Wahl des Jugendgemeinderats in Sindelfingen Für sanierte Toiletten und weniger Müll

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49 Kandidaten haben sich für die Wahl des 24 Mandate umfassenden Jugendgemeinderats in Sindelfingen aufstellen lassen. Das sind zwölf Jugendliche mehr als 2016. Einer davon ist erneut der Politikstudent Martin Wenger.

Der große Sitzungssaal im Rathaus:  Martin  Wenger und seine Mitstreiter tagen  mindestens fünf  Mal  im Jahr öffentlich.Foto:factum/Bach Foto:  
Der große Sitzungssaal im Rathaus: Martin Wenger und seine Mitstreiter tagen mindestens fünf Mal im Jahr öffentlich. Foto:factum/Bach

Sindelfingen - Martin Wenger wagt den Spagat zwischen Theorie und Praxis, zwischen der großen Politik und den Niederungen der Kommunalpolitik. Der 18 Jahre alte Sindelfinger hat sich in diesem Semester an der Universität Tübingen eingeschrieben und studiert nun Politikwissenschaften im Hauptfach und Öffentliches Recht im Nebenfach. Zudem kandidiert er erneut für den Jugendgemeinderat in Sindelfingen. Dort geht es um nächtliche Fahrten der S-Bahn, um Schultoiletten und um „Mülltonis“.

Mehr Lernplätze in der Stadtbibliothek

Um zu erklären, weshalb er sich für die Interessen von Jugendlichen einsetzt und wie es überhaupt dazu kam, dass er dem Jugendgemeinderat angehört, muss er ein wenig ausholen. Er ging in die elfte Klasse, als Jana Kastner vom Kinder- und Jugendbüro der Stadt ins Stiftsgymnasium kam. Sie warb für den Jugendgemeinderat und die damals bevorstehenden Wahlen. „Ich erkannte, dass man auch als Jugendlicher etwas für eine lebenswerte Stadt tun kann“, erinnert sich Wenger. Als Klassensprecher und Mitglied der Schülervertretung hatte er sich zuvor schon hervorgetan – er wurde mit einem deutlichen Ergebnis gewählt.

Sein Faible für Politik und die demokratische Mitsprache habe er entwickelt, weil ihm schon sein Großvater viel über die deutsche Geschichte beigebracht habe. Das sei wohl auch der Grund, warum zu seinen Lieblingsfächern die Gemeinschaftskunde zählte. Der Sindelfinger Sohn eines Polizisten büffelte fleißig und absolvierte das Abitur mit einem Notenschnitt von 1,3. Und weil man im Leben unter anderem durch intensive Lektüre weiterkommt, setzte er sich im Jugendgremium für mehr Lernplätze in der Stadtbibliothek ein. „Dort ist oft alles belegt“, weiß der Freizeitfußballer, der zum Ausgleich der vielen Stunden, die er täglich sitzend verbringt, als Torwart in der A-Jugend des GSV Maichingen spielt. Leider sei in Sachen Lernplätze noch nichts passiert. „Es dauert eben seine Zeit, bis ein Antrag von uns durch die Verwaltung und den Gemeinderat geht.“

Müllbehälter sollen Hingucker werden

Auf fruchtbareren Boden ist bereits der Vorschlag gestoßen, die grauen, eher unansehnlichen Müllbehälter in der Stadt neu zu gestalten. Zahlreiche Jugendliche an den Schulen sind derzeit dabei, ihre Entwürfe zu entwickeln und bei der Stadt einzureichen. „Das Thema Müll treibt auch die Heranwachsenden um“, weiss Wenger. Die „Mülltonis“ sind oft überfüllt. Oder aber das Gegenteil sei der Fall: „Sicher sind es auch Jugendliche, die ihren Abfall unachtsam wegwerfen.“ Vielleicht auch, weil die eher unscheinbaren Eimer bisweilen nicht wahrgenommen werden. „Deshalb sollen sie zu Hinguckern werden.“

Ein anderer Stein des Anstoßes ist für viele der Zustand der Schultoiletten. In einer Jugendgemeinderatssitzung hat sich ein Vertreter des Bauamts über die teils heruntergekommenen sanitären Anlagen informieren lassen: „Wir wollen, dass dort saniert wird.“ Allerdings sei auch in diesem Fall bis jetzt noch nichts geschehen. Überhaupt ist das die Erfahrung der Jugendpolitiker: Bevor die Verantwortlichen tätig werden, muss ein Vorhaben in den Amtsstuben erst eingehend geprüft werden.

Politische Arbeit ist ein Geduldsspiel

„Das ist auch so bei unserem Antrag, die S 60 an Feiertagen und Samstagen nachts stündlich fahren zu lassen und die Fahrzeit wochentags um eine Stunde zu verlängern“, berichtet Martin Wenger. Er wisse freilich, dass die Stadtverwaltung darüber nicht befinden kann und das Thema im Kreistag und in der Regionalversammlung zu behandeln ist. „Aber unser Rathauschef ist im Kreisgremium vertreten. Er kann das zur Sprache bringen und sich dafür einsetzen“, sagt Martin Wenger mit Optimismus.

„Um ihre Anliegen durchzusetzen, müssen die Jugendlichen am Thema dranbleiben und gegebenenfalls nachsetzen“, meint Lucas Osterauer, der Sprecher des Dachverbands der Jugendgemeinderäte Baden-Württemberg. „Manchmal ist es ein Geduldsspiel, bis man zum Zuge kommt.“ Das weiß er aus eigener Erfahrung als Jugendgemeinderat in Filderstadt.

Böblinger Gremium stand fast auf der Kippe

Die zeitaufwendige und mühsame politische Arbeit hat schon manchen dazu bewogen, nicht mehr für das Jugendgremium zu kandidieren oder sich neu aufstellen zu lassen. Trotzdem gebe es im Land nach wie vor rund hundert Jugendräte, berichtet Osterauer. Einige seien „gestorben“, aber in etwa genau so viele seien auch neu gegründet worden. Das Böblinger Gremium etwa stand zuletzt fast auf der Kippe: Zum Stichtag vor der Wahl hatte es nicht genügend Kandidaten gegeben. Viele Jugendgemeinderäte waren ausgeschieden, weil sie genügend Zeit für ihr Studium oder ihre Ausbildung haben wollten. Im letzten Moment kamen dann aber doch noch genügend Aspiranten zusammen.

In Sindelfingen dagegen ist das Interesse der jungen Menschen, politisch Einfluss zu nehmen, sogar gewachsen. Mit 47 Kandidaten für die 24 Plätze gehen 12 mehr ins Rennen als noch vor zwei Jahren. „Wir müssen trotzdem noch mehr auf unsere Arbeit aufmerksam machen und mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben“, betont Martin Wenger. „Das ist ein wichtiges Ziel in der kommenden Legislaturperiode.“




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