VVS-Preiserhöhung zum Januar Die S-Bahn-Misere gilt im VVS als schwere Hypothek

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Die neuen Stadtbahnlinie U12 und ein erweiterter Zehn-Minuten-Takt haben das VVS-Angebot verbessert. Die S-Bahn hingegen fällt durch Verspätungen negativ auf. Die Grünen fordern deshalb, die Bahn solle auf ihren Anteil an der Preiserhöhung verzichten.

Statt höherer Preise erwarten die S-Bahn-Kunden mehr Pünktlichkeit. Foto: Achim Zweygarth
Statt höherer Preise erwarten die S-Bahn-Kunden mehr Pünktlichkeit. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Der Verkehrs-und Tarifverbund Stuttgart (VVS) hat für die Kundschaft längst zwei Gesichter: Stadtbahn hui, S-Bahn pfui – auf diesen Nenner lässt sich die aktuelle Lage bringen.

Am Wochenende haben die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) mit der Eröffnung der neuen Stadtbahnlinie U 12 in den Stadtteil Hallschlag und einem erweiterten Zehn-Minuten-Takt das VVS-Angebot deutlich verbessert. Die S-Bahn hingegen hat an Taktgefühl verloren: Am Dienstagmorgen wurde die durch zahlreiche technische Pannen und Störungen ausgelöste Dauerkrise einmal mehr durch einen Signaldefekt bestätigt. Dadurch kam es auf den Linien S 1, S 2 und S 3 im Berufsverkehr zu Verspätungen und Ausfällen. Auch die S 4, S 5  und S 6 fuhren dem Fahrplan bis zu zehn Minuten hinterher.

Trotz dieser Unwucht im Angebotsgefüge dürfte der Verkehrsausschuss der Region heute die VVS-Preiserhöhung von 2,8 Prozent für 2014 mehrheitlich billigen. Damit sollen wichtige strukturelle Veränderungen des VVS-Gemeinschaftstarifs umgesetzt werden. In der Region geht es dabei laut einer Vorlage des Verbands Region Stuttgart (VRS) etwa um die „seit vielen Jahren diskutierte tarifliche Teilintegration des Landkreises Göppingen“ und um ein auch im Filsland-Mobilitätsverbund gültiges Studententicket. Verbesserungen gibt es auch beim Firmenticket: Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern sollen durch Zusammenschlüsse mit anderen Firmen VVS-Zeitkarten wieder mit einem Rabatt von zehn Prozent erhalten.

School- und Senioren-Abo

 Schon im Sommer hat der VVS darauf hingewiesen, dass aufgrund der Preisanpassung Schüler nach den Sommerferien mit dem Scool-Abo rund um die Uhr durchs ganze VVS-Netz fahren können. Das Gleiche gilt auch von Anfang 2014 an für das aufgewertete Senioren-Abo. Mit der Anhebung um 2,8 Prozent zum Januar 2014 sieht sich der VVS bundesweit im Vergleich zu anderen Verkehrsverbünden „am unteren Ende der Skala“. Leider lasse sich die jährliche Tarifanpassung nicht vermeiden, wenn man das Angebot halten oder sogar verbessern wolle, heißt es in einer Presseerklärung des Verbunds. Dem höheren Preis stünde aber auch – etwa mit der verlängerten SSB-Stadtbahnlinie U 12 – ein verbessertes Angebot gegenüber. Außerdem profitieren die SSB-Fahrgäste von dem Kauf von 20 neuen Stadtbahnzügen. Bei der Bahn hingegen stehen 83 nagelneue S-Bahnen vom Typ ET 430 im Wert von 500 Millionen Euro wegen unbrauchbarer Schiebetritte weiterhin auf unbestimmte Zeit auf dem Abstellgleis. Immerhin sind beim regionalen Busverkehr die ersten Fahrzeuge mit der strengen Abgasnorm Euro 6 unterwegs. Aber auch die städtische Nahverkehrstochter SSB erweitert ihren Fuhrpark um fünf weitere Hybrid- und drei Brennstoffzellenbusse.

Der VVS-Aufsichtsrat hat im Juli über die betriebliche Situation der S-Bahn debattiert. Man erwarte, dass das „Rückgrat des ÖPNV in der Region Stuttgart“ baldmöglichst zur „alten Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit“ zurückkehre, hieß es damals. Dieses Reizthema wird der Verband Region Stuttgart am 9. Oktober auf einer „S-Bahn-Gipfel“ genannten Sondersitzung des Verkehrsausschusses behandeln. Einen Tag vorher – am 8. Oktober also – fallen laut VRS-Vorlage im VVS-Aufsichtsrat und in der Gesellschafterversammlung „die abschließenden Entscheidungen über die Umsetzung der Tarifstruktur“. Dann werden für die einzelnen Tickets die Preise festgelegt, die von Januar 2014 an gelten.

Doch es gibt Widerstand: Die Grünen im Regionalparlament fordern, dass die Bahn wegen ihrer „miserablen Leistung auf ihren Anteil an der VVS-Tariferhöhung verzichtet“. Dann müssten die Preise nur um zwei Prozent steigen. Auch in Nahverkehrskreisen weiß man längst, dass viele S-Bahn-Kunden verärgert sind. „Dieses Dilemma verdünnisiert sich nicht von allein“, meint ein Fachmann. Deshalb sei es höchste Eisenbahn, diese schwere Hypothek so rasch wie möglich abzutragen.




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