Waldenbuch Einer der letzten Traditionsläden schließt

Von Claudia Barner 

Das Ladensterben geht weiter: Das Geschenklädle von Irene Köcheler und Brigitte Schultz schließt nach 35 Jahren. Ein Nachfolger hat sich nicht gefunden – das hat verschiedene Gründe.

Bei der Langen Kürbisnacht am Wochenende beginnt im Laden von Irene Köcheler und Brigitte Schultz  der Abverkauf. Foto: Claudia Barner
Bei der Langen Kürbisnacht am Wochenende beginnt im Laden von Irene Köcheler und Brigitte Schultz der Abverkauf. Foto: Claudia Barner

Waldenbuch - Die letzte Absage kam vor einer Woche – und mit ihr die Gewissheit, dass wieder ein Ladengeschäft mit Tradition und Seele in der Waldenbucher Innenstadt die Türen schließt. Ein Jahr lang haben Brigitte Schultz und Irene Köcheler versucht, einen Nachfolger für ihr Geschenklädle an der Grabenstraße zu finden. Frustriert haben sie dabei festgestellt: „Nach der ersten Euphorie war den Bewerberinnen ein sicherer Arbeitsplatz mit festen Zeiten und weniger Verantwortung dann doch wichtiger.“

Brigitte Schultz hat den Schlusspunkt gesetzt. Im März hat sie ihren 65. Geburtstag gefeiert. Sie geht in Rente. Ohne die kaufmännische Stütze des kleinen Ladens will Irene Köcheler nicht weitermachen. Bei der Langen Kürbisnacht am kommenden Wochenende beginnt der Abverkauf. Den beiden Geschäftsführerinnen fällt der Abschied schwer: „Der Laden war wie ein weiteres Kind für uns. Wir hatten so sehr gehofft, dass es weitergehen kann.“

Gegenentwurf zum Internet-Einkauf

Diesen Wunsch dürften sie mit vielen Kunden teilen. Wer die weiße Holztür in dem historischen Quereinhaus am Eingang zur Altstadt passierte, fand dort den Gegenentwurf zu seelenlosen Malls und den Ein-zwei-drei-Klickbestellungen im Internet. Wenn die Zeit nicht drängte, konnte man sich in einer Vielzahl kleiner Räume stundenlang beim Stöbern und Staunen verlieren. „Bei uns gibt es alles, was schön und gut ist und was man schenken kann“, lautete die Philosophie der Eigentümerinnen.

Daraus resultierte eine einzigartig bunte Mischung, die garantierte, dass vom Baby bis zum Uropa das passende Geschenk vorhanden war. Sinnvoll ausgewählt, geschmackvoll präsentiert und auf den aktuellen Geschmack abgestimmt. Zur zahlenden Kundschaft gesellten sich deshalb immer wieder auch Passanten, die nur vorbeikamen, um die außergewöhnliche Atmosphäre zu genießen. Wenn Irene Köcheler nachfragte, wie sie helfen könne, bekam sie zur Antwort: „Ich wollte einfach mal meine Augen spazieren gehen lassen in ihrem schönen Laden.“

Es wurde einfach immer schwieriger

Das schmeichelte der kreativen Seele der 59-Jährigen, zeigte aber auch, dass die Zeiten für kleine Einzelhändler härter wurden. Nach 35 Jahren hinterm Ladentisch, mit Sechstage-Woche und verkaufsoffenen Sonntagen, mit dem Ladensterben in der Nachbarschaft und Kunden, deren Anspruchshaltung wuchs, weil sie das Angebot der Online-Shops zum Maßstab nehmen, hat es Brigitte Schultz und Irene Köcheler nicht wirklich überrascht, dass sich kein Nachfolger fand. „Ich kann verstehen, dass die Leute ins Grübeln kommen, wenn sie hören, was alles dahinter steht“, sagt Brigitte Schultz.

Denn einen Bonus für kleine Einzelhändler gibt es nicht. „An uns werden die gleichen Anforderungen gestellt, wie an den großen Fachmarkt“, erzählt Irene Köcheler. Zweimal im Jahr ging es zur Fachmesse Trendset nach München, der Einkauf, die Deko, die Werbung, Löhne und Gehälter, Reklamationen, Events, immer für den Kunden da sein und vieles mehr. „Es sind die kleinen Dinge, die einen fast auffressen“, sagt sie.

Warum wollte keiner den Laden übernehmen?

Manchmal waren die Einzelhändlerinnen am Limit. Aufgeben kam aber nicht in Frage. Ihr Credo lautet: „Man muss auch schwierige Zeiten aushalten können.“ Die Begegnung mit Menschen und der Kontakt zu den Kunden habe das wieder aufgewogen. „Wir haben auch viel Spaß gehabt. Wir waren ein gutes Team, und unsere Familien haben uns unterstützt. Das hat mich durchs Leben getragen“, sagt Brigitte Schultz.

Die nachfolgende Generation hat andere Vorstellungen von ihrer Work-Life-Balance. Die Einkaufswelt verändert sich. Brigitte Schultz und Irene Köcheler haben das akzeptiert: „Zurückspulen kann man die Zeit nicht mehr.“ Doch ein Stückchen Wehmut bleibt: „Die Menschen in den Städte und Gemeinden abseits der großen Zentren sind die Verlierer. Die Waldenbucher Grabenstraße war noch vor zehn Jahren eine lebendige Einkaufsmeile. Das hat sich gravierend verändert.“