Kommunale Wärmepläne sollen der Wende im Heizungskeller einen Schub geben: Erstmals mussten jetzt größere Städte in Baden-Württemberg einen solchen Bericht abgeben. Doch 28 der 104 Großen und kreisfreien Städten im Südwesten haben nach Angaben des Umweltministeriums ihren Bericht nicht wie vorgeschrieben zum Jahresende vorgelegt. Sanktionen wird es nicht geben. Vor allem die Turbulenzen um das Heizungsgesetz im vergangenen Jahr hätten dazu geführt, dass Städte noch abgewartet hätten, so Steffen Becker, der Sprecher des Ministeriums.
Baden-Württemberg ist bei der kommunalen Wärmeplanung Vorreiter in Deutschland: In anderen Bundesländern greift die Berichtspflicht für Großstädte ab 100 000 Einwohnern erst 2026, in allen weiteren größeren Kommunen sogar erst 2028.
Wie Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) mitteilte, haben 208 weitere Kommunen im Südwesten Fördergelder in Anspruch genommen, um auf freiwilliger Basis einen Wärmeplan zu erstellen. Die meisten würden im Laufe von 2024 damit fertig. Insgesamt liege damit für mehr als 50 Prozent der Einwohner ein Bericht vor.
Alle Kommunen setzen auf Wärmenetze – und auf Energieeffizienz
Aber was steht eigentlich drin in diesen Wärmeplänen? Sie sind immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Zunächst wird untersucht, wie es in den Städten heute aussieht: Wie viele Haushalte heizen noch mit Öl und Gas, wo liegen bereits Fernwärmenetze, wie alt sind die Häuser? Dann wird das Potenzial für erneuerbare Energien untersucht: Wo könnte man die Wärmenetze erweitern, lohnt sich Geothermie, wie könnte man die Dämmung der Gebäude befördern? Weiter wird ein Zielszenario erstellt: Wenn eine Stadt etwa 2035 klimaneutral sein will, zeigt sie im Wärmeplan auf, wie der Umbau der Wärmeerzeugung bis dahin vonstatten gehen soll. Eine mehr oder weniger konkrete Maßnahmenliste sowie Steckbriefe für jedes Stadtquartier runden den Bericht ab.
Wichtig ist die Wärmewende, weil 30 bis 40 Prozent des gesamten deutschen Endenergieverbrauchs auf die Raumwärme entfällt; Verkehr und Strom machen je ein Viertel aus.
Geprüft werden die Wärmepläne in den vier Regierungspräsidien. Bärbel Schäfer, die Chefin des Regierungspräsidiums Freiburg, hat sich schon einen ersten Überblick verschafft: Erkennbar sei in den 13 bisher eingegangenen Berichten, dass eine klimaneutrale Wärmeversorgung nur mit einem deutlichen Ausbau der Wärmenetze gelingen werde. Wo dies nicht möglich ist, hofften die meisten Kommunen darauf, dass sich die Hausbesitzer für Wärmepumpen entscheiden.
Die Stadt Ludwigsburg strebt 78 Prozent Fernwärme an
Stuttgart zum Beispiel will 2035 rund die Hälfte der Wärme über teils noch zu bauende Wärmenetze bereitstellen, weitere 43 Prozent über Einzel-Wärmepumpen. Tübingen sieht bis 2030 ein Potenzial von bis zu 59 Prozent Fernwärme, Ludwigsburg strebt bis 2035 sogar 78 Prozent Fernwärme an. Dazu müsste dort das Netz aber in zwölf Jahren so stark ausgebaut werden, dass es viermal so viel Wärme abgeben kann wie heute – ein Ding der Unmöglichkeit?
