Waldenbuch/Steinenbronn Warum die Fische aus dem Sulzbachsee umziehen müssen

Von Claudia Barner 

Es ist ein Schauspiel, das es nur alle 20 Jahre zu besichtigen gibt: Das Wasserwirtschaftsamt des Kreises Böblingen leert den Sulzbachstausee für einen gründlichen Sicherheitscheck. Vorher müssen Fische und Muscheln raus.

Zweieinhalb Tonnen Fisch und 1000 Teichmuscheln müssen umziehen. Foto: Claudia Barner
Zweieinhalb Tonnen Fisch und 1000 Teichmuscheln müssen umziehen. Foto: Claudia Barner

Schönbuch - Am Sulzbachsee herrscht Hochbetrieb. Männer, Frauen und Kinder wuseln durch das Wäldchen unterhalb des Staudamms. Sonst schlängelt sich der Abfluss des Hochwasserrückhaltebeckens an dieser Stelle als ruhiges Bächlein zur Aich, doch heute schäumt es. Es ist der letzte Akt eines Schauspiels, das es nur alle 20 Jahre zu besichtigen gibt: Das Wasserwirtschaftsamt des Kreises Böblingen leert den See für einen gründlichen Sicherheitscheck. Zweieinhalb Tonnen Fisch und 1000 Teichmuscheln müssen deshalb umziehen.

Vom 3,4 Hektar großen Gewässer ist am Samstagmorgen nur noch ein Tümpel übrig. „Wir haben vor einer Woche begonnen, die 84 000 Kubikmeter Wasser abzulassen“, erzählt Daniel Hartmann, der für die Sicherheit und den Betrieb der Rückhaltebecken im Wasserverband Aich zuständig ist. In Waldenbuch, das durch den Sulzbachstausee vor Überschwemmungen geschützt wird, war davon nichts zu spüren. „Die Mengen waren so dosiert, dass sich der Pegel der Aich kaum erhöht hat“, sagt Amtsleiterin Eva de Haas.

Die Fische werden durch den Damm gespült

In den letzten Kubikmetern, die sich vor dem Staudamm gesammelt haben, peitschen die Flossen der Karpfen, Zander, Schleien, Hechte und Weißfische das Wasser auf. Unterhalb des Damms stehen die Mitglieder des Sportfischerverein Schönaich/Steinenbronn mit 60 Helfern. Der Verein pachtet den See seit dem Bau des Damms 1986 und übernimmt den Umzugsservice für Familie Fisch. „Wir spülen die Tiere schubweise durch den Damm und fangen sie auf der anderen Seite auf“, sagt Hubert Wnuck. Der Referent für Gewässer beim Landesfischereiverband hat das Projekt begleitet. „Die Bauanleitung für die hölzerne Rampe, die als Sperre im Bach aufgebaut ist, stammt von ihm“, sagt Vereinsmitglied Paul Reder.

Als Daniel Hartmann und sein Kollege Torsten Kugler zum letzten Mal die Schieber des Stauwerks öffnen, zeigt sich der Sinn der Vorrichtung. Das aufgewühlte Wasser ergießt sich samt seiner silberglänzenden, schlüpfrigen Fracht ins Auffangbecken am Fuß des Staudamms. Dort haben sich Fischer mit Keschern postiert. Was ihnen entgeht, wird einige Meter weiter an der Holzsperre angespült und abgefischt.

Der zappelnde Inhalt wird in Eimer gekippt

Jetzt muss alles ganz schnell gehen. „Ich habe einen Aal im Netz“, ruft ein Helfer und reicht den Kescher an Hubert Wnuck. Der steht am Ende einer der beiden Menschenketten, die den Bach und die Wasserbecken verbinden, Letzere hat der Fischereiverein aus Schwäbisch Gmünd am Ufer aufgebaut. In Windeseile wird der zappelnde Inhalt in einen Eimer gekippt und weitergereicht.

Norbert Bacher, der Gewässerwart des Fischervereins hat den Überblick. „Von den Auffangbecken kommen die Fische auf einen Sortiertisch und werden nach Arten getrennt. Dann geht es weiter in Behälter, mit denen sie zu Gewässern befreundeter Vereine transportiert werden.“ Um 8 Uhr morgens hat die Aktion begonnen. Bereits zur Mittagszeit ist der letzte Fisch verladen. „Das lief reibungslos und ohne nennenswerte Verluste“, sagt Norbert Bacher. Auch Daniel Hartmann ist zufrieden: „Ich hatte mit mehreren Tagen gerechnet. Schön, dass wir so schnell fertig sind.“ Für das Team vom Böblinger Wasserwirtschaftsamt geht die Arbeit weiter. In den nächsten Wochen werden die Anlagenteile des Damms geprüft, die sonst unter Wasser liegen. Besteht Sanierungsbedarf, kann es Monate dauern, bis der See wieder aufgestaut wird. „Während dieser Zeit erfüllt das Rückhaltebecken seine Schutzfunktion“, versichert Eva de Haas.

Anlagenteile des Damms werden nun überprüft

Im Blick hat ihre Behörde auch den mehrere Meter dicken Schlick, der sich am Grund des Sees gebildet hat. „Die Schicht kann jetzt trocknen und verdichten“, sagt die Amtsleiterin. Was für die Natur gut ist, kann für den Menschen gefährlich werden. „Der See darf auf keinen Fall betreten werden. Selbst wenn die Oberfläche trocken erscheint, versinkt man im Schlamm ähnlich wie im Treibsand. Das ist lebensgefährlich“, warnt sie. Auch Hundebesitzer sollten ihre Tiere deshalb anleinen.




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