Wärmflaschen aus Korntal-Münchingen Wie die Wärme in die Flasche kommt

Der Klassiker unter den Wärmflaschen – glatt und schlicht Foto: Fashy GmbH

Groß, klein, glatt, flauschig: Die Wärmflasche hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Dieses Jahr läuft sie zu ganz besonderer Form auf, im Wortsinne. Ein Besuch in Korntal-Münchingen, bei Europas größtem Wärmflaschenhersteller.

Region: Verena Mayer (ena)

Ein Schild, auf dem steht: „Vom Ministerpräsidenten wärmstens empfohlen“, gibt es an dem Firmengebäude nicht. Auch kein Banner mit dem Slogan: „Hier kann Habeck Wärme kaufen.“ Was daran liegen dürfte, dass beides nicht ganz korrekt wäre. Was mit daran liegen könnte, dass den Herren, wie so vielen anderen, vielleicht gar nicht bewusst ist, dass hier, in diesem Gewerbegebiet von Korntal-Münchingen Europas größter Wärmflaschenhersteller seinen Sitz hat: Fashy. Und dem nun, in Zeiten von schwindendem Gas und explodierenden Energiekosten eine bislang ungeahnte Bedeutung zukommen könnte. Heizung aus, Flasche drauf.

 

Nicht nur für Omas

Und wer jetzt denkt: Uahhh, Wärmflasche, das ist doch was für Omas – der hat, das kann man so sagen, überhaupt gar keine Ahnung. Muss man die Firma Fashy nur mal besuchen und auf Wolfgang Kraus treffen, einem der Chefs dort. Dieser Wolfgang Kraus, ein Baum von Mann, 59 Jahre, sehr ernsthafte Erscheinung, sagt: „Wärmflaschen machen Spaß.“

Käme aus dem dunklen Nichts in diesem Video das neueste Luxusmodell eines feudalen Autoherstellers angeschwebt – man würde sich nicht wundern: coole Beats, knisternde Blitze, geheimnisvolle Spannung; klar: Hier passiert gleich was ganz Großes. Doch das, was dann aus dem Nichts des Videos auftaucht, ist kein nobles Gefährt, sondern: eine Wärmflasche. Die Smart Bottle, um genau zu sein. Die neueste Kreation aus dem Hause Fashy. An der man sehr schön sehen kann, dass eine Wärmflasche mitnichten ein elastisches Etwas (für Omas) ist, das heißes Wasser warm hält.

Die Smart Bottle etwa mit ihrem extra großen Einfülltrichter, ihrem umklappbaren Kragen und dem fast unsichtbaren Stöpsel, sieht gar nicht mehr wie eine Wärmflasche aus. Man könnte sie auch für eine Blumenvase halten oder ein kleines Kissen. „Die Entwicklung hat Jahre gedauert“, sagt Wolfgang Kraus, dessen Ziel es einst war, die Wärmflasche „salonfähig“ zu machen. Raus aus der Badezimmerecke, rauf aufs Sofa.

Die Eroberung der Wohnzimmer

Ein Blick in Drogerien, Apotheken, Supermärkte, Haushaltswarengeschäfte und auch ins Internet zeigt: Die Wärmflasche ist salonfähig geworden. Es ist nicht übertrieben zu behaupten: Es gibt sie in allen Formen und Farben. Rot, blau, grün, lila und so weiter. Mit Rollkragenstrickbezug, mit Fleecebezug, mit Bezug, sogar in extra flauschig. Mit Blumenmuster, aufgesticktem Pferdekopf, wohltuenden Sprüchle („Do it tomorrow“). Natürlich sind sie auch nackig zu haben. In glatter Ausführung oder mit Halblamellen, Doppellamellen, Karolamellen. Oder, sehr raffiniert, mit Luftpölsterchen, dank derer sich die Flasche nicht wölbt.

„Wenn wir in den Wohnzimmern sind, haben wir es geschafft“, sagte sich der Wolfgang Kraus von einst, als er vor 30 Jahren in die Firma einstieg, um sie mit seinem Bruder Volker in die dritte Generation zu führen.