Nein, sagt Ludwigsburgs OB Matthias Knecht. Für zwei der vier bestehenden Wärmenetze werde bereits in diesem Jahr ein konkreter Plan erstellt, wie diese erstens ausgebaut und zweitens auf grüne Erzeugung umgestellt werden könnten. Insgesamt rechnet die Stadt mit mindestens 600 Millionen Euro an Gesamtkosten. Knecht weiß aber, wie anspruchsvoll die Pläne sind: „Wir müssen ehrlich sein. Der Weg wird länger und steiniger werden, als wir es uns wünschen.“
Auch die Stadtwerke Tübingen müssten, um das Zielszenario der Stadt zu erreichen, die Zahl der Fernwärmekunden von derzeit 1500 auf 8200 steigen. „Die Länge des Leitungsnetzes müsste sich bis 2030 aber lediglich verdoppeln“, betont OB Boris Palmer. „Das ist sehr ehrgeizig, aber machbar.“ Zudem muss die Erzeugung der Fernwärme komplett umgestellt werden; derzeit wird auch die Fernwärme in Tübingen fast ausschließlich mit Gas hergestellt. Eine Abwasser-Wärmepumpe ist in konkreter Planung, eine Flusswasser-Wärmepumpe müsse womöglich auch gebaut werden, so Palmer.
Wo die Geologie es hergibt, wird stark auf Tiefengeothermie gesetzt, etwa in Bruchsal oder in Ravensburg – in der oberschwäbischen Stadt soll 2040 ein Drittel der gesamten Wärme aus der Tiefengeothermie kommen.
In Tübingen spielt auch Holz noch eine kleine Rolle, immerhin sieben Prozent der gesamten Wärme soll 2030 damit erzeugt werden. Andere Städte sind vorsichtiger, da Holz als klimaneutraler Brennstoff immer stärker umstritten ist. Für Boris Palmer ist das abwegig: „Nach dem Ausstieg aus der Atomkraft, dem Gas und dem Öl können wir jetzt nicht auch noch aus dem Holz aussteigen.“
Unklare Fördersituation beim Bund verunsichert Kommunen
Neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien setzen die Städte in ihren Wärmeplänen aber auch stark auf einen Rückgang der Wärmemengen. In Leinfelden-Echterdingen etwa peilt man stolze 44 Prozent Reduzierung bis 2040 an, in Ludwigsburg 40 Prozent. Auch das sind extrem herausfordernde Ziele. Um das zu erreichen, müssten jährlich zwei Prozent der Gebäude saniert werden, rechnet Thomas Krämer vor, der Sprecher der Stadt Leinfelden-Echterdingen – derzeit sind es 0,72 Prozent im Bundesschnitt. Zweitens müssten Industrie und Gewerbe ihre Prozesse optimieren. In der Stadt am Flughafen ist man schon recht weit: Zwei neue Wärmenetze werden derzeit schon konkret geplant.
Was Boris Palmer und andere Bürgermeister aber kritisieren, ist die derzeit unklare Fördersituation beim Bund. Im Moment stocke der gesamte Ausbau der Wärmenetze, weil die Bundesregierung aufgrund der Haushaltssperre viele Förderprogramme auf Eis gelegt habe. „Ich hoffe sehr, dass die Wärmepläne nicht alle Makulatur werden“, so Palmer.
Der BUND Baden-Württemberg bemängelt daneben die schlechte Qualität vieler Pläne. Wie die Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch sagte, hätten Experten des BUND bisher 56 Wärmepläne gesichtet. In vielen Plänen fehlten Basisdaten, sodass sich keine Schlüsse zum Energiemix und den eingesetzten Technologien ziehen ließen. Einige wenige Kommunen setzten zudem zu einem großen Teil auf Technologien wie Wasserstoff, die bis zur Umsetzung der Pläne realistisch gar nicht zur Verfügung stehen würden. Biogene Stoffe wie Holz würden eher zurückhaltend eingesetzt, was der BUND begrüße.
Der Verein Kommunale Stadtwerke übt für die Landeshauptstadt eine ganz grundsätzliche Kritik. Es seien in Stuttgart viel zu viele Einzelversorgungsgebiete ausgewiesen worden, obwohl Nahwärmenetze an viel mehr Standorten möglich seien – leider scheue die Stadt in allen Gebieten, wo sehr viele Eigentümer anzusprechen wären, die Verhandlungen, betont der Sprecher Michael Fuchs. Die Zahl der geplanten Flusswärmepumpen am Neckar müsse deutlich höher sein als die angedachten vier. „Es fehlt eine wirkliche Vision“, so Fuchs.
Daneben merkt er an, dass der Bund für die künftigen Wärmepläne höhere Ansprüche festgeschrieben habe als das Land Baden-Württemberg. Die Städte im Südwesten müssten aber nicht nachbessern, betont Steffen Becker vom Umweltministerium auf Nachfrage.