypten konnten sie Dämonen vertreiben. In Russland, heißt es, verjagten sie so Bären.

Hanna Vayhinger fragt eine Teilnehmerin: „Und, bist du zufrieden?“ Julia sagt: „Ich hab das Gefühl, ich hab es zu weit unten hingehalten.“ – „Nein, das sieht gut aus.“ In die Alginat-Formen füllt Vayhinger noch Gips ein. Dann dauert es eine halbe Stunde, bis die Frauen die harte Form rausnehmen und die Vulva anschauen können. „Wow“, sagt Anna. „Wunderschön“, meint Julia, „deine sieht ja cool aus.“ Einmal, erzählt Hanna Vayhinger, habe man die Vulven-Abformung hier auch am Sommerfest angeboten, das kam sehr gut an. Die Kurse seien immer ausgebucht.

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