Walcker-Orgel in Ludwigsburg Frischzellenkur für das Pfeifenwunder

Im Herzen der Orgel: Kaum jemand kennt sich so gut mit dem Instrument aus wie Martin Kaleschke. Foto: /Simon Granville

Ex-Bundespräsident Horst Köhler setzt sich für sie ein, viele andere auch: Die Walcker-Orgel in der Ludwigsburger Friedenskirche ist ein ganz besonderes Instrument. Doch es braucht Hilfe.

Bleibt man im royalen Bild – die Orgel als Königin der Instrumente – , dann führt sich das Instrument der traditionsreichen Ludwigsburger Firma Walcker, das auf der Empore der Friedenskirche thront, eher wie eine launische Prinzessin auf. Was sie tun soll, tut sie nur manchmal. Dafür tut sie manchmal Dinge, die sie nicht tun soll. „Die Überraschungseffekte sind groß“, witzelt Bezirkskantor Fabian Wöhrle. Denkt man aber an ihr Alter und das, was sie schon erlebt hat, ist wohl eher der Queen-Mum-Vergleich angemessen. Aber jetzt kann sie nicht mehr.

 

Eine halbe Million Euro – wenn es mit den Preissteigerungen so weitergeht, wohl mehr – braucht die Friedenskirchengemeinde, um das Prachtexemplar im Jugendstilgehäuse wieder spielfähig zu machen. „Auch wenn Menschen, die nicht wissen, was nicht funktioniert, womöglich gar nicht merken, dass es nicht funktioniert“, sagt Fabian Wöhrles Kollege Martin Kaleschke. Das versierte Organisten-Duo weiß auf Tücken kaschierend zu reagieren. Doch für famose Konzerte, für die das Instrument mit seinem romantischen Klangbild prädestiniert ist, ist es nicht mehr einsetzbar: Gründe sind Verschleiß und der Fakt, „dass sie immer nur on demand renoviert wurde“, so Kaleschke.

„Viele wissen gar nicht, was für ein einzigartiges Instrument hier steht“

Dabei ist in der an Walcker-Orgeln nicht armen Region gerade das Exemplar in der Friedenskirche nahezu einmalig. „Es gibt deutschlandweit nur noch drei Walcker-Orgeln mit einem solchen Erhaltungszustand der Originalpfeifen und -technik“, klärt der Bezirkskantor auf, der die Orgel wie kaum ein Zweiter kennt. Der Intonateur habe 1903 das Klangkonzept nach dem damaligen Klangideal entworfen, er habe für jede der rund 2800 Pfeifen eine Vorstellung gehabt. „Und diese Intonationsidee ist, wenn es gerade mal funktioniert, heute noch hörbar“, schwärmt der Kirchenmusiker. 43 der 44 Register seien im Originalzustand erhalten.

Dass die Orgel angesichts dieser Alleinstellungsmerkmale ein besonderes Kulturgut ist, davon ist mittlerweile auch Konrad Seigfried überzeugt. Der frühere Erste Bürgermeister ist Vorsitzender des für die Renovierung gegründeten Fördervereins. „Die meisten Ludwigsburgerinnen und Ludwigsburger wissen gar nicht, was für ein einzigartiges Instrument hier steht, und ehrlich gesagt wusste ich es in dieser Dimension lange auch nicht“, sagt er. Eine Orgel, die zeitgleich mit der Kirche selbst gebaut und nicht nachträglich eingebaut worden sei, ein Meisterwerk der Handwerkskunst, ein Klang-Hochkaräter: All das mache sie zu weit mehr als einer normalen Kirchenorgel.

Der Ingenieur ist fasziniert

Auch Pfarrer Martin Wendte ist sicher, dass mit der Renovierung ein Projekt ansteht, das in die Stadtgesellschaft hinstrahlt – über Musikliebhaber und Kirchennahe hinaus. Im Verein engagieren sich auch Menschen wie Stephan Matthaei, der nach eigener Aussage wenig Affinität zur Friedenskirche oder zur Orgelmusik hat, aber die Technik dieses Instruments als Ingenieur faszinierend findet, oder Mareike von Osten, deren Sohn Orgel lernt und die sagt: „Hier steht etwas so Kostbares: Dafür möchte ich mehr Menschen begeistern.“ Der Verein ist zuversichtlich, das nötige Geld spätestens bis 2028 zusammenzuhaben, wenn die Orgel 125 Jahre alt wird. „Noch toller wäre es, wenn wir die Sanierung bis dahin schon abgeschlossen hätten, aber das ist wohl eine gewisse Hybris“, sagt Konrad Seigfried.

Dass die Orgel nicht früher schon restauriert wurde ist, hat für die Bezirkskantoren aber nicht nur Schattenseiten. Hätte sich die Kirchengemeinde vor ein paar Jahrzehnten eine grundlegende Sanierung leisten wollen, „hätte man wohl wenig respektvoll in die Einheitlichkeit der Substanz eingegriffen“, begründet Martin Kaleschke. Beispiele für derlei unsensibles Vorgehen gibt es landauf, landab.

Auch die 2015 fertig sanierte Orgel in der evangelischen Stadtkirche – sie kostete 1,1 Millionen Euro – konnte wegen früherer Eingriffe nicht mehr in den Originalzustand zurückversetzt werden. Sie klingt zwar fantastisch. „Sie ist aber ein technischer Neubau der Firma Klais im vorhandenen Gehäuse von Walcker“, so Kaleschke. „Von ihrem Klang könnte man never ever sagen, so habe die Walcker-Orgel jemals geklungen.“

Förderverein für finanziellen Kraftakt

Finanzierungs-Helfer
Der Förderverein, der Bundespräsident a.D. Horst Köhler als Schirmherrn gewonnen hat, ist derzeit noch unter www.friedenskirche-lb.de zu finden, bekommt aber demnächst eine eigene Website. Die Mitgliedsbeitrag beträgt 30 Euro für Erwachsene und 50 Euro für Familien, Schülerinnen und Schüler zahlen zehn Euro jährlich. Den Beitritt kann man schriftlich erklären; bei einem Benefizkonzert am Sonntag liegen entsprechende Erklärungen aus, künftig gibt es sie auch auf der Website. Vereinsadresse ist die Evangelische Friedenskirchengemeinde, Pfarramt West, Neuffenstraße 7, 71638 Ludwigsburg.

Mendelssohn-Morgen
Zwei der schönsten Chorwerke von Felix Mendelssohn Bartholdy stehen am Sonntag, 26. Juli, um 11 Uhr bei einer Benefiz-Matinee in der Friedenskirche auf dem Programm: die Hymne „Hör mein Bitten“ und die Vertonung des 42. Psalms „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“. Es musizieren Angelika Lenter (Sopran), Julian Handlos (Klavier) und der Ludwigsburger Motettenchor unter Leitung von Fabian Wöhrle.

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