Waldbegang in Herrenberg Exkursion zum gestressten Patienten

Imposant, die rund 50 Jahre alten Berg-Mammutbäume im Arboretum im Haslacher Wald Foto: Käthe Ruess

Herrenberg lehnt mehr als eine Million Euro vom Bund ab, die dem Wald zugute kommen würden. Klingt paradox? Beim Waldbegang erfahren die Teilnehmer die Gründe dafür. Und sie erleben eine Taufe, beeindruckende Bäume und zwei Abschiede.

Die zunehmende Trockenheit und steigende Durchschnittstemperaturen setzen dem Wald in ganz Deutschland immer mehr zu. Der Gemeinderat der Stadt Herrenberg, die mit knapp 2000 Hektar Waldfläche der größte kommunale Waldbesitzer im Landkreis Böblingen und der drittgrößte in der Region Stuttgart ist, hat die Anpassung des städtischen Waldes an die sich rasch verändernden Bedingungen schon seit etlichen Jahren auf der Agenda. Seit mehr als 100 Jahren steht dort Jahr für Jahr der Waldbegang im kommunalen Kalender, eine Exkursion des Gemeinderats in den – Wald.

 

In der Ablehnung sind sich alle einig

Beim jüngsten Begang ging es konkret um die Finanzen, genauer, um die Frage, ob sich die Stadt beim Förderprogramm „Klimaangepasstes Waldmanagement“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft bewirbt. 900 Millionen Euro stehen dort bereit. Herrenberg könnte darüber in 20 Jahren insgesamt 1,5 Millionen Euro abrufen. Doch die Gäustadt sagt Nein zu diesem Geldsegen. Darin waren sich Gemeinderäte, städtische Vertreter und Forstleute einig, nachdem der angehende Förster Lukas Mangold die Materie erläutert hat.

Einige Punkte der zwölf Kriterien, die erfüllt werden müssten, machen den Förstern keine Probleme, so wird zum Beispiel ohnehin kein Dünger eingesetzt. Der Einsatz von Kalk sei davon nicht tangiert, so Mangold. Ohne Zusatzpersonal sei dagegen die Ausweisung und GPS-Erfassung von insgesamt 10 000 Habitatbäumen – fünf pro Hektar, die zehn Jahre lang erhalten werden müssen – nicht zu schaffen. Dies würde zusätzliche Kosten von 50 000 Euro verursachen. Am schwersten jedoch, so Mangold, wiegt die Anforderung, dass fünf Prozent der Waldfläche für 20 Jahre komplett aus der Nutzung genommen werden müssten, also 100 Hektar. „Wir wären 20 Jahre lang in der Waldnutzung eingeschränkt und gegängelt“, stellte Finanzbürgermeister Stefan Metzing fest.

Im Arboretum wachsen rund 90 Baumarten

Unterm Strich würden zudem weit weniger als die avisierten 1,5 Millionen Euro in der Stadtkasse landen. Abzüglich aller Kosten, unter anderem für zusätzliches Personal und wegen verringerter Einnahmen aus dem Holzverkauf, beliefe sich die Summe auf 500 000 Euro, also 25 000 Euro jährlich. „Die würde wohl der erhöhte Bürokratieaufwand auffressen“, prognostizierte Metzing. Ob das Förderprogramm eher auf Regionen wie den Harz abzielt oder sich für Kommunen mit weniger Waldeigentum positiver darstellt, waren Fragen, die offenblieben.

Herrenberg kann bei der Frage, welche Baumarten künftig den städtischen Wald bereichern könnten, auf Erfahrungswerte aus einem besonderen Schatz zurückgreifen: Auf das Arboretum im Haslacher Wald, nahe der einstigen Bundesstraße B 28 zwischen Herrenberg und Nagold. Dieses parkähnliche, rund 1,5 Hektar große Waldstück wurde im Jahr 1980 vom Rotary-Club Nagold-Herrenberg mit rund 70 verschiedenen Bäumen und Sträuchern angelegt. Inzwischen wachsen dort rund 90 Arten. Insbesondere potenziell klimaresiliente Arten wurden ergänzt.

Ein Abschiedsgeschenk für Thomas Sprißler Foto: Käthe Ruess

Die frisch angebrachten Infotafeln liefern daher den Besuchern des Kleinods, das 15 Gehminuten vom Wanderparkplatz „Schulmeisterbuche“ entfernt liegt, nun zusätzliche Informationen darüber, ob die einheimischen und fremdländischen Arten mit dem Klimawandel zurechtkommen. Als positive Beispiele stellte der zuständige Revierförster Winfrid Seitz den Tulpenbaum und die Atlaszeder vor. Der Initiator war der damalige Leiter des Herrenberger Forstamts, Hansjörg Dinkelaker. Der Weg, der zum Arboretum führt, trägt nun seinen Namen. Die Enthüllung des entsprechenden Schilds war auch ein Programmpunkt beim jüngsten Begang.

Das Missverständnis mit „Bambi

Während im Arboretum Baumarten im Mittelpunkt stehen, erfahren Waldbesucher am Damwildgehege an einer neuen Infostation Wissenswertes über Rehe, Damwild sowie Hirsche, also Rotwild – insbesondere wodurch sich diese Arten unterscheiden. Den sich hartnäckig haltenden Irrglauben, dass das Rehkitz das Jungtier des Hirsches sei, verortet die für diesen Bereich zuständige Revierförsterin Stefanie Knorpp in der Disney-Trickfilmadaption von „Bambi“.

Denn anders als in Europa – Autor ist der österreichisch-ungarische Schriftsteller Felix Salten – ist Rehwild in den USA unbekannt. Die dort heimischen Weißwedelhirsche dienten daher als Vorlage. Die Verwirrung komplettierte dann die deutsche Synchronisation – in dieser wurde das gezeichnete Hirschkalb wieder zum Rehkitz.

Zwei Abschiede im Wald

Schluss I
  Der Herrenberger Waldbegang findet seit 1904 statt. 2001 hat Reinhold Kratzer als Forstamtsleiter zum ersten Mal daran teilgenommen. Sein 23. war nun sein letzter Gang – im März geht er in Ruhestand.

Schluss II
Für Thomas Sprißler war sein 16. Waldbegang sein letzter. Der OB stellt sich nicht zur Wiederwahl. Zum Abschied widmeten ihm die Forstleute ein neues, von ihnen gebautes Trimmgerät für den Parcours nahe des Naturfreundehauses: Kreuzheben ist nun beim „Thomas Sprißler-Spezial“ angesagt.

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