Am Anfang war der Gummiring

Als Großvater Friedrich die Firma 1948 in Stuttgart gründete, trug sie den Namen Gummi-Kraus. Sie handelt mit Gummi- und Einkochringen und fertigt später auch Wasserspielzeug und Badehauben. In einer Zeit, in der in vielen Kommunen Schwimmbäder inklusive Badehaubenpflicht entstanden, war dies eine einträgliche Umsatzquelle. Das Interesse an Gummi- und Einkochringen nahm ab, und die Sache mit der Haubenpflicht hat sich erledigt. Im Sortiment hat Fashy Badekappen aber noch immer, zuzüglich Badeanzüge, Badeschuhe, Badebrillen.

Plus, als zweites Geschäftsfeld, die Wärmflaschen, die inzwischen allerdings aus Kunststoff sind – und womit der Wärmflaschenfantasien keine Grenzen mehr gesetzt waren. Mit dem Kunststoff kamen die Farben und mit ihnen die Ideen. „Könnt ihr auch kleinere Flaschen machen?“, fragten die großen Kunden. „Habt ihr nicht was in Herzform für Valentinstag?“, drängten die Händler. „Wärmende Kuscheltiere wären doch toll“, dachten die Entwickler. „Und warum nicht auch Comicfiguren?“

Hein Blöd war der Renner

„Die Vielfalt ist der Wahnsinn“, sagt Wolfgang Kraus, der klingt, als könne er manchmal selbst kaum glauben, welche Formen eine schlichte Wärmflasche annehmen kann. Unvergesslich: Käpt’n Blaubär und Hein Blöd. Die verkauften sich damals schneller, als Fashy produzieren konnte. Und jetzt sind es die praktischen Formen, die sehr plötzlich sehr interessant geworden sind.

Da ist der Beutel mit integrierter Wärmflasche, die man um Bauch, Rücken oder Schulter schnallen kann. Und die Wärmflasche im Kissen, das per Gurt an die Stuhllehne geklemmt werden kann. Und da ist die Wärmflasche, die so klein ist, dass sie überall hinpasst. Womöglich, der Gedanke drängt sich auf, erobern die Wärmflaschen aus Korntal-Münchingen nach den Wohnzimmern in diesem Winter nun auch die Büros?

Wärmflaschen für alle Fälle

Wolfgang Kraus lacht. Es ist nicht so, dass er mit den Geschäften nicht zufrieden wäre. Mit dem Gewahrwerden der Energiekrise habe sich die Nachfrage durchaus gesteigert. Und nun, da es auf Weihnachten zugeht, werde sich gewiss auch noch einiges tun. Eitel Sonnenschein herrscht bei Fashy deshalb allerdings nicht.

Zum einen, weil die Bade-Sparte während Corona sehr gelitten hat. Wer nicht schwimmen gehen kann, kauft keine Schwimmsachen. Zum andern, weil es auch hier Probleme mit den Lieferketten gibt. Wenn die Bezüge von der Tochterfirma in Vietnam in einem asiatischen Hafen feststecken, stockt die Produktion in Thüringen. Ebenso wenn Kunststoff knapp wird und die neue Maschine lang nicht kommt.

Zahlen nennt Wolfgang Kraus keine. Nicht mal, wie viele Flaschen Fashy mit seinen 170 Mitarbeitern für die Kunden in 70 Ländern der Welt pro Jahr herstellt. Nur so viel: „Es sind viele.“ Und: „Dieses Jahr haben wir ein zweistelliges Umsatzplus.“

Männer mögen keine Flaschen

Dass Winfried Kretschmann, dies noch, lieber zum Waschlappen greift als zur Wärmflasche und Robert Habeck auf zugezogene Gardinen und dicke Pullis setzt – Wolfgang Kraus kann ihnen das nicht verübeln. Männer, das weiß der 59-Jährige aus eigener Erfahrung, nutzen keine Wärmflaschen. (Oder nur, wenn sie krank sind. Oder sie geben es nicht zu.) Weil Wärmflaschen mit ihrer Optik (dekorativ), ihrer Haptik (weich), ihrer Symbolik (gemütlich) hauptsächlich ein emotionales Produkt seien. Und Emotionen, das weiß man ja, sind eher die Sache von Frauen.

Andererseits: Man weiß ja auch, dass die Wärmflasche vor nicht allzu langer Zeit ein ganz und gar uncooles Produkt war. Vielleicht, in diesen Zeiten, geht da noch was.

